Sat.1: Ein Sender vernichtet sich selbst

Sat.1 hatte einmal ein Programm mit Profil. Heute ist es TV egal. Entlassungen und die Abschaltung der Informationssendungen sind nur neue Höhepunkte eines schleichenden Verfalls des Senders.

Sendeanlage auf dem Dach von ProSieben-Sat.1 in Berlin Bild: dpa

Die Starforce ermittelt in der Werbepause. Wer ProSieben einschaltet, schließt also zwangsläufig schnell Bekanntschaft mit ihr. In den Hauptrollen der aufwändig produzierten Trailer, angelehnt an Filme wie "Men in Black", sind die Protagonisten des Programms zu sehen: Stefan Raab, Bully Herbig, Elton, Sonya Kraus, Thomas Hermanns, Christoph Maria Herbst und andere. Es ist eine genial aufgeplusterte Leistungsschau. "We love to entertain you", säuselt eine Soulstimme am Schluss der Clips.

Die Starforce von Sat.1 besteht aus Hugo Egon Balder und Cordula Stratmann. Der aktuelle Claim? Keine Ahnung. Sat.1 hats mal allen gezeigt, war mal "powered by emotion" - heute fehlt es dem Sender sowohl an Kraft als auch an Gefühl. Der Schwestersender hat ProSieben das Feld überlassen. Aus dem früher so profilierten Programm ist ein Sender ohne Eigenschaften geworden - TV egal. Und an dieser Beliebigkeit sind ausnahmsweise mal nicht nur renditehungrige Investoren schuld. Die Selbstvernichtung von Sat.1 hat schon lange vor dem Verkauf an KKR und Permira begonnen.

Als 400 Mitarbeiter von ProSiebenSat.1 am Dienstag auf dem Berliner Gendarmenmarkt, nur wenige Meter von ihren gefährdeten oder schon verlorenen Arbeitsplätzen entfernt, gegen den Abbau von mindestens 180 Stellen protestierten, stand auf einem Transparent: "ProSiebenSat.1 - Menschen machen Fernsehen". Schön zu merken, dass auch die Sat.1-Mitarbeiter sich die Zeiten zurückwünschen, in denen ihr Sender noch ein Gesicht hatte - und eine Seele. Diese haben dem Programm allerdings nicht die "Heuschrecken" geraubt, wie ein weiteres Transparent suggerierte. Das wäre zu einfach.

Der Bedeutungsverlust von Sat.1 ist ein schleichender Prozess, dessen vorläufiger Höhepunkt wohl der Weggang von Harald Schmidt im Schlepptau seines Förderers und Freundes, des damaligen Sat.1-Geschäftsführers Martin Hoffmann, gewesen ist. Bis die Investoren Anfang 2007 einfielen und der letzte Anschein von Anspruch durch die Einstellung von "Sat.1 am Mittag", "Sat.1 am Abend" und "Sat.1 News - die Nacht" zunichte gemacht wurde. Nicht etwa, weil der Sender damit kein Geld verdient, sondern weil er mit Wiederholungen mehr verdienen kann.

Um die Fallhöhe deutlich zu machen: Neben der "Harald-Schmidt-Show" hatte Sat.1 auch mal die Erstverwertungsrechte an der Fußball-Bundesliga. "Ran" wurde unter anderem moderiert von Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann, die beide zu öffentlich-rechtlichen Sendern zurückgekehrt sind. Das Comedyformat "Wochenshow" baute Talente wie Anke Engelke und Bastian Pastewka auf, die noch für Sat.1 arbeiten, dem Sender aber kein Gesicht geben. Es fehlt ein Kurs, ein Profil - der "Fun-Freitag" ist keine Lösung, eher Teil des Problems. Ein Sender, der seinen Nachrichtenchef entlässt und dessen Programm nur aus Comedyformaten und Doku-Boulevard-Salesch-Nonsens besteht, wird von seinen Zuschauern einfach nicht mehr für voll genommen - auch wenn nach wie vor "Vollprogramm" draufstehen darf, wie die zuständige rheinland-pfälzische Landesmedienanstalt kürzlich bestätigte.

"Es sind Phantomschmerzen, die uns plagen", schrieb Stefan Niggemeier in der FAS. "Wir sehnen uns nach einem Fernsehen zurück, das es schon länger kaum noch gibt. Einem Privatfernsehen zum Beispiel, das uns die Illusion lässt, sein Zweck sei das Programm und Geld nur das Mittel, und nicht umgekehrt."

Mit dem Verkauf von ProSiebenSat.1 an die "Heuschrecken" von KKR und Permira - die vor allem eines wollen: abgrasen - wurde die zweite Stufe der Selbstvernichtung des deutschen Privatfernsehens gezündet. Die erste Stufe, über die sich die Feuilletons ausgiebig beklagten, war die "Quotenhörigkeit" der Sender, die, so der Vorwurf, einfach jeden Schrott wegsenden - Hauptsache, es wird geguckt. Wie altbacken das inzwischen klingt - schon fast nach der guten alten Zeit, nach der man sich zurücksehnt.

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