Debatte: Von Ankara lernen

Der Islam ist genauso gut mit der Demokratie vereinbar wie andere Religionen auch. Aber für einen modernen Islam in Deutschland muss man die liberalen Muslime stärken.

Es ist wahr, die islamische intellektuelle Landschaft in Deutschland ist ausgetrocknet, eine sandige Wüste, in der nicht mehr viel wächst außer den knöchernen Gewächsen der islamischen Verbände. Der Islam hat in Deutschland und weltweit ein gehöriges Imageproblem, nicht erst seit den Terroranschlägen von New York. Und es ist wahr: Wir benötigen dringender als je zuvor hierzulande wieder Stimmen, die für einen weltoffenen, liberalen und zeitgemäßen Islam sprechen, für einen Islam, der Antworten auf Fragen gibt, die sich hier in Deutschland unter unseren Lebensbedingungen stellen. Der europäische Islam benötigt eine Reformation.

Unrecht aber haben jene Apologeten und Islamkritiker, die behaupten, Islam und Demokratie seien grundsätzlich unvereinbar. Es ist ärgerlich, dass diese Schwarz-Weiß-Denker seit einiger Zeit großen Widerhall in der Öffentlichkeit finden. Sie wecken verschüttet geglaubte Vorurteile und reiten auf der emotionalen Welle von Überfremdungsängsten. Deshalb, aber auch, weil es an kräftigen liberal-islamischen Stimmen hierzulande fehlt, haben es Sachargumente in der Diskussion um Islam und Demokratie schwer. Wo aber steht der Islam heute? Sind Muslime wirklich die schlechteren Demokraten?

Der Islam passt genauso gut und genauso schlecht zur demokratischen Lebensform wie alle anderen Religionen auch. Es gibt eine Vielzahl islamischer Schattierungen von Marokko bis Indonesien und von den Vereinigten Staaten bis Deutschland; die Türkei ist demokratisch und islamisch, Saudi-Arabien ist islamisch und undemokratisch - hier verbieten sich also Pauschalisierungen, weswegen ich nur von Europa und Deutschland sprechen möchte: Der Islam ist hierzulande nicht auf der Höhe der Zeit. Wir benötigen einen Islam, der auf die hiesigen Lebensbedingungen Antworten gibt, eigenständig organisiert und an den europäischen und deutschen Gesetzen gemessen wird - das sind die gleichen Anforderungen, die auch an alle anderen Religionen zu stellen sind.

Stattdessen aber zeigt sich hier meist ein islamisches Gesicht, das von Verbänden und Funktionären bestimmt ist, die konservative, manchmal auch fundamentalistische Positionen vertreten und vom Ausland abhängig sind. Der größte muslimische Verband, Ditib, ist finanziell und organisatorisch eng mit Diyanet verknüpft, der türkischen Religionsbehörde. Sie holt Imame aus der Türkei nach Deutschland, die nur selten gut Deutsch sprechen oder hinreichend mit unseren Lebensbedingungen vertraut sind. Wie aber können diese Prediger den hier lebenden Musliminnen und Muslimen bei der Bewältigung ihrer Lebensprobleme helfen, wenn sie Deutschland kaum kennen? Andere Verbände sind eng mit Saudi-Arabien oder der ägyptischen Muslimbruderschaft verquickt, die einen Steinzeit-Islam vertreten. Dieser Islam hat keine Antworten auf die Fragen der hier lebenden Musliminnen und Muslime, die sich mit den Vorzügen und Nachteilen einer globalisierten Welt und eines deutschen und zugleich europäischen Gemeinwesens auseinanderzusetzen haben. Wir benötigen also starke Stimmen, die lebensnahe Antworten geben können. Leider fehlen dem Islam in Deutschland und Europa die Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer modernen Interpretation. Noch gibt es viel zu wenige Lehrstühle für islamische Religionslehre, so gut wie keinen fundierten Islamunterricht an Schulen, und es werden hierzulande keine Imame ausgebildet.

