Öde deutsche Fernsehlandschaft

Kein Platz für Gagschreiber

Ein Gottschalk dürfte in den USA niemals selbst Moderationen schreiben - das macht sein Drehbuchautor. Warum nur hält man bei uns am Modell "lustiger Typ" fest?

Zwei Männer, eineinhalb Witze. Bild: dpa

Hollywood zittert nur selten vor einer Preisverleihung: Award Shows stellt das Fernsehen in den USA eigentlich mit Leichtigkeit auf die Bühne - dank Autoren, die zuvor einen Rahmen aus thematischen Motiven, Seitenhieben auf die Stars, Pointen zum Tagesgeschehen und Running Gags gebastelt haben und den Moderator bis zum Ende mit frischen Pointen beliefern. Auch dort, wo das US-Fernsehen live sendet und wie improvisiert wirkt, ist es im Grunde eine Literaturverfilmung. So stellt die Award Season ein sprachlich verdichtetes Gesamtkunstwerk dar, in dem unterhaltend der Zustand von Showgeschäft und Nation reflektiert wird. Die Preisverleihung ist Nebensache mit Nebeneffekt: In ihren meist wenig eloquenten, da selbst geschriebenen Dankesreden demonstrieren die Stars ihre Abhängigkeit vom gedichteten Wort.

Der American-Music-Awards-Gala vor zwei Wochen sah man jedoch mit Bangen entgegen, da sich Moderator Jimmy Kimmel zwar noch ans vor Streikbeginn fertig gestellte Grundskript klammern konnte, aber keine Unterstützung für spontane Witze hinter den Kulissen hatte. Kimmel, selbst Mitglied der Writers Guild und daher als Autor im Streik, zog sich aus der Affäre, indem er zwischen seinen Moderationen lange von der Bühne verschwand - seine Gags improvisierte er. Wer jetzt denkt, das sei doch ganz normal im Showbusiness - ein Mann, ein Witz - hat zu lange dem Alleinunterhalterklamauk im deutschen Fernsehen zugeschaut, etwa Harald Schmidt am Donnerstagabend bei der Bambi-Verleihung.

Prägnanter als durch diese beiden Ereignisse lässt sich der Unterschied zwischen dem US-amerikanischen und dem deutschen Fernsehen kaum illustrieren: Wo man jenseits des Atlantiks die Durchführung einer Show ob des Fehlens der besten Schreiber infrage stellt, gibt es bei hiesigen Gala-Moderationen keine Alternative zum Modell Klassenclown, der es als per se "lustiger Typ" irgendwie richten soll. Deshalb ruft der Streik der Drehbuchautoren beim deutschen Publikum