Aids-Aktivist: Ein großer Sohn Südafrikas

Edwin Cameron kämpft gegen das Aids-Tabu in seiner Heimat Südafrika. Er ist selbst infiziert und hat ein Buch darüber geschrieben. Eine Begegung.

"An Aids zu sterben, ist doch überflüssig": Edwin Cameron, Menschenrechtsaktivist aus Südafrika Bild: c.h. back

Gut sieht er aus, ausgeschlafen, trotz des langen Fluges vom südlichen Zipfel Afrikas in die Schweiz. Natürlich, es ist noch früh, gleich geht der Flieger nach Düsseldorf, ein leichtes Gähnen übermannt ihn doch kurz. Aber seine Stimme, dunkel und weich zugleich, der Klang lässt vermuten, dass er, dieser Edwin Cameron, absolut das Leben genießt. Und das ist ein Wunder, und von dem, nicht nur seinem persönlichen, erzählt er in seinem Buch "Tod in Afrika".

Geboren: 15. Februar 1953 in Pretoria, Hauptstadt von Südafrika. Beruf: Jurist. Richter am höchsten Berufungsgericht seines Landes. Berufung: Menschenrechtsaktivist seit Anfang der Achtzigerjahre - gegen das Apartheidregime, Homophobie und die Verharmlosung der Aidsepidemie. Prominentester Freund und Förderer: Nelson Mandela.

Autor: "Tod in Afrika. Mein Leben gegen Aids" (C. H. Beck, München 2007, 256 Seiten, 19,90 Euro, aus dem Englischen von Rita Seuß und Thomas Wollermann), ausgezeichnet mit dem wichtigsten Literaturpreis Südafrikas, dem Alan Paton Nonfiction Award.

Auftritt in Deutschland: Heute Abend im Rathaus Schöneberg in Berlin, 19.30 Uhr, liest er auf Einladung der Initiative Queer Nations, dem Verein HIV im Dialog und dem Berliner CSD e. V. aus seinem Buch. Morgen erhält er vom Berliner CSD e. V. den Zivilcouragepreis 2007. Laudatorin an der Siegessäule, 19.30 Uhr: Justizministerin Brigitte Zypries.

Was Cameron in seinem preisgekrönten Buch berichtet, ist die Erzählung des eigenen Lebens - wie ein Appell an die Eliten seines Landes, den Nomenklaturen Afrikas wie auch ein Manifest an die Adresse der reichen Länder des Westens, die schlimmste Epidemie nicht zu verharmlosen: Aids. Er weiß, wovon er spricht, denn er zog sich selbst diese Körperimmunschwäche in den frühen Achtzigern zu. Als aus der Infektion eine Krankheit wurde, als die Viren das Abwehrsystem seines Körpers angriffen, wollte er es partout verschweigen.

Aids - das ist auch in seinem Land ein stigmatisiertes Leiden, eine Metapher für das Aussätzige, denn es hat mit Sex zu tun, mit Unaussprechlichem gerade in Ländern, in denen über Sexuelles offen zu sprechen nicht üblich ist. Eigentlich ist in Südafrika, so Cameron, ein besonderer Kampf gegen Aids zu führen. Präsident Thabo Mbeki erklärte ja noch jüngst, diese Epidemie sei keineswegs tückisch, weil sie sexuell übertragen werden könne, sondern weil sie von den Weißen nach Afrika geschickt wurde, um die Schwarzen zu schädigen, sie sterben zu lassen. Als eine Art letzter Gruß entmachteter Kolonialisten.

Cameron, der nun nach Europa reiste, um in Genf die Weltgesundheitsorganisation gewogen zu stimmen, dass sie diese Epidemie nicht einfach vergesse, sagt: "An Aids zu sterben, ist doch überflüssig." So wie er mit diesem Virus auch zu leben gelernt hat. Als er sein Coming-out als schwuler Mann hatte, dachte er noch "nun, als Homosexueller bin ich vollständig getrennt von der ganzen Menschheit". Da half auch kein Wissen, dass er es als Mitglied der weißen Privilegienkaste im Apartheidsland Südafrika gut hatte. Absolvierte eine exzellente juristische Ausbildung und arbeitete, ein Erbe seiner religiösen Vorfahren, früh auch als Menschenrechtsanwalt für die entrechtete schwarze Mehrheit seines Landes.

Für Nelson Mandela, der Cameron "zu den großen Söhnen Südafrika" zählt, arbeitete der Anwalt ebenfalls - das rassistische System hatte in Männern wie den heute 54-Jährigen die Totengräber in den Reihen der eigenen Nutznießer hervorgebracht. Nach der Demokratisierung am Kap der Guten Hoffnung musste Cameron einräumen, dass ein Coming-out als Aidskranker womöglich noch schwerer sein würde. Aids, mit den Worten des Präsidenten von Zimbabwe, Robert Mugabe, ist eine Krankheit, die den Kontinent vergifte, weil die Weißen es so wollten. Homosexualität, so der frühere Hoffnungsträger der europäischen Linken, sei unafrikanisch und könne durch Aids zum Verschwinden gebracht werden.

