Punkfunk: Nie wieder Bequemlichkeit

Der Hipsterintellektuelle James Murphy hat mit "Sound Of Silver" aus dem Gefühl der Peinlichkeit eine brillante Platte gemacht.

Jake Waters ist LCD Soundsytem Bild: EMI

Es ist kein Spaß, gegenwärtig Amerikaner zu sein. Seit einiger Zeit schon nicht, und ein Ende ist auch nicht wirklich absehbar. Liberaler, weltoffener Amerikaner (oder Amerikanerin), sollte man vielleicht hinzufügen, damit genau das Missverständnis nicht entsteht, das ebendiesem liberalen, weltoffenen Amerikaner das Leben schwer macht: der Generalverdacht nämlich, er könnte genau dies nicht sein. Wobei das Problem natürlich im Kopf des liberalen, weltoffenen Amerikaners anfängt: in dem sicheren Gefühl, überall im Rest der Welt mit dem Klischeebild des bornierten Amerikaners gleichgesetzt zu werden. Das Ergebnis kennt man von einem beliebigen Europakonzert einer beliebigen US-amerikanischen Band, spätestens nach dem vierten Song fühlt sich der Sänger immer bemüßigt, zu verkünden, er habe natürlich auf gar keinen Fall George W. Bush gewählt und sei im Übrigen auch gegen den Krieg im Irak.

Nun ist James Murphy genau einer dieser Amerikaner, trotzdem wird man auf einen solchen Moment bei ihm lange warten können. "North American Scum" heißt die erste Single des neuen Albums "Sound Of Silver" seiner Band LCD Soundsystem, und damit überhaupt keine Missverständnisse auftauchen, erklärt Murphy beim Gespräch gleich zu Anfang und zum Mitschreiben, wie dieses Stück gemeint sei, als ironische Referenz auf die Kanadier nämlich, die alles US-Amerikanische als nordamerikanisch bezeichnen, solange sie es mögen, und den ungeliebten Rest als amerikanisch. Da sei er in komplizierten Zeiten wie diesen eben lieber nordamerikanischer Abschaum als irgendein anderer.

Es ist ein frischer Januarmorgen in Paris, Murphy winkt seit drei Tagen die europäischen Journalisten durch, heute sind die Deutschen dran, und er hat ausnehmend gute Laune. Die sich noch beträchtlich steigert, als er darauf hingewiesen wird, dass er mit dieser Art von nationalem Identifikationsproblem einem Deutschen nun wirklich nichts Neues erzählen könne, willkommen im Club. "Richtig, das hatte ich vollkommen vergessen", sagt er lachend, "Oh ja, tut mir leid für euch."

2006 lief gut für James Murphy. DFA, das Label, das er zusammen mit Tim Goldsworthy betreibt, hatte einen guten Lauf. Zwei Alben mit den gesammelten Remixen, die er unter dem Namen DFA zusammen mit Goldsworthy über die Jahre gemacht hat, sind erschienen. Und nachdem nun hoffentlich auch die letzte neue Band, die sich für ihren Gitarrensound auf den Postpunk der frühen Achtziger beruft, ihr Debütalbum abgeliefert hat, lässt sich mit einiger Beruhigung feststellen, dass wenige an die Brillanz des selbst betitelten Debüts von LCD Soundsystem herangekommen sind, das vor ziemlich genau zwei Jahren erschienen ist. Und zu guter Letzt hat Murphy im Herbst "45:33 Original Run" veröffentlicht, den Soundtrack zu einem neuen Nike-Laufschuh, ein ziemlich großartiges Stück von ebenjener Länge, die der Titel bezeichnet. Exklusiv bei iTunes Amerika erschienen und mit seinem verhaltenen Anfang, dem langsamen Hochschrauben, dem euphorischen Mittelteil und dem langsamen Ausfaden grob an der Dramaturgie eines Jogginglaufs entlanggeführt.

