Angstgestört Der neue Roman von Andrea Sawatzki, früher „Tatort“-Kommissarin, ist ein (fast) echter Psychothriller

Frau in psychischer Schieflage

Als Schauspielerin muss man das ja auch können: Den Figuren, die man spielt, gleichsam unter die Haut kriechen. So hat Andrea Sawatzki, die einst als Kommissarin Charlotte Sänger wohl eine der fragilsten „Tatort“-Ermittlerfiguren darstellte, eigentlich nur das Medium gewechselt, als sie vor ein paar Jahren das Schreiben als neues Tätigkeitsfeld entdeckte. Ihr Debüt „Ein allzu braves Mädchen“ war eine Art psychologische Studie mit ein paar Krimianteilen, danach folgten zwei Familienromane. Mit ihrem neuen Roman „Der Blick fremder Augen“ hat Sawatzki nun erstmals ein Buch vorgelegt, das (beinahe) ohne Weiteres als Psychothriller durchgehen kann.

Wie in ihrem Erstling steht eine psychisch labile junge Frau im Mittelpunkt der Romanhandlung, welche sich mit der unaufhaltsamen Tragik einer griechischen Tragödie entwickelt: Katrin, eine eigentlich attraktive, eigentlich glücklich verheiratete Endzwanzigerin, hat seit einer Fehlgeburt zunehmende Schwierigkeiten, ihren Alltag zu bewältigen. Der morgendliche Weg zur Arbeit in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln, ungerechte Behandlung durch ihren Chef, Ärger mit der Vermieterin – alles zusammen führt dazu, dass es ihr zunehmend schwer fällt, überhaupt aus dem Haus zu gehen. Doch auch in ihrer eigenen Wohnung beginnt sie bald die unsichtbare Anwesenheit von etwas Bedrohlichem zu spüren. Sawatzki schildert die Angststörung ihrer Protagonistin nachvollziehbar und suggestiv. Der Ursprung dieser psychischen Schieflage wird nach und nach im Roman aufgedröselt. Zwar wirkt das traumatische familiäre Setting, aus dem Sawatzkis Protagonistin stammt, ein wenig dick aufgetragen, aber das mag einem zum Teil auch nur dann so vorkommen, wenn man selbst – wie vermutlich auch die Autorin – immer so stinknormal wohlbehütet war.

Was Sawatzkis Buch dazu berechtigt, als Genreroman wahrgenommen zu werden, ist, dass sie dem Psychokram eine ausführliche kriminalistische Perspektive entgegenstellt – und dabei ein sympathisches und nicht unoriginelles Ermittlerduo erfindet. Der „Tatort“ lässt grüßen. Kommissarin Melanie Fallersleben, eine Frau in ihren besten Jahren, beginnt gerade damit, sich mit ihrem ungewollten Singleleben zu arrangieren, während ihr Kollege Steffen Müller unglücklich verliebt ist in einen seiner Mitbewohner. Beide werden von ihren privaten Problemen hinreichend abgelenkt, als sich in Berlin – ja, da spielt der Roman offiziell, aber der Schauplatz ist austauschbar – die blutigen Mordfälle häufen. Zuerst wird im Grunewald eine Frau mit durchgeschnittener Kehle entdeckt, bald folgen weitere Tote. Nach und nach merkt Melanie, dass eine junge Frau, die sie selbst einst vom Sehen kannte, offenbar mit allen Mordopfern irgendwie in Verbindung stand. Und auch wir LeserInnen kennen natürlich diese junge Frau …

Für einen ganz echten Krimi, oder einen ganz gelungenen Thriller, ist die Handlung im Grunde zu wenig auf überraschende Wendungen hin angelegt. Eigentlich weiß man fast alles immer schon vorher – ein Manko, das Sawatzki damit auszugleichen sucht, dass sie mit blutigen Details nicht geizt. Das macht die Sache nicht spannender, sondern platter, denn auch in diesem Bereich ist die Klischeegefahr hoch. Und trotzdem liest sich „Der Blick fremder Augen“ insgesamt wirklich ziemlich gut – weil Sawatzki ihre Figuren gekonnt führt und man ihr gern immer weiter dabei folgt. Und irgendwie ist es dann tatsächlich doch noch überraschend verrückt, wie am Schluss die beiden Handlungsstränge zusammenwachsen. Katharina Granzin

Andrea Sawatzki: „Der Blick fremder Augen“. Droe­mer Verlag,München 2015. 304 S., 19,99 Euro