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KUNST

KunstNoemi Molitorschaut sich in Berlins Galerien um

Der Zufall – kosmischer Witz, kosmische Konstante oder doch einfach nur der spontane Funke der Kreativität? Kuratorin Jagoda Kamola lud für eine Gruppenausstellung im Centrum Projektraum die Fotografin Eva Vuillemin,die Bildhauerin Rike Korb und den Soundkünstler Mat­thias Krieg dazu ein, dem Zufall freien Lauf zu lassen. Vuillemin und Korb versuchten sogleich, im Schwimmbad synchron vom Turm zu springen. Wie das fotografische Zeugnis dokumentiert, gelang dies, wenn überhaupt, dann nur per Zufall. Im Vorderraum markiert eine abgegriffene Stelle am Boden zufällig den Platz für drei Beton­skulp­turen, die mit ihren auskragenden Stahlstangen figurativ wirken. Das Klopfen aus Kriegs Soundteppich erscheint natürlich immer nur zufällig (Reuter Str. 7, bis. 1. 11., Besuch: info@centrumberlin.com).

Bei Rosemary Lee ist der Zufall Teil der Berechnung. Ihre Ausstellung „The Typesetter’s Ruminations“ bei Gilla Lörcher zeigt Kupfer- und Bleiplatten, Grafitzeichnungen und gefundene Objekte. Gemeinsam ist ihnen der Bezug zu Elektronik, chemischen Formeln und natürlichen Substanzen, der die ästhetische Wirkung der Arbeiten ergänzt. Vier Platten aus Epoxy Fiberglas Kupfer zeigen jeweils unterschiedliche Stadien eines Verätzungsprozesses mit Säure. Dieser lang ausgesetzt, schillern sie silbern und lila, nach kurzer Behandlung bleibt das Gelb der Beschichtung sichtbar. Kaum merkbar handelt es sich bei den schillernden Formationen, die darübergestanzt sind, um die chemischen Formeln von Mineralien, die bei Elektrogeräten eingesetzt werden. Überbleibsel eines solchen Gerätes, einen e-Reader, fand Lee zufällig auf der Straße. Nur noch ein Bildschirmgerippe ist übrig, aber die Speicherplatte ist intakt und spielt brav ein immer gleiches Bild ab. Die titelgebenden „Grübeleien des Schriftsetzers“ wiederum sind Zeichen des Durchplanens. Welcher Platzhalter an welche Leerstelle kommt, ist entscheidend, um mit den aufgereihten Blei­blöcken Sätze zu bilden (Pohlstr. 73, bis 6. 11., Mi–So, 13–18 Uhr).

Zufälligerweise erinnert mich Florian Japps raumgreifende Konstruktion aus Stahlrohren bei Rockelmann & an U-Bahn-Stationen in den USA. Da stützen auch oft irgendwelche Stahlträger einen durchweichenden Fußgängerübergang, und der dichte Verkehr läuft weiter. Hier ist das Durchschlängeln noch schwieriger, Japps bunte Röhren und eigens entworfene Träger stapeln sich in allen Ecken und Winkeln und lassen nur den nötigsten Platz zum Umrunden. Aber: Kein einziges Rohr berührt das andere. So wenig Kontakt auf so geringem Raum. Zufall? (Schönleinstr. 5, bis 5. 12., Mi–Sa, 13–18 Uhr).

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