Cameron outete sich schließlich, nachdem eine junge schwarze Frau, die sich in einer Fernsehsendung als HIV-infiziert bekannte, in ihrem Township zu Tode gesteinigt wurde - sie hatte sich schuldig gemacht, über eine Krankheit zu sprechen, die mehrere Tabus klammert, das des Todes wie des Sexuellen. "Ich wusste, dass ich nun keine Wahl mehr hatte. Einzustehen für das, was ist." Er hatte ja Glück. Sein Gehalt als Anwalt und Richter reichte aus, um die Medikamente zu bezahlen, welche wenigstens den Ausbruch der Infektion zur Krankheit Aids in Schach halten. Sein Outing hätte buchstäblich zum sozialen Tod führen können, sein Sprechen über seine HIV-Infektion war auf alle Fälle nicht ohne Risiko. Mandela und andere Politiker konnten ihn schützen - jedoch in erster Linie die Bürgerrechtsbewegung der Liberalen wie der Schwulen und Lesben. Es sind die glühendsten Patrioten ihres Landes, multikulturell durch und durch, denn die Verfassung schützt sie ausdrücklich vor Diskriminierung. Mit der Demokratisierung Südafrikas haben sie alles gewonnen, was als Minderheit nur zu gewinnen sein kann: Anerkennung durch das Recht. Cameron sagt: "Mein Outing als Aidsbetroffener hat mich vieles fürchten lassen. Aber ich habe mein Überleben durch die Medikamente sowieso als Wunder anerkennen müssen, so viele habe ich gesehen, die einfach starben, weil ihnen die Mittel für die Behandlung fehlten. Und die Verfassung hat uns Mut gemacht, weiterzukämpfen."

Nichts von seinen bösen Ängsten ging in Erfüllung. "Sie müssen wissen, dass Aids in Afrika keine Angelegenheit von einer Minderheit ist, von Schwulen zum Beispiel, wie in den USA oder Europa. Bei uns infizieren sich Heterosexuelle." Hunderttausende Menschen, vor allem aus den heranwachsenden Eliten des Landes, Männer und Frauen zwischen 15 und 30, sind infiziert. Und sie bräuchten Medikamente, solche, die in Europa auf Krankenschein bezahlt werden, aber für das viel schlechtere Gesundheitssystem Südafrikas zu teuer sind. Cameron ist auch deshalb lobbyistisch auf vielerlei Ebenen rührig. Nicht nur will er die Pharmakonzerne überzeugen, seinem Land wie den anderen Epidemiegebieten seines Kontinents jene Medikamente billig zu überlassen. Ein Vorurteil sei es, arme, ungebildete Menschen seien unfähig oder unwillig, sich der Disziplin zu unterwerfen, die mit der Medikation verbunden sein würde. "Das ist ein Klischee, das in vielen Köpfen spukt - dass die Armen dumm sind." In anderen Ländern, Haiti beispielsweise, sei erprobt worden, dass diese Gleichung nicht nur nicht stimme, sondern dort Leben gerettet, verlängert würden.

Edwin Cameron, so könnte es den Eindruck haben, arbeitet gern als Missionar. "Oh, keineswegs, ich kann immer nur wieder darauf hinweisen, welchen unermesslichen Schaden es bereitet, würden wir nicht helfen. Solche Leiden müssen nicht sein." Aus europäischer Perspektive weiß man: Eine HIV-Infektion lässt sich, nach Lage der wissenschaftlichen Dinge, nach den Beobachtungen Aids-versierter Mediziner nicht heilen, aber quasi zähmen.

Und wenn dieser Maßstab für die reichen Teile der Welt gelte, dann müsse er auch für einen Kontinent wie Afrika in Anspruch genommen werden. "Es ist eine Tragödie, dass Aids so oft noch verschwiegen wird", so Cameron. Dass die Aidsinfizierten sich noch immer keinen Reim auf ihre Krankheit machen dürfen, denn viel zu oft wird ihnen noch erzählt, ein böser Geist sei schuld, oder sie selbst, niedergestreckt als Rache für ihre Sünden. "Im Grunde sterben viele in Südafrika nicht nur deshalb, weil sie sich keine Medikamente erlauben können, sondern auch, weil ihnen der Aberglaube im Wege steht."

Darf man ihn als glücklichen Mann nehmen? "Ich glaube, ja, das zu sagen ist okay." Er hat überlebt. Seine Familie, betont er, ist stolz auf ihn, "ein absolut unerwartetes Ergebnis für mein Leben". Und er habe, sagt er, "das unglaubliche starke Band der Solidarität kennengelernt. Von Schwulen, Lesben, von Nelson Mandela, von meinem Land. Es ist meine Verantwortung, dass es nicht reißt. So wird es anderen auch helfen." Nimmt seinen Koffer und nimmt den Flug nach Deutschland: "Ich freue mich auf die Christopher-Street-Parade in Berlin. Wir sind ja überall."

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