Berliner Szenen: Besoffen auf Beerdigung
Wespenstich
Sitze am Schreibtisch und arbeite. Die Balkontür steht offen, damit ein bisschen Luft reinkommt. Es ist heute angenehm kühl draußen, ich wollte sogar auf dem Balkon frühstücken eigentlich. Morgens hab ich Sonne. Aber ich hatte das Tablett noch nicht mal abgestellt, da kamen schon zwei Wespen angeflogen. „Jungs, das ist jetzt nicht euer Ernst!“, sage ich. Die sind ja so blöd grade, die Wespen. Fliegen alle, als ob sie besoffen wären. Insekt in Sekt. Höhö!
Das kommt, weil die Königinnen tot sind, hab ich neulich gelesen. Wenn die Wespenköniginnen sterben, werden die Wespen orientierungslos. Auf Beerdigungen besäuft man sich immer am meisten.
Ich sitze am Schreibtisch und arbeite, da höre ich ein Kind auf der Straße: „Ooooopaaaa!“
Vom Balkon auf der anderen Straßenseite kommt Antwort: „Jaaahaaa!“, flötet eine ältere Männerstimme.
„Guck doch ma, wer hier ihiiis!“ ruft das Kind wieder. Antwort: „Weißich nich, wer is denn daaa?“ Gott, ist das süß, denke ich. Sie spielen „Du siehst mich nicht, wenn ich dich nicht sehe“. Das Kind löst auf: „Na, die Miri!“, sagt es, als würde es hinzufügen „… kleiner dummer Opa!“
„Miri!“, ruft der Opa, „Bist du ganz alleine gekommen?!“ Er klingt wahnsinnig ehrfürchtig. Miri hört es auch.
„Ja“, sagt sie stolz, „ganz alleine gekommen!“ Ich kann hören, wie sie lacht und sich in die Brust wirft. Ich weiß, wie der Opa guckt.
„Dann komm schnell hoch“, sagt er, mit lautem Theaterflüstern, „die Oma hat Kuchen gebacken.“
Ich möchte auch Sommerferien haben! Lea Streisand
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