die wahrheit

Eine süße Studentin auf der schiefen Bahn

England kommt nicht zur Ruhe: Erst die Attentate in London, dann die Niederlage gegen Deutschlands Fußballer im Wembleystadion, und nun innerhalb weniger Tage eine erschreckende Anschlagserie....

England kommt nicht zur Ruhe: Erst die Attentate in London, dann die Niederlage gegen Deutschlands Fußballer im Wembleystadion, und nun innerhalb weniger Tage eine erschreckende Anschlagserie, bei der die Täter auch noch von den Gerichten freigesprochen worden sind.

Es fing an mit einem Zwölfjährigen, der seinen alten Nachbarn mit einem Cocktail-Würstchen beworfen hat. Dann entblößten zwei junge, angetrunkene Frauen ihre Brüste vor einer Überwachungskamera. Und schließlich wurde eine 19-jährige Studentin gestellt, als sie im Zug nach Chester ihre mit Flipflops bekleideten Füße auf den Sitz legte.

Vor allem der letzte Fall erregte die Gemüter der englischen Presse. Ein Fahrkartenkontrolleur, an dessen Mütze eine Kamera montiert war, hatte die Tat aufgezeichnet. Obwohl Kathleen Jennings sofort ihre Füße vom Sitz zog und sich entschuldigte, nahm er ihre Personalien auf und zeigte sie an. Während der Daily Telegraph die Leser befragte, ob die Anklage - Jennings stand wegen "absichtlicher Beeinträchtigung der Bequemlichkeit anderer Passagiere" vor Gericht - fair gewesen sei, gab die Daily Mail gleich die Antwort: "Null Toleranz muss genau das heißen, auch wenn sie eine süße Mathestudentin ist", hieß es in der Überschrift. "In all diesen angeblich amüsanten Fällen hat sich das Gesetz ganz fest auf die Seite der Sünder gestellt", kommentierte David Jones, "während diejenigen, die für die Aufrechterhaltung von Recht verantwortlich sind, der Lächerlichkeit preisgegeben wurden."

Jones, der sich "liberale Neigungen" bescheinigt, geißelte die reuigen Tränen der Studentin, die bei einer Verurteilung ihren Wohltätigkeitsjob mit behinderten Kindern verloren hätte. "Es ist der Eckpfeiler der Null-Toleranz-Politik, keine Form von asozialem Verhalten zu dulden", mosert er. Und er kennt sich aus: Ende der Achtzigerjahre lebte er mit seiner Familie zwei Jahre lang in New York.

"Die Stadt war so gefährlich, dass wir uns wie Gefangene in unserer Wohnung im 18. Stock in der Upper East Side fühlten", schreibt er. Überall lauerten Autofensterwäscher, auf dem Spielplatz wurde Rauschgift geraucht, und einmal ist er mit seinem eigenen Baseballschläger, den man ihm weggenommen hatte, bedroht worden.

Dann kam Bürgermeister Rudolph Giuliani und rief "Null Toleranz" aus. Als Jones Mitte der Neunzigerjahre nach New York zurückkehrte, erkannte er die Stadt nicht wieder. Er konnte mit seiner Frau sogar nachts im Central Park spazieren gehen. "Toleriert man hingegen, dass jemand Müll auf die Straße wirft, eine Kippe fallen lässt oder flucht, setzt eine Spirale nach unten ein", findet er.

Wenn die Täter, die einen Elfjährigen vor gut zwei Wochen in Liverpool erschossen haben, geschnappt werden, wird sich herausstellen, so wettet Jones, dass sie der Polizei schon früher wegen scheinbar trivialer Ungezogenheiten an irgendeiner Straßenecke aufgefallen sind.

Jones will damit wohl sagen, dass aus der süßen Mathestudentin später eine gemeingefährliche Terroristin wird, weil sie diesmal ungeschoren blieb. Hat nicht Ussama Bin Laden als Kind einmal die Füße auf den Tisch gelegt und dennoch seinen Nachtisch bekommen?

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