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Sport und Hybris

POSITION Nach dem Hamburger Olympia-Aus schimpfen Athleten gerne. Doch der gesamte Sport steht auf dem Prüfstand

So offen wie selten zuvor wird dieser Tage versucht, den Sport in unserer Gesellschaft zu verorten. Spätestens mit dem Aus für die Hamburger Olympia-Bewerbung sehen besonders die VertreterInnen des Sports selbst seine Bedeutung schwinden: „Welche Vision von sportlicher Zukunft verfolgen die Menschen in dem Land, für das ich kämpfe, überhaupt noch?“, fragte Diskus-Olympiasieger Robert Harting.

Doch bei aller Enttäuschung trägt die Absage an Spiele in Deutschland auch einige Botschaften in sich, die an die AthletInnen selbst adressiert sein könnten: Zum einen, dass sich eine wache, demokratische Gesellschaft nicht freiwillig dem Diktat immer profitorientierterer Sportverbände unterwirft. Bei den Sportlern selbst regt sich dagegen erstaunlich wenig Widerstand, noch nicht mal über Kommerzialisierung wird kontrovers debattiert. Dabei sind die Sportler, wenn man so will, das zu vermarktende Produkt und entsprechend in der Lage, Veränderungen zu bewirken. Oder doch zumindest Zeichen zu setzen.

Tatsächlich jedoch ist das Prinzip, nachdem LeistungssportlerInnen ihren Träumen nacheifern, dem der Verbände und Sponsoren erstaunlich nah. Um olympische Medaillen zu erringen, investieren sie enorm viel Zeit in Training und Wettkämpfe, deren Ertrag einzig der persönliche Erfolg ist. Das Hamburger Ergebnis lasse ihn, schreibt etwa ein Hamburger Ruderer auf Facebook, „wieder einmal zweifeln, ob der immense Aufwand vieler Athleten ausreichend wertgeschätzt wird“.

Dabei verwechseln diese SportlerInnen bisweilen gesellschaftlichen Nutzen mit persönlichem Erfolg und entwickeln eine Erwartungshaltung, die schwer nachzuvollziehen ist. Die Vorbildfunktion der großen Namen des Sports mag zwar unbestritten sein. Doch konsequent zu Ende gedacht lehren diese Vorbilder vor allem, wie man sehr viel Energie darauf verwendet, nur für sich und den eigenen Erfolg zu arbeiten und damit Zeit zu opfern, die man auch gesellschaftlich relevanteren Tätigkeiten widmen könnte.

Um ihn für ausreichend relevant zu erklären, wird der Nutzen des Spitzensports häufig mit den Publikumserwartungen legitimiert. Nach dem Motto „Das Land fordert ja Medaillen“ sehen viele AthletInnen ihr Tun einer höheren Bedeutung unterworfen. Doch woraus legitimiert sich eigentlich diese Erwartungshaltung der Bevölkerung? Von SportlerInnen Leistungen zu erwarten, bedeutet, sie als Repräsentanten des eigenen Landes zu verstehen. Hier aber beginnt sich eine Gesellschaft über diese Leistung zu definieren – und zwar in Abgrenzung zu denen anderer Nationen.

Es muss erlaubt sein zu fragen, ob man sich wirklich von der Leistung eines Sportlers seines Heimatlandes repräsentiert fühlen muss oder ob man nicht in einem veralteten, nationalen Denkmuster verhaftet ist. Das jedoch würde den Spitzensport seines gesellschaftlichen Mehrwerts berauben, ihn nicht entzaubern aber auf jeden Fall reduzieren auf das, was er ist: egoistisch.

Dieser gesellschaftliche Mehrwert des Spitzensports ist es wohl, der dieser Tage in Deutschland deshalb vielleicht nicht in Frage gestellt, auf jeden Fall aber relativiert wird. In Z­eiten der Flüchtlingskrise und einem sich schleichend renationalisierenden Europa sucht und braucht die Gesellschaft Vorbilder, die mehr erreichen wollen, als nur sich selbst im Rampenlicht zu sehen. Der deutsche Sport und viele seiner Akteure hat die Chance bekommen, das zu begreifen und aus seiner selbstreferenziellen Blase herauszublicken. Daraus könnte schließlich auch eine gewisse Demut erwachsen, ­genauso wie aus der Einsicht, dass die Möglichkeit, Spitzensport zu betreiben, nicht wesentlich zum gesellschaftlichen Fortschritt beiträgt, sondern vielmehr sein Ergebnis ist.

Kristof Botka