Zufriedenheit ist allerdings nichts, mit dem James Murphy gerne lebt. Es gibt kein Wort, das Murphy während des Interviews so häufig benutzt wie "embarrassing", "peinlich". In einem Restaurant sitzen und am Nachbartisch Amerikaner, die sich wahnsinnig laut unterhalten - "embarrassing". Die Vocals von "45:33" einsingen (die man tatsächlich kaum als Murphys erkennt, man glaubt eher, einen Soulsänger zu hören) - "very embarrassing". Und die ganze Entstehung von "Sound Of Silver" natürlich auch - "deeply embarrassing".

Nun hat Murphy keinen Grund, sich für irgendetwas zu schämen. "Sound Of Silver" ist eine großartige Platte geworden. Es gelingt ihr, was "45:33" schon andeutete, die Umwidmung des Punkfunk von LCD Soundsystem in ein eher an Disko-Entwürfen orientierten Sound, ohne dabei an Schärfe oder Präzision zu verlieren. Sieg auf ganzer Linie. Warum dieses Bestehen auf Embarrassement? Zumal Murphy nicht den Eindruck macht, als ob er das Bestehen auf der Peinlichkeit seines Tuns wie ein großes Schild vor sich hertragen würde, auf dem noch eine kleine "Deshalb seid nett zu mir"-Notiz befestigt ist. Nein, Embarrassement ist das Agens movens seines Schaffens. Das, was diese faszinierende Murphy-Figur am Laufen hält.

Und der Umstand, dass "Get Innocuous", das erste Stück des Albums, mit einem Beat anfängt, der klingt wie eine leichte Variation auf den Beat der LCD-Soundsystem-Debütsinge "Losing My Edge" (auf den dann ein "Wir sind die Roboter"-Schnarren und ein Pianoriff draufgelegt wird, bevor das Schlagzeug einsetzt), deutet in die Richtung: Es geht um die Transformation dieses James-Murphy-Charakters, der mit dem Erscheinen von "Losing My Edge" 2002 so treffend von Glanz und Elend des alternden Hipsters erzählt hatte, dessen cooles Wissen dabei ist, sein Verfallsdatum zu überschreiten. Eine der besten Singles, die dieses Jahrzehnt bisher hervorgebracht hat, weil sie so treffend umreißt, wovon diese Nullerjahre handeln, die bisher ja so überaus quälend sichtbar ohne großen musikalischen Quantensprung ausgekommen sind: der Durcharbeitung dessen, was da war. Nur: So war das nicht gemeint. Sagt Murphy. So wurde es irgendwann verstanden. Am Anfang sei es vor allem "embarrassing" gewesen, dieses Stück aufzunehmen.

"Ich musste raus aus dieser Bequemlichkeitszone", erläutert er. Diese Murphy-Figur sei ein eingeführter Charakter geworden. "Diese Figur ist aus einem Gefühl des Unbehagens entstanden. Aber weil die Reaktionen auf diese Figur so überwältigend positiv waren, wurde sie irgendwann zu einem Ort, an dem man sich wohlfühlen konnte. Dieser merkwürdige Typ, alt, aber nicht alt genug, ziemlich verbittert. Er wurde ein "character". So war er nicht entstanden, zuallererst war ich das mal gewesen."

Und wie macht man das? Wie macht man das vor allem, wenn man ein Hipsterintellektueller wie Murphy ist, der am liebsten Musik über Musik macht? Man schaut sich an, was man am liebsten mag und warum. Das waren vor allem zwei Dinge: die große New Yorker Disco Music der späten Siebziger und der frühen Achtziger. Und der kaputt metallische Sound einer bestimmten Rocktradition.

