"Iran kriegt die Bombe"

Der US-Politologe Jeffrey Gedmin gehört zu den profiliertesten Neocon-Vertretern in Deutschland. Der Leiter des Aspen-Instituts in Berlin plädiert für mehr Soldaten im Irak

"Iran kriegt die Bombe"

INTERVIEW von BERND PICKERT und DANIEL BAX

JEFFREY GEDMIN, 48, gilt als Sprachrohr der US-Neokonservativen und inoffizieller Botschafter der Bush-Regierung in Deutschland, weil er deren außenpolitische Linie so eloquent vertritt. Der Politologe machte unter Richard Perle Karriere am American Enterprise Institute für politische Forschung in Washington, einem neokonservativen Think Tank. Seit 2001 ist Gedmin Direktor am Aspen-Institut in Berlin und verfügt über gute Kontakte zur US-Regierung. In Talkshows und Zeitungskolumnen, etwa in der Welt, plädierte er vehement für den Einmarsch der USA im Irak.

FOTO: ANJA WEBER

taz: Herr Gedmin, sind die USA gegenwärtig dabei, den Krieg im Irak zu gewinnen?

Jeffrey Gedmin: Mir gefällt die Antwort, die der neue US-Verteidigungsminister darauf gegeben hat. Gates sagte "Nein, Sir." Und später fügte er hinzu: "Aber wir verlieren ihn auch nicht."

Was haben die USA falsch gemacht?

Es war ein Fehler von Verteidigungsminister Rumsfeld, zu glauben, dass er mit kleinen Einheiten und schlagkräftigen Truppen den Krieg gewinnen und das Land stabilisieren kann. Es fasziniert mich immer noch, wie jemand zugleich so klug und so dumm sein kann. Die Generäle haben darum gebeten, dass wir 200.000 oder 300.000 zusätzliche Soldaten schicken, aber wir haben es nicht getan. Das ist unsere wirkliche Schande. Das Problem im Irak war nicht der neokonservative Ansatz, sondern schlicht Inkompetenz.

Ist der Krieg also nicht mehr zu gewinnen?

Ich weiß es nicht. Die Demokraten und die öffentliche Meinung würden es nicht unterstützen, mehr Truppen in den Irak zu schicken. Die Bush-Regierung ist in dieser Frage gespalten. Plan B ist nun, was die Baker-Kommission vorgeschlagen hat: mit Syrien und dem Iran zu reden.

Mit den "Schurkenstaaten" zu verhandeln - können Sie als Falke diesen Gedanken überhaupt ertragen?

Ich bin nicht dagegen, mit ihnen zu reden. Aber ich weiß nicht, was wir ihnen anbieten können: Die Iraner wollen, dass wir sie mit ihrem Atomprogramm in Ruhe lassen. Die Syrer reklamieren die Golan-Höhen von Israel. Beide wollen, dass wir sie in Menschenrechtsfragen in Ruhe lassen.

Die USA sind doch auch mit autokratischen Staaten wie Pakistan und Saudi-Arabien verbündet.

Deutschland auch, im Übrigen. Sie wissen, dass der BND in Pakistan war, und Sie wissen, dass dort gefoltert wird. Es gibt eben immer doppelte Standards, weil unter 192 Ländern 40 Diktaturen sind. Da hat niemand den Luxus, sich seine Partner auszusuchen. Russland und Saudi-Arabien sind wichtige Energielieferanten für die EU. Die Frage ist: Wenn man seine Hände schon schmutzig macht - wo ist die Grenze?

Kritiker haben von Anfang an vorhergesagt, dass ein Krieg den Irak ins Chaos stürzt.

Der Terrorismus hat dort definitiv zugenommen. Aber, um einen historischen Vergleich zu bemühen: Auch der Nationalsozialismus hat während des Zweiten Weltkriegs durch die Interventionen von außen zunächst gewaltigen Auftrieb erhalten, bevor er besiegt wurde. Aber ich will nichts beschönigen: Es wurden schwere Fehler gemacht, und sie haben viele Leben gekostet.

Würden Sie heute zugeben, dass der Krieg ein Fehler war?

