Schülerzeitungen: Schule hat begonnen

Ab heute will der "SPIESSER" von Dresden aus die Klassenzimmer in ganz Deutschland erobern. Die Kontroversen um das Gratismagazin halten an.

Ferien waren gestern. Heute ist wieder: Schule! Bild: dpa

Die Auflage liegt bei einer Million. Sie wiegt 110 Tonnen. Sechs Sattelzüge liefern sie aus. Nichts Besonderes? Nun ja. Es handelt sich um eine Schülerzeitung: Jugendliche schreiben für Jugendliche, angeleitet von einer Redaktion. Das Ergebnis, der SPIESSER, wird von heute an in ganz Deutschland verteilt.

Ein einst kleines Magazin mit einer Auflage von 5.000 Stück, 1994 von Dresdner Schülern gegründet, liegt von nun an fünfmal jährlich an 15.000 Schulen und Freizeiteinrichtungen gratis aus. 1997 begann der Vertrieb in ganz Sachsen. Von 2004 bis 2006 wurde ein ostdeutsches Bundesland nach dem anderen einbezogen, die Auflage stieg auf 330.000. Und nun Ausgabe Nummer 115 - bundesweit.

Auf der Titelseite: ein Gähnen. "Montags, 6.30 Uhr in Deutschland", steht darunter: "Lasst die Schule später anfangen." Es geht um die Debatte über den späteren Schulbeginn im Heft. Auch sonst ist das Heft schüler- und damit zielgruppenaffin: Regisseur Michael Herbig, für seine "Sissi"-Parodien bekannt, wurde begleitet, wie er eine Klasse in Geschichte unterrichtete. Um spezifisch Ostdeutsches geht es kaum noch. Chefredakteur Peter Stawowy sagt: "Die Einstellungen von Jugendlichen in Ost und West sind heute nicht mehr unterschiedlich. Wir sind keine Ost-Schülerzeitung, sondern ein Jugendmagazin."

Der ist eine Erfolgsgeschichte - eigentlich. Das Problem ist, dass sie mit dem Makel nicht ausgeräumter Vorwürfe behaftet ist. Im Mai kritisierte das Medienmagazin Insight, Auszubildende würden weit untertariflich bezahlt. Dem Heft nahestehende Medienvereine, zum Teil von SPIESSER-Machern gegründet, würden unsaubere Geschäfte begünstigen. Überhöhte Rechnungen freier Mitarbeiter seien mit Fördergeldern beglichen worden, es sei quasi in die eigene Tasche gearbeitet worden. Dicht nachgewiesen wurde all das nicht - aber rundum widerlegt auch nicht. Peter Stawowy weist die Vorwürfe jedoch zurück. Als er und Anzeigenchefin Stephanie Schroth - sie sind auch GeschäftsführerInnen - auf Promo- und Rufrettungstour die taz besuchten, sagte er, einzelne MitarbeiterInnen seien enttäuscht gewesen und hätten diese Geschichte hochgekocht. "Wir sind nicht reich mit dem geworden." Die Buchhaltung sei korrekt, sagt er. Er ist aber erst seit September 2006 Geschäftsführer. Der wie Insight zum Medienverlag Rommerskirchen gehörende journalist zitierte dafür Berit Tolke, die bis 2005 mit Stawowy Chefredakteurin war, so: "Mein Eindruck ist, dass es den Gründern nur noch um Expansion, Macht und Geld ging. Nur die Löhne blieben niedrig."

Es gab weitere Kritik: Anzeigen und redaktioneller Inhalt seien oft vermischt worden. Stawowy sagt, man hätte daraus gelernt und ein Statut verabschiedet. Demzufolge ist beides strikt zu trennen. Das Ergebnis kann man im neuen Heft sehen: Es gibt Rubriken, die von Kooperationspartnern gefüllt werden. Sie sind gekennzeichnet, und hinten im Heft sind alle Partner - sieben - aufgelistet. An einer Stelle im Heft verlost dann ein Deohersteller eine Reise. Darüber steht ein redaktioneller Artikel über Deos. An einer anderen Stelle stellt eine Plattenfirma neue Alben vor. Direkt darunter beginnt - ohne Kennzeichnung - ein Text über die Lieblingssongs von Popstars mit einem Rapper ebendieser Plattenfirma.

Solche Unsauberkeiten sind Alltag bei vielen Zeitschriften. Immer wenn einem Männermagazin ein Armbanduhren-Special beiliegt, sollten die Alarmglocken angehen. Doch nach der Vorgeschichte fallen solche Dinge beim SPIESSER besonders auf, zumal die LeserInnen SchülerInnen sind. Man thematisiere nur, was die Redaktion thematisieren wolle, sagt Stawowy, es gebe keine gekauften Inhalte. Trotzdem: Die Ideallinie hat der noch nicht gefunden.

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