"Ich liebe den New Yorker Diskosound der späten Siebziger und frühen Achtziger. Es ist so faszinierend, die Ernsthaftigkeit des Gitarre- oder Bassspiels zu hören und wie sie in totale Fakeness übergeht. Es gibt immer diese Momente, wo das, was der Song sagt, so unglaublich hohl ist, aber wie und warum es gesagt wird, so unglaublich deep. Und man darf ja nicht vergessen, diese Musik wurde an einem Ort gespielt, der für viele der einzige Ort ist, an dem sie sich zu Hause gefühlt haben. Das bewegt mich."

Und das andere ist der kaputte Rocksound, der sich mit einer Proto-Industrial-Band wie Chrome verbindet. Einschränkend sollte man vielleicht sagen: So hört sich "Sound Of Silver" nicht an. Nicht nach Chrome, nicht nach Hawkwind, nicht nach den Loose Joints. Das sind eher Orientierungspunkte, die eine Haltung markieren. So etwas wie: Lass dir von deinem Wissen nicht die Sensibilität verstellen.

Und das dürfte auch die Unterseite von Murphys Embarrassement sein, seiner "metamusikalischen Verärgerung", wie der Kritiker Simon Reynolds sie einmal so treffend genannt hat. Auf der einen Seite hatte es keine Generation von Freunden des Pop je so gut gehabt wie heute: Die Verfügungsmacht über das globale Archiv versetzt einen in die Lage, fast alles zu hören, was je an Musik produziert worden ist, und die Technik zum Musikmachen ist heute besser und billiger denn je. Zum anderen verstellen einem diese schier endlosen Möglichkeiten aber leicht den Weg zum originellen Statement, zur Durcharbeitung des eigenen Gefühls. Das ist das Dilemma, dem sich "Sound Of Silver" stellt.

Da gibt es etwa "Someone Great", den Höhepunkt des Albums, ein episches Beardo-House-Stück voller Glockenspielgeklingel, über das Murphy im Interview nicht sprechen will - das muss er auch nicht, denn worum es geht, ist offensichtlich: Eines Morgens klingelt das Telefon, und eine Stimme überbringt die Nachricht vom Tod eines alten Freundes, den man seit langem aus den Augen verloren hat. So lange, dass man den Verlust umso schmerzlicher bemerkt, weil diese Nachricht zu dem Augenblick hätte werden können, an dem man gerne wieder Kontakt aufgenommen hätte. Der Kaffee schmeckt wie immer, das Wetter ist schön, es gibt Arbeit, die erledigt werden muss. Am offenen Sarg sieht die Leiche erstaunlich klein aus.

Solche Dinge passieren, wenn man älter wird. Sie in dem vollen Wissen, was alles schief gehen kann, wenn man diese Art von intimster Erfahrung glaubt mit der Öffentlichkeit teilen zu müssen, künstlerisch zu verarbeiten, ist auch eines der Dinge, die Murphy meint, wenn er "embarrassing" sagt. Gelingen ist in einem solchen Fall ursächlich mit Schiefgehen verbunden. Es ist ein bewegendes Stück. Murphy singt, und gerade der Umstand, dass er kein großer Sänger ist, kommuniziert den Gefühlskern umso überzeugender.

So könnte man "Sound Of Silver" durchbuchstabieren: In dem vollen Wissen um die Pappkameradenhaftigkeit der Murphy-Figur zieht er sie sich über und bewegt sich durch die Kulturlandschaft seiner Gefühle. Jemanden verlassen ("Time To Get Away"), Freundschaften über die Jahre halten ("All My Friends"), die emotionalen Klippen des Tourlebens ("Us vs. Them"). Wenig Gitarren, viel Klavier. Viel von diesem großartig tighten Schlagzeug. Überall Bass. Trockener Funk. Immer noch geht es darum, in dem Bewusstsein Musik zu machen, die wichtigen popmusikalischen Statements seien gemacht und deren popkulturellen Gesten hohl - ohne das Bedürfnis nach beidem abstreiten zu können.

LCD Soundsystem: "Sound Of Silver" (DFA/EMI)

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