Nachruf Joe Zawinul: Der Brother aus Austria

Der österreichische Keyboarder Joe Zawinul ist gestorben. Er prägte den amerikanischen Soul-Jazz und erfand das Jazz-Elektronik-Rock-Genre "Fusion".

Brother Joe Zawinul, 2004 Bild: reuters

Es ist eine denkwürdige Aufnahme: 1969, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen der militanten schwarzen Bürgerrechtsbewegung und dem amerikanischen Staat hat der Reverend Jesse Jackson für die "Operation Breadbasket" zu einem Wohltätigkeitskonzert in eine Chicagoer Kirche gerufen. Der Gottesdienst ist vorbei und Jackson kündigt die Band von Cannonball Adderly an: "And when its rough and tough in this ghetto and you think that everything is going down: Walk tall! Walk tall!" "Walk Tall" ist der erste Titel der Show und geschrieben hat ihn der Keyboarder: Brother Joe Zawinul.

Dafür, dass er mit Zawinul einen weißen Europäer beschäftigte, musste Adderly damals einige Anfeindungen aushalten - wenn die Kritiker ihm einen schwarzen Pianisten nennen könnten, der besser wäre, könne der den Job haben, war stets seine Antwort. Tatsächlich ist es auch fast vierzig Jahre später noch immer erstaunlich, dass es mit Zawinul ausgerechnet ein Österreicher war, der Adderlys Soul-Jazz so nachhaltig prägte. Jene Musik, die in den Sechzigern versuchte, den Jazz aus dem Geist der schwarzen Kirchen zu erneuern. "Walk Tall", "Mercy, Mercy, Mercy", "Country Preacher": die bekanntesten Soul-Jazz-Stücke waren Zawinul-Kompositionen. Und Zawinul war ein Star: dass seine Ehefrau Maxine eines der wenigen schwarzen Bunnys aus Hugh Hefners Playboy-Club war, erregte einiges Aufsehen.

Zawinul dürfte der einzige Europäer gewesen sein, dem es gelang, die weiße Hipster-Faszination für die schwarze Kultur, wie sie Norman Mailer in seinem berühmten White-Negro-Essay von 1957 beschreibt, hinter sich zu lassen und Teil der bewunderten Szene zu werden. "Wir wurden zu Rassisten", hat er in einem Interview über die Fünfzigerjahre gesagt, "wir wollten nur schwarze Musiker hören." Das war in Wien, wo er 1932 geboren wurde und als Teil der lebendigen Jazzszene der dortigen Nachkriegszeit sozialisiert wurde. Ende der Fünfziger ging er in die USA. Dort spielte er bald mit der Band der Sängerin Dinah Washington und fing als einer der Ersten an, sich für Synthesizer zu interessieren. Deshalb holte ihn auch Miles Davis, als er den Sound seiner Band elektrifizierte.

Berühmt wurde Zawinul als Keyboarder von Weather Report in den Siebzigern, einer Band, mit der er Jazz, Elektronik und Rock zu jenem Genre verschmolz, das so ratlos wie treffend "Fusion" hieß. Als die Plattenfirmen sich in den Achtzigern von diesem Sound zugunsten des Neotraditionalismus abwandten, wurde es ruhig um Zawinul. Er gründete einen Jazzclub in Wien und pendelte zwischen Europa und den USA hin und her.

Am Dienstagmorgen ist Joe Zawinul im Alter von 75 Jahren in einem Wiener Krankenhaus an Krebs gestorben.

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