Kommentar Katholiken und Franco: Eine Kirche zum Weglaufen

Indem Spaniens katholische Kirche Franco-Anhänger als Märtyrer ehrt, zeigt sie, dass sie noch immer nicht in der Demokratie angekommen ist.

Spaniens Bischöfe haben nichts gelernt. Die Seligsprechung von 498 Märtyrern aus dem Bürgerkrieg beweist, dass die spanische katholische Kirche noch immer dort verhaftet ist, wo sie in der Franco-Diktatur stand: im "Nationalkatholizismus". Alle Opfer wurden - in erklärbaren, wenn auch durch nichts zu entschuldigenden Akten der Gewalt - von denen ermordet, die die Republik verteidigten. Doch auch wenn die Kirche Tausende von Märtyrern zu beklagen hat, macht sie das noch lange nicht selbst zum Opfer. Mögen die Bischöfe sie noch so gerne als solches hochstilisieren.

Die spanische katholische Kirche war schon immer eine der reaktionärsten in Europa. Am Ende des Mittelalters sorgte sie für die religiöse Säuberung der Iberischen Halbinsel. Juden und Muslime, die jahrhundertelang friedlich mit den Christen zusammengelebt hatten, wurden vertrieben oder zum Christentum zwangsbekehrt. Nirgends wütete die Inquisition so wie in Spanien. Und nirgends hatte sich die Kirche immer wieder so eindeutig auf die Seite der Mächtigen und Reichen geschlagen wie in Spanien. Der Bürgerkrieg wurde zum Kreuzzug erklärt, die Diktatur zum "Nationalkatholizismus". Ganze Generationen durchliefen die reaktionäre Erziehung der Pfaffen.

Bis heute werden Priester, die der Befreiungstheologie anhängen, ihres Amtes enthoben; Schwulen- und Frauenrechte sind ihr ein Dorn im Auge. Die Bischöfe reihen sich ein, wenn Spaniens Konservative zur Verteidigung der traditionellen Familie auf die Straße gehen. Und bei Prozessionen setzen sie sich in Szene, als wären wir im tiefsten Mittelalter.

Mit der Zeremonie am kommenden Sonntag zeigt Spaniens Amtskirche einmal mehr, dass sie auch 32 Jahre nach dem Tod von Diktator Francisco Franco nicht in der Demokratie angekommen ist. Alle Kräfte der spanischen Gesellschaft haben ihre Transición - ihren Übergang - hinter sich, nur die Bischöfe nicht. Wen wundert es da, dass die Messen in Spanien immer schlechter besucht sind. Einer solchen Kirche können die Gläubigen nur weglaufen.

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Reiner Wandler wurde 1963 in Haueneberstein, einem Dorf, das heute zum heilen Weltstädtchen Baden-Baden gehört, geboren. Dort machte er während der Gymnasialzeit seine ersten Gehversuche im Journalismus als Redakteur einer alternativen Stadtzeitung, sowie als freier Autor verschiedener alternativen Publikationen. Nach dem Abitur zog es ihn in eine rauere aber auch ehrlichere Stadt, nach Mannheim. Hier machte er eine Lehre als Maschinenschlosser, bevor er ein Studium in Spanisch und Politikwissenschaften aufnahm. 1992 kam er mit einem Stipendium nach Madrid. Ein halbes Jahr später schickte er seinen ersten Korrespondentenbericht nach Berlin. 1996 weitete sich das Berichtsgebiet auf die Länder Nordafrikas sowie Richtung Portugal aus.

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