Nein. Es wäre falsch gewesen, nichts für die Menschen im Irak zu tun. Wir wissen von den Wahlen dort, dass die Mehrheit der Iraker gern eine halbwegs anständige, rechenschaftspflichtige Regierung hätte. Wie viele Menschen begehen Selbstmordattentate oder lassen Autobomben explodieren? Keiner weiß, ob es 5.000, 10.000 oder 100.000 sind, aber es ist eine Minderheit.

Aber von einer Demokratie ist im Irak nichts zu sehen. Stattdessen droht ein Bürgerkrieg.

Natürlich gibt es riesige Probleme im Irak. Aber Bush hat den Diskurs verändert: Man glaubt nun an die Fähigkeit der arabischen Welt zur Demokratie.

War es nicht naiv, die irakische Armee aufzulösen?

Heute wissen wir, dass das ein katastrophaler Fehler war. Aber es gab eben eine Debatte. Die einen argumentierten, dass die Armee das Instrument sunnitischer Repression gewesen sei, darum müssten wir sie auflösen. Die Schiiten würden sonst verrücktspielen. Die anderen meinten, wir sollten hier auf Stabilität setzen.

Zurück zum Baker-Report: Die arabische Welt ist elektrisiert von der Aussicht, dass sich die USA im israelisch-palästinensischen Konflikt engagieren wollen. Wird Präsident Bush das wirklich tun?

Ich bin für eine Lösung, aber ich glaube nicht, dass der israelisch-palästinensische Konflikt zentral ist für die Probleme im Irak. Von meinen Treffen mit Iranern und Syrern weiß ich, dass dieses Thema für sie stark an Bedeutung verloren hat. Viel wichtiger ist ihnen, was in ihren eigenen Ländern passiert.

Damit kehren wir auch zu dem Problem zurück, dass die USA nichts anzubieten haben.

Was Syrien angeht, so stehen wir ja durchaus im Dialog mit ihnen. Auch mit den Iranern gab es schon Kontakte auf niedriger Ebene, aber sie hätten lieber einen Termin im Weißen Haus, mit Flaggenparade und Staatsempfang.

Das wird den Iranern aber nicht reichen.

Das Problem ist: Was die Iraner von uns wollen, können wir ihnen nicht geben. Wir werden nicht davon ablassen, sie wegen ihres Atomprogramms unter Druck zu setzen. Wir werden nicht aufhören, ihre Menschenrechtsbilanz anzuprangern. Wir werden ihnen nicht den Südirak als Einflusssphäre überlassen. Und wir werden sie nicht diplomatisch anerkennen - nicht, so lange Ahmadinedschad davon redet, Israel solle von der Landkarte verschwinden. Vielleicht können wir ihnen Flugzeugteile liefern.

Der frühere US-Außenminister James Baker hat ausdrücklich gesagt: Ohne den Iran und Syrien einzubeziehen, sieht er keine Möglichkeit, die Lage im Irak zu verbessern.

Aber was sollen wir ihnen anbieten? Wenn Bush sagen würde, er will das Embargo aufheben - das würde der demokratische Kongress doch nicht mitmachen. Sie würden ihn in Stücke reißen. Ich glaube, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der Iran die Atombombe bekommt - ob nun mit oder ohne Irakkrieg. Diplomatie und Sanktionen werden sie nicht davon abhalten, das haben sie bislang ja auch nicht. Wir werden nicht dort einmarschieren. Ich bin ein Falke, aber ich habe mit Leuten im Pentagon und in Israel gesprochen: Das geht nicht. Wenn nicht etwas Unerwartetes passiert, dann werden sie die Bombe bekommen.

Sie klingen komplett ratlos.

Nehmen Sie an, die Iraner würden uns Stabilität zumindest im Südirak anbieten. Sie würden es mit ihren Leuten, ihrer Vision und ihren Werten tun. Moderate Schiiten-Kleriker würde aus dem Verkehr gezogen - und wir hätten eine ganz eigene Art der Stabilität im Irak. Dann hätten wir verloren, moralisch und strategisch. Wir müssten die Truppen im Irak verstärken, aber dafür gibt es momentan keine politische Mehrheit in Washington.

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