DEBÜT Brutalität und poetische Feinfühligkeit schließen sich ganz und gar nicht aus: „Der dunkle Fluss“ von Chigozie Obioma

Eine düstere Prophezeiung, die sich selbst erfüllt

Die Prophezeiung hätten die vier Brüder als leeres Gebrabbel eines stadtbekannten Irren abhaken können. Dann wären sie vielleicht dem Fluch entkommen. Doch Ikenna, Boja, Obembe und Benjamin, alle zwischen neun und fünfzehn Jahren alt, sind neuerdings Fischer, zumindest in ihren eigenen Augen. Seit der Vater, Angestellter der nigerianischen Zentralbank, die Millionenstadt Akure und mit ihr seine Familie für eine Weile zurückließ, um im Senegal zu arbeiten. Seitdem gehen die vier Brüder am Omi-Ala-Fluss fischen, an dessen Ufer Tierkadaver angespült werden.

Abulu jedenfalls, der nackte Obdachlose, sagt Ikenna, dem ältesten der Brüder, voraus, dieser werde durch die Hände eines Fischers sterben. Dass das einer der Brüder sein könnte, zermalmt Ikenna den Verstand. Nun ist der madman Abu­­lu zwar auch für allerlei Schabernack wie öffentliches Onanieren bekannt – aber eben auch dafür, das ein oder andere Unglück wahrheitsgemäß prophezeit zu haben. Dem Aufruhr in Ikenna setzt erst eine Schreckens­tat das Ende: Boja, der zweitälteste, ersticht Ikenna mit dem Küchenmesser und ertränkt sich selbst im Brunnen. Bilder der Angst schwirren ihm durch den Kopf, „wie Bienen in einem Bienenkorb. Beim Aufprall dann zerschmetterte der Bienenkorb und die Bilder flogen in alle Richtungen.“

Das ist eine der Stellen im Roman, an denen man meinen könnte, die Erzählperspektive sei nicht konsequent durchgezogen. Großteils ist „Der dunkle Fluss“ erzählt aus der Sicht Benjamins. Der ist aber sensibel genug, sich in die Köpfe der Menschen hineinzuversetzen, die ihm am nächsten stehen. So beobachtet er nach dem Tode der Brüder auch die Trauer der Mütter, die psychotische Züge annimmt: „Mutter bemerkte sie als Erste, die Spinnen und ihre halbkugelförmigen Netze, die von der Decke hingen, aber nicht nur das. Sie sah Ikenna auf dem Rücken der Tiere sitzen und uns heimlich beobachten.“ Man darf an Benjamin aus der Genesis denken, dessen Träume Warnung und Hoffnung bieten. Oder an Benji in William Faulkners „Schall und Wahn“. Auch dort ist die Zersplitterung einer Familie zentrales Thema.

Der Benjamin aus Chigozie Obiomas Debütroman „Der dunkle Fluss“ ist Sohn einer Mutter, die in Parabeln denkt. Er selbst hat den Hang zu Sprachbildern, die der Natur entlehnt sind. Abstraktes wandelt er in leichter (Be-)Greifbares: „Die Worte stolperten ihr rückwärts die Kehle hinunter“ oder „Diese Zunge, die jetzt stumm war, hatte vorher Worte hervorgebracht wie Pilze Sporen“. Benjamin, getrieben vom etwas älteren Obembe, folgt dessen Plan, Rache zu nehmen am verfemten Seher Abulu – von dem sie glauben, er habe das Unheil der Familie zu verantworten.

Der Erfolg, den das Debüt von Chigozie Obioma, Jahrgang 1986, aus Nigeria erfährt, hat auch Kritiker auf den Plan gerufen. Selbstexotisierung betreibe der inzwischen in den USA lebende Autor, schreiben europäische Klugredner, wegen seiner ausgeklügelten Natur-Sprachbilder. Solche Unterstellungen verkennen eine Stärke des Romans: Benjamin, den Erzähler, lernen wir weniger über seine Handlungen kennen. Über weite Strecken ist er kein Handelnder. Wir finden dann aber doch zu ihm, über die Weise, welche Gedankensprünge er unternimmt, welche Analogien er sieht, wenn er das große Beziehungsgeflecht seiner Familie beschreibt. Nicht der Autor selbst, sondern derjenige, der ihm diese Metaphorik untersagen will, muss sich Fragen nach postkolonialer Kontrolle gefallen lassen.

Und die mythologisierte Magie? Letztlich spinnt der Autor keinen exotisch wohlfeilen Fluch, sondern macht plausibel, dass das Blut, das fließt, und das verhinderte Glück, einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung folgen. Dass man die Familie als Verkörperung eines schon lange vor Boko Haram von Gewalt gebeutelten Landes lesen kann, forciert der Autor an keiner Stelle überdeutlich.

Der Vorwurf der Selbstexotisierung verkennt eine Stärke des Romans

Auch den Wahlkampf des 1993 vom Militär entmachteten frisch gewählten Präsidenten M. K. O. Abiola sowie Erinnerungen an Bürgerkriegsmassaker bindet Obioma stets unmittelbar an das mikrokosmische Schicksal der Familie. Dass ein dermaßen brutaler Roman mit solcher poetischen Feinfühligkeit vorgeht und unaufdringlich eine politische Lesart anbietet, macht ihn zu einem ganz großen Debüt.

Stefan Hochgesand

Chigozie Obioma: „Der dunkle Fluss“. A. d. Englischen von Nicolai von Schweder-­Schreiner. Aufbau Verlag 2015, 313 S., 19,95 Euro