Proteste: Kongolesen wehren sich gegen Krieg

Im Osten des Kongos häufen sich Proteste und Selbstverteidigungsaktionen. Grund sind Kämpfe und die zunehmende kriminelle Gewalt.

Soldat im Ostkongo Bild: dpa

"Zutritt für alle politischen, militärischen und administrativen Autoritäten strengstens verboten" steht in Kreide auf der Tafel. Dazu in dicken Buchstaben "Idioten!!!" und ein durchgekreuztes Gewehr. So protestieren Studenten in Butembo, einer Halbmillionenstadt in der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu, gegen die dort herrschende Unsicherheit. Erst letzte Woche wurde ein bekannter Geschäftsmann von Unbekannten erschossen; als der Bürgermeister am nächsten Morgen zur Trauerfeier erschien, wurde er laut Augenzeugen von wütenden Trauernden gefangen genommen. Die Armee rückte aus, um ihn freizuschießen.

Butembo hat einen der größten Märkte Ostkongos, auf dem aus Dubai importierte asiatische Konsumgüter für die gesamte Region umgeschlagen werden. Drei Tage lang trat die Geschäftswelt der Stadt nach diesem Mord in den Streik, diese Woche gefolgt von den Motorradtaxifahrern. "Die Stunde der Revolution ist gekommen", hieß es in einem Jugendaufruf.

Butembo liegt nördlich des Kriegsgebietes von Nord-Kivu, wo sich seit zwei Monaten Regierungstruppen, Rebellen des Tutsi-Generals Laurent Nkunda, ruandische Hutu-Milizen und lokale Milizengruppen Gefechte liefern und Hunderttausende von Menschen auf der Flucht sind. Aber auch in den Wäldern um Butembo sind lokale Milizen aktiv, Soldaten schikanieren die Bevölkerung. Überall in Nord-Kivu regt sich nun zunehmend Protest gegen Krieg und kriminelle Gewalt.

In der Provinzhauptstadt Goma traut sich nach Einbruch der Dunkelheit kaum jemand auf die Straße: Nachts gehört sie bewaffneten Banditen, manche in Uniform. Erst am vergangenen Wochenende entkam der katholische Erzbischof von Goma knapp einem Attentat. Weil er Tutsi ist, werfen manche ihm vor, mit den Nkunda-Rebellen zu sympathisieren.

In Gomas Stadtviertel "Himbi Zwei" gibt es nun seit einigen Wochen Quartierspatrouillen, die abends alle Passanten anhalten und nach Waffen durchsuchen. Als Material für ihre Straßensperren dienen orangene Absperrungen, mit denen Kongos Wahlkommission letztes Jahr Wahllokale markierte - ein deutliches Zeichen dafür, wie die damalige Hoffnung nach Demokratie nun zu Selbstorganisation gegen Krieg mutiert. Jede Familie des Quartiers stellt einen Mann für die Straßensperren ab. Der Erfolg: Seit Beginn der Patrouillen wurde dort kein Mord oder Raubüberfall mehr begangen.

Kongos Armeeführung fordert immer wieder alle bewaffneten Gruppen Nord-Kivus - sowohl die Tutsi-Rebellen Nkundas als auch die sogenannten "Mai-Mai"-Milizen anderer Volksgruppen - zur Selbstauflösung auf. Aber die eigenen Soldaten zieht sie nicht zur Rechenschaft. Die Tutsi-Rebellen Nkundas sagen, sie müssten sich daher selbst verteidigen. Immer öfter hört man nun von Vertretern anderer Ethnien: Wenn die das dürfen, können wir das auch.

Nord-Kivus gewählte Provinzregierung ermutigt die Selbstorganisation der Bürger, hilft ihnen dabei aber nicht. Anfang Oktober verkündete Provinzgouverneur Julien Paluku, in den drei größten Städten Goma, Butembo und Beni sollten Bürger unter Polizeischutz alle Häuser nach illegalen Waffen durchsuchen. Seine Provinzregierung verfügt aber kaum über Geld und hat über Polizei und Armee keinerlei Befehlsgewalt.

Am meisten entziehen sich der politischen Kontrolle die ruandischen Hutu-Milizen FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas), die in Nord-Kivu vor allem die unzugänglichen Wahlgebiete beherrschen und für Vergewaltigungen und Plünderungen verantwortlich sind. Auch dagegen regt sich nun aber erstmals sichtbarer Protest. In der Kleinstadt Luofu traten vor kurzem Frauengruppen in den Hungerstreik, nachdem der Ort zum wiederholten Mal angegriffen worden war. Es gibt keinerlei Gesundheitsversorgung für Vergewaltigungsopfer in dem Ort, und Märkte werden ständig geplündert, berichtet das katholische Hilfswerk Caritas.

Doch die Aktion ging schief. Die Frauen beschränkten sich nicht auf Hungerstreik, sie kochten auch nicht mehr für ihre Familien. Das regte die Männer so auf, dass sie einen Armeeeinsatz gegen die Frauen erzwangen.

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