taz testet iphone: Das Spielzeug des Jahres

Niemand braucht's, aber jeder will's: Das Multifunktions-Handy aus dem Hause Apple, soll die mobile Unterhaltungselektronik revolutionieren. Hält es, was es verspricht?

Göttergleich verehrt: iphone-Verkausstart in New York am 29. Juli. Bild: dpa

Und so sieht es aus, das Spielzeug des Jahres Bild: reuters/apple

Das iPhone von Apple ist fragwürdig, teuer und eigentlich überflüssig, und doch muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es in ein paar Jahren absolut selbstverständlich und überall verbreitet sein wird. Denn wie Sonys Walkman vor 25 Jahren die Musik mobil machte und das Handy vor 10 Jahren das Telefonieren, so wird mit dem iPhone jetzt das Internet mobil.

Nicht irgendwelches WAP oder sonstiges mobiles Web-Gemurkse, sondern das Internet, wie wir es von jedem Bildschirm kennen - und zwar gestochen scharf, selbst die Bildunterschriften auf taz.de sind lesbar. Und wenn nicht, streicht man zur Vergrößerung einfach mit dem Finger darüber, Zeitung lesen ist auf dem iPhone tatsächlich gar kein Problem.

Dieser Wow-Effekt, das sehr gute Bild und die genial einfache Steuerung über den Touchscreen, verschafft dem Gerät einen Vorsprung durch Technik, der auch trotz hohem Verkaufspreis (399 Euro) und fiesem t-mobile-Knebelvertrag (2 Jahre zu 49 Euro - 89 Euro im Monat) noch Nachfrage garantiert.

Mein erster Walkman schlug seinerzeit mit 400 Mark zu Buche, das erste Handy gab es 1997 auch nicht ohne Vertrag und es kostete etwa so viel wie jetzt das iPhone. Heute gibt es solche Mobiltelefone fast umsonst, jeder hat eines und telefoniert für ein paar Cent die Minute. Ähnlich wird es mit dem iPhone und den bald folgenden ähnlichen Smartphones gehen, um die nach Apples technologischem Quantensprung kein anderer Hersteller mehr herumkommt. Wie beim Homecomputer, wo einst der Mac in Sachen Nutzerfreundlichkeit die Maßstäbe setzte, wird mit dem iPhone ein neuer Standard gesetzt, Telefon und Internet verschmelzen erstmals überzeugend in einem Gerät. Und das ist so gut gelungen, dass es sich die Monopolisten Apple und t-mobile sogar erlauben können, mit Testgeräten für die Presse knauserig zu sein.

Das der taz zugesagte iPhone kam jedenfalls bis Redaktionsschluss nicht an und wir mussten auf einem gehackten US-Gerät testen. Die Software für die Umgehung der SIM-Sperre ist mittlerweile verfügbar, doch verzichten Nutzer damit nicht nur auf die Gerätegarantie, sondern laufen auch Gefahr, nach einem Update durch Apple abgeklemmt zu werden. Um das zu verhindern, braucht es in Deutschland vorerst einen t-mobile-Vertrag, der für 49 Euro 100 Gesprächsminuten und eine gedeckelte "Daten-Flatrate" von 200 MB enthält. Der von Technikfreaks verkündete Nachteil, dass das iPhone nicht über UMTS verfügt, erwies sich in der Praxis als unbegründet; das etwa halb so schnelle EDGE, das t-mobile fast bundesweit anbietet, reicht für normales Surfen im Netz aus. Ist im Café, zu Hause oder an einem der 8.000 deutschen Telekom-Hotspots ein W-LAN verfügbar, verbindet sich das iPhone automatisch mit dem Netz und ist dann genauso schnell wie jeder andere Computer.

Der Wirbel um das iPhone und die in den USA in drei Monaten abgesetzten 1,4 Millionen Exemplare machten es unvermeidlich, mit Werbung für das "revolutionäre" Gerät konfrontiert zu werden. Doch das Erstaunliche ist: Es funktioniert alles tatsächlich so wie in der Werbung versprochen, und es ist wirklich revolutionär. Webbrowser und Mailprogramm, wie man sie kennt; kippt man das Gerät um 90 Grad, wird die Seite im Querformat angezeigt; zum Eingeben von Text wird eine Tastatur eingeblendet, auf der sich nach etwas Gewöhnung tatsächlich tippen lässt; zeigt man im Telefonbuch auf eine Adresse, wird der Stadtplan von Google Maps angezeigt - und tatsächlich: Man kann mit diesem Ding auch ganz profan telefonieren.

Nur eine Suchfunktion fürs Telefonbuch haben die Designer vor lauter Liebe für ihren Touchscreen vergessen, man muss per Finger durch die Liste scrollen. Doch bis das nachgebessert wird, kann es nicht lange dauern. Nach anfänglichem Zögern hat Apple die iPhone-Software veröffentlicht, sodass auch freie Entwickler Programme dafür schreiben können. Nachdem Google seine Mobilplattform "Android" angekündigt und eine Großkoalition mit Herstellern geschlossen hat, stehen die Wettbewerber schon in den Startlöchern.

Und damit Trost für alle, die so ein nützliches Spielzeug gerne hätten, denen es aber noch zu teuer ist - bis es das aldiPhone zum Spartarif gibt, wird es bestimmt keine 10 Jahre dauern.

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