AUF DEN SPUREN VON ANDREW HULL

Temporäre Überwindung der Scheißvergänglichkeit

VON KIRSTEN RIESSELMANN

Das ganze Jahr über war er da. Wo man auch saß, stand, lief und spazierte, er tauchte auf. Als mysteriöser Wiedergänger hing er an Häuserwänden, Plakatflächen und Glascontainern. Es gab Sichtungen in Friedrichshain, Mitte und Kreuzberg, erst letzte Woche noch begegnete er mir im Hof der Sophiensæle. Andrew. Mehr als seinen Namen erfuhr man nicht von ihm. Als schwarz gestrichelte Kohlezeichnung auf weißem Grund blickte er einen aus seinen großen, entschlossenen Augen an, den Schatten eines Dreitagebarts ums Kinn, die sture Falte über der Nasenwurzel, das Hemd locker offen, die verspielte Tolle über der Stirn. Andrew.

Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass sich seine Identität von selbst aufklären würde. Eine Figur in der viralen Marketingstrategie von Nike vielleicht. Die Ikone einer neuen Bar auf der Weserstraße. Ein Teaser für die Ausstellung einer Konzeptkünstlerin in den KW. Das Gesicht einer supersocialmediamäßigen Crowdfundingkampagne. Irgendwie so was. Aber nichts passierte. Andrew hing herum. Das Jahr schrieb sich in ihn ein. Er wurde überklebt. Er wurde nass und wieder trocken. Er wurde abgerissen und in Studentenküchen neu aufgehängt. An manchen Stellen widersetzte sich sein Charisma der Zukleisterung, und nur die Plakatschichten um ihn herum wurden dicker. Und kurz vor Jahresende wusste ich es immer noch nicht: Wer ist Andrew?

Man musste es ein bisschen bitten, aber schließlich enthüllte das Internet Stück für Stück seine Geschichte. Andrew Mackenzie Hull, 1963 in Kanada geboren, studierte erst Architektur in Ottawa, dann Film am Bauhaus in Dessau, wo er der beste Freund von Stephen Kovats wurde, der bis 2011 die Transmediale leitete. Er drehte eher experimentelle Kurzfilme, die um die deutsche Wiedervereinigung, Drogen, HIV, Coming-out und Techno kreisten. Er lehrte am Bauhaus, er schrieb, er feierte, genoss die aufregende Nachwendezeit in Berlin.

Öffentliche Trauer üben

Danach zog Andrew Hull zurück nach Toronto und dann nach London, zu seinem Lebensgefährten, dem Maler Shaan Syed. Im Mai 2010 hatte er in London einen Fahrradunfall und starb in den Armen seines Freundes an seinen Kopfverletzungen. Andrew Hull wurde 46 Jahre alt.

Im Nachruf stand, er sei besessener Musikfan, Kanufahrer und Koch gewesen. So gut in so vielen Dingen. Ein begnadeter Tänzer und „fast unmöglich gut aussehend“.

Shaan Syed zeichnete nach Andrews Tod dessen Porträt und begann noch 2010 mit seinem „Andrew Project“: In drei Wochen klebte er 1.000 Plakate, zu Fuß unterwegs, kreuz und quer durch Toronto. Er mailte mir, es sei eine „zermürbende Selbstgeißelung“ gewesen. Ende 2011 kam Syed nach Berlin und machte dasselbe noch mal, weil Berlin „eine so große Rolle dabei gespielt hat, Andrews Ansichten über Poesie, Politik, Kunst und Schönheit zu formen“. Einem Blog gab Syed zu Protokoll, das Posterprojekt sei „eine Hommage, gleichzeitig aber auch eine Übung in öffentlicher Trauer“. Mir schrieb er, es stelle „die Strapazierfähigkeit des Gedächtnisses auf die Probe“. Auf jeden Fall ende das Projekt erst, „wenn die Leute das Bild vergessen“.

Das wird so schnell nicht passieren. Noch klebt Andrew, hier und da. Ein jahresendzeitliches Hoch also auf ihn, die Liebe und die temporäre Überwindung der Scheißvergänglichkeit.