Kommentar Kardinal Meisner: Entschuldigung mit schwerem Geschütz

Kardinal Meisner "bedauert" seine Wortwahl der "Entartung" - der Emörung tut das keinen Abbruch. Denn er bleibt beim Gottesbezug als Maß der Dinge. Wo bleibt da die Aufklärung?

Man gehe zum Beispiel einmal durch das Bode-Museum in Berlin. In den dort ausgestellten Altären wird man herzergreifende Zeugnisse christlicher Kunst finden - detailreich ausgearbeitete Antlitze, verzückt leidende Märtyrer. Aber man wird auch sehen, dass es ein ästhetischer Blick ist, der das wahrnimmt, kein religiöser. Es gilt der schlichte, große Satz aus Hegels Ästhetik: "Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen: Es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr." Die Verbindung von Kunst und Kult ist zerbrochen.

Insofern nimmt die Entschuldigung, die Kardinal Meisner am Mittwoch in der FAZ veröffentlichte, der Empörung keineswegs allen Wind aus den Segeln. Ausdrücklich "bedauert" der Kardinal seine Wortwahl der "Entartung". Die Distanzierung vom Naziwort ist das Mindeste, was er tun konnte. In der Sache aber nimmt er nichts zurück. Seine neue Formulierung lautet: "Dort, wo die Kultur - im Sinne von Zivilisation - vom Kultus - im Sinne von Gottesverehrung - abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus, und die Kultur nimmt schweren Schaden." Schwerer Schaden also - das macht die Sache kaum besser. Im Kern bleibt Meisner dabei, dass der Gottesbezug das Maß aller Dinge ist. Nun braucht man von Kardinälen auch nichts anderes zu erwarten. Aber festhalten sollte man doch, dass die Kunst in Wahrheit längst ohne Gottesbezug auskommt, und zwar gut! Auch die vielen Menschen, die sich durch Meisner in ihren Ressentiments gegen die moderne Kunst bestätigt sehen mögen, werden nicht gleich in den nächsten Gottesdienst laufen.

Wenn man genau hinsieht, macht der Kardinal sogar ein neues Fass auf. Er verlagert den Akzent von der Kunst auf die gesamte Kultur, die er mit Zivilisation gleichsetzt. Nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Gesellschaft ohne Gott kann er nicht denken. An anderer Stelle seiner Entschuldigung heißt es: "Gesellschaften und ganze Kulturen, die Gott aus ihrer Mitte verbannen und an seine Stelle den Menschen als Maß von Gut und Böse setzen, von Wahr und Falsch, von Gelungen und Missraten, kehren sich letztlich gegen sich selbst und entlarven sich als das, was sie sind - unmenschlich." Gleich darauf bringt er Gottlosigkeit mit Nationalsozialismus in Verbindung, später fällt der Begriff der "Pervertierung". Was für schwere Geschütze! Und wie schlimm, wenn man sie aus ihrem Sonntagsredenkontext herauslöst!

Um den Glauben zu begründen, will der Kardinal gleich die gesamte Tradition der Aufklärung wegholzen, die ja in der Tat den Menschen an die Stelle Gottes setzte. Zum Glück sind Agnostiker tolerante Menschen. Sonst könnte man sich glatt in seinen agnostischen Gefühlen schwer beleidigt fühlen.

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Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, seit 1999 Literaturredakteur der taz. Autor des Sachbuchs "Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind" und des Romans "Der Wellenreiter" (beide Rowohlt.Berlin).

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