Filmstart „Augen des Engels“: Protokoll des Scheiterns

Ein Film über einen Film, der nicht realisiert wird: Michael Winterbottom gelingt mit „Augen des Engels“ ein wundersames Paradoxon.

Filmstill mit Daniel Brühl und Kate Beckinsale. Bild: dpa

Am Ende wird der Film nicht gemacht. Man wolle „einen anderen Weg“ gehen, erfährt Thomas (Daniel Brühl), der Regie führen und das Drehbuch hätte schreiben sollen. Anders als sonst in Filmen übers Filmemachen ist diese Absage in „The Face of an Angel“ keine richtige Enttäuschung, im Gegenteil, bei Thomas löst sie eher Erleichterung aus.

Beim Zuschauer im Übrigen auch. Denn Michael Winterbottom gelingt mit „The Face of an Angel“ ein kleines Paradoxon: Er hat einen Film über einen Film gemacht, der erfolgreich belegt, dass es letzteren besser nicht geben sollte.

Das ist ein vertrackter Einstieg zu einem Stoff, der sicherlich seit Jahren schon von zahllosen Produzenten als ungeheuer „heiß“ gehandelt wird: Der mysteriöse und bis heute ungeklärte Mord an der 21-jährigen britischen Austauschstudentin Meredith Kercher am 1. November 2007 in Perugia, für den ihre Mitbewohnerin, die Amerikanerin Amanda Knox und deren Freund, der Italiener Raffaele Sollecitto angeklagt, verurteilt und in letzter Instanz aber freigesprochen wurden.

Eine schöne junge Tote, eine schöne junge Hauptverdächtige, dazu Sex, Drogen und schlampige Polizeiarbeit – es ist ein Thriller, der sich doch wie von selbst schreibt, sollte man meinen. Warum also quält sich Thomas, den Winterbottom in diesem Film offensichtlich als sein Alter Ego einsetzt, so sehr damit?

„Schaut, wie gut ich das könnte“

„Mach kein Documentary daraus, sondern einen Spielfilm“, bekommt Thomas gleich als ersten Ratschlag von seiner „Quelle“ Simone (Kate Beckinsale), einer Journalistin, die das Geschehen seit den ersten Tagen nach dem Mord vor Ort verfolgt hat. Das Ergebnis dieses Ratschlags sieht man währenddessen sich auf der Leinwand entfalten: Statt am Tatort Perugia spielt „The Face of an Angel“ in Siena und alle involvierten Personen tragen andere Namen.

Die Details des Falls, von den Blut- und DNS-Spuren über den vermuteten Tathergang bis zu den widersprüchlichen Beweisen, hat Drehbuchschreiber Paul Viragh aber in minutiöser Genauigkeit von Barbie Latza Nadeaus Buch „Angel Face“ übernommen. Nadeau ist das Vorbild der Kate-Beckinsale-Figur.

In ein paar Szenen deutet Winterbottom an, wie ein Spielfilm über den Mord wohl aussähe. So rekonstruiert er sehr präzis mehrere der berühmten Fotos der Akte, etwa wie Amanda Knox und ihr Freund am Morgen nach der Tat miteinander herumknutschen. Aber da sein Einstieg ja bereits die Metaebene ist – ein Film über einen Filmemacher, der deinen Film machen will – wirken diese Szenen nicht nur illustrativ, sondern fast ein wenig verächtlich, als wolle der Regisseur uns sagen: „Schaut, wie gut ich das könnte, wenn ich nur wollte!“

Keine Koketterie

Aber Winterbottom/Thomas wollen eben nicht. Statt dessen sieht man Thomas, wie er sich von Simone in die Fakten des Falls einweihen lässt und wie die beiden eine sehr lustlose Affäre beginnen. Zwischendurch skypt Thomas wehmütig mit seiner kleinen Tochter, die bei der geschiedenen Mutter lebt. Bald kommt er auf die vermeintlich originelle Idee, sich bei seinem Drehbuch an Dantes „Inferno“ zu orientieren, denn: „In der Mitte meines Lebenswegs fand ich mich wieder in einem dunklen Wald“.

Als Zuschauer möchte man da am liebsten „Achtung!“ gen Leinwand schreien. Aber siehe da, bald warnt im Film selbst eine Figur den brütenden Regisseur davor, aus dem Stoff eines Mords unter Studentinnen einen Film über einen mittelalten Mann machen zu wollen.

Spätestens da begreift man, wie ernst es Winterbottom tatsächlich mit seiner Metaebene ist. Er kokettiert nicht damit, um einen Krimistoff mit Nachdenklichkeit zu dekorieren, nein, ihm geht es wirklich um eine Reflexion der möglichen Herangehensweisen.

„Die Augen des Engels" , Regie: Michael Winterbottom. Mit Kate Beckinsale, Daniel Brühl, u. v. a., ES/UK/I 2014, 102 Min.

Für einige Momente scheint der Film kurz davor, ins Horrorgenre abzudriften. Aber dann merkt man, dass man damit auch nur wieder eine der Möglichkeiten vor Augen geführt bekam. Selten ist ein Scheitern ehrlicher protokolliert worden. Und das macht diesen Film schlussendlich doch sehenswert.

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