NSDAP: Das falsche Gedröhne

Walser, Lenz und Hildebrandt sollen als Jugendliche noch kurz vor Kriegsende in die NSDAP eingetreten sein. Der Skandal sind wir selbst.

Treibt die Erregungskurven garantiert nach oben: Alles rund um den NS. Bild: dpa

Kaum ist die Aufregung über Günter Grass späte SS-Geständnisse abgeebbt - der Arme muss nun schon über den Atlantik fahren, um noch ein paar Skandallorbeeren und Schlagzeilen zu ergattern -, tauchen neue Namen von Hitlers literarischen Helfern auf: Martin Walser, Siegfried Lenz und Dieter Hildebrandt sollen als Jugendliche, die militärische Niederlage Deutschlands schon vor Augen, noch in die NSDAP eingetreten sein. Fanatiker der letzten Stunde also? Die Angeschuldigten wollen von ihrer Mitgliedschaft nichts gewusst haben - und alles spricht dafür, dass dies stimmt. Wahrscheinlich sind sie ungefragt im Zuge von Sammeleinschreibungen dem Führer zu seinem vorletzten Geburtstag geschenkt worden. Wahrscheinlich. Nicht einmal die historische Forschung kann da letzte Klarheit bringen.

Mit der Unsicherheit der Historiker darüber, wie denn nun die Aufnahme respektive die Überweisung von HJ-Mitgliedern in die Partei im Einzelnen geregelt war, werden nicht nur eklatante Lücken im Wissen über den angeblich "überforschten" Nationalsozialismus deutlich. Es wird ein Skandal ganz anderer Art kenntlich: der Skandal der Skandalisierungsbereitschaft, das mediale Spiel mit dem Thrill des Bösen.

Es ist ja nicht zu leugnen: Es gibt sie, die Faszination des Bösen. Und es gibt keine bessere, größere, schrecklichere Inkarnation des Bösen als den Nazi - jedenfalls meinen wir Deutschen das. Was also könnte eine schönere Gänsehaut erzeugen als die Meldung, ausgerechnet die Repräsentanten des Guten trügen heimlich den Stachel des Bösen im Herzen? Denn das gehört natürlich zum Spiel: Der wahre Thrill kommt nur auf, wenn es die Linken, die Gutmenschen, die Vorzeigedemokraten trifft.

Habermas und Ratzinger als Hitlerjungen, der Weltphilosoph und der Stellvertreter Christi auf Erden - das bringt Aufregung. Die Psychologie des Vorgangs ist simpel. Das Outing der Vorbildlichen als heimliche Bösewichter trifft unseren ödipalen Nerv: Wir können sie im selben Atemzug dämonisieren und verkleinern. Wir können uns Geschichten darüber ausspinnen, ob sie vielleicht noch viel mehr Dreck am Stecken haben - oder gar die berühmte Leiche im Keller? Endlich haben wir die Chance, sie von dem Sockel zu stoßen, den wir ihnen selber in ambivalenter Bewunderung errichtet haben. Der enttarnte Mustermensch ist Balsam für unser stets strafbereites Über-Ich. Wenn sogar der sich vom Teufel anstecken lässt, dann sind alle unsere Missetaten nicht mehr als lässliche Sünden.

Und eine zweite Befriedigungsquelle kommt hinzu: das wunderbare Gruselgefühl des "Alles ist möglich". Wer kennt es nicht aus der Literatur und den einschlägigen Filmen: Keine größere Fallhöhe des Gefühls ist möglich als die Verwandlung des von allen verehrten redlichen Bürgers in ein heimlich mordendes Monster. Der Dr.-Jekyll-Mr.-Hyde-Mechanismus bedient unsere Angstlust. Seltsamerweise lieben wir das Gefühl, wenn uns der Magen wegrutscht wie bei einem Luftloch im Flieger. Wenn sich das sanfte Lächeln des gütigen Humanisten langsam zum grausamen Grinsen des mordenden Psychopathen verzerrt, durchleben wir eine unserer Urängste: im sicheren Gefühl, dass es ja nur im Buch oder im Film stattfindet.

Der Vorgang um die drei Autoren verdient aus anderen Gründen Aufmerksamkeit als wegen der vagen Möglichkeit, sie seien aus freien Stücken PGs geworden. Er zeigt die Gier der gegenwärtigen Nazi-Unterhaltungsindustrie, weiter ihr lukratives Süppchen zu kochen. Nie war der mediale Hype um alles, was mit der NS-Vergangenheit zu tun hat, größer als heute, dem Zeitpunkt, in dem das "kommunikative Gedächtnis", das sich aus den direkt einholbaren Berichten von Zeitzeugen speist, in das fest kodierte Erinnerungsbild des "kulturellen Gedächtnisses" übergeht. Ganze Medienzweige leben davon, uns die Vergangenheit wie Gegenwart zu präsentieren - damit stehen mehr denn je die letzten Zeitzeugen im Rampenlicht.

Walser, Lenz und Hildebrandt eine Nazi-Vergangenheit anzuhängen, muss auch unter dem Aspekt gesehen werden, dass jeder "Skandal" dieser Art einen Werbetrommeleffekt für die Populärproduktionen á là Guido Knopps Nazi-Soaps hat. Schlimm sind dabei die durch die Skandalisierungsroutine auftretenden Nivellierungen und Maßstabsverzerrungen. Das falsche Gedröhne um Walser et alii taugt vor allem dazu, den wahren Skandal um den moralischen Chefankläger Günter Grass vergessen zu machen. Und Menschen wie dem Speer-Förderer Joachim Fest den Nachruhm eines Widerständlers und "großen Konservativen" zu lassen.

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