Die islamische Welt führt uns selbst vor Augen, wie das Konzept eines aufgeklärten Islam aussehen könnte: An der Universität Ankara betreibt ein junges Team islamtheologische Forschung nach der historisch-kritischen Hermeneutik. Die Suren des Koran sind demnach nur im geschichtlichen Kontext verständlich, nicht aber wörtlich auf die Gegenwart zu übertragen. Der Transfer auf heute ist Sache des Einzelnen. Diese müssen, wenn sie ihre Sache richtig machen, die Überlieferungen Mohammeds, die Hadithen, zu Rate ziehen. Die Hadithen sind Erläuterungen des Propheten, mittels derer der ethische Gehalt der Koransuren herausgeschält und auf die Gegenwart übertragen werden kann. Jeder ist berechtigt, in dieser Weise den Koran zu interpretieren, auf einen Gelehrten wird zurückgegriffen, wenn man dazu nicht in der Lage ist. Natürlich, diese hermeneutische kritische Lesart hat sich noch nicht bis in jedes deutsch-türkische Wohnzimmer herumgesprochen. Aber gerade deshalb täten wir gut daran, ihre liberalen Vertreter zu stärken, statt immer nur den Gestrigen die Hände zu schütteln.

Wir dürfen eines jedoch nicht vernachlässigen: Es reicht nicht, nur die intellektuelle Szene der liberalen Muslime zu stärken. Wir müssen dringend damit aufhören, die "Otto-Normal-Muslime", die große schweigende Mehrheit, die in Ruhe in Deutschland leben und arbeiten möchte, immer mit Fundamentalisten und Ewiggestrigen in einen Topf zu werfen. Wie soll man sich denn als Muslimin oder Muslim fühlen, wenn man morgens beim Zähneputzen im Radio hört, dass demnächst alle Islamkonvertiten geheimdienstlich überwacht werden sollen? Wer so behandelt wird, begreift sich als Außenseiter und wird sich als Reaktion in ein Schneckenhaus zurückziehen; damit wird das Gegenteil von Integration erreicht.

Die aggressive Islamkritik und die ewig wiederholte, aber doch falsche Behauptung, Demokratie und Islam seien wie Feuer und Wasser, hat mit der Realität der Menschen vor Ort in den Dörfern und Städten Deutschlands nicht viel zu tun. Im Zusammenleben erst erfährt man deutlich, dass ein türkischer Arzt viel mehr mit einem deutschen Arzt gemein hat als mit einem türkischen Bauarbeiter. Die trennenden Gräben in unserer Gesellschaft verlaufen entlang der sozialen Fragen um Bildung, Wohlstand und Aufstiegschancen. Und erst wenn alle Menschen die gleichen Teilhabe- und Aufstiegschancen haben, werden diese Gräben zugeschüttet.

Ein "Wir-Gefühl", das als sozialer Kitt für die Gesellschaften so wichtig ist, kann daher nur auf der Grundlage unserer gemeinsamen Verfassungswerte wachsen. Jürgen Habermas hat das einmal als "Verfassungspatriotismus" bezeichnet. Der Bürger oder die Bürgerin, ganz gleich ob islamisch, christlich oder atheistisch, hat demnach die gleichen Rechte und Pflichten auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet wie alle anderen. Dazu gehört auch die Akzeptanz unserer säkularen Verfassung, wonach Politik und Religion getrennt sind und der Rechtsstaat das Machtmonopol hat. Innerhalb dieser staatlichen Grenzen und seines Schutzes dürfen die Religionen ihr friedenssicherndes und integratives Potenzial voll ausschöpfen. Das ist der Platz in der säkularen Demokratie, an dem Religion wächst und gedeiht und Gutes für die Menschen tut. Das ist der Platz in der säkularen Demokratie, an dem der Islam wachsen und gedeihen und Gutes für die Menschen tun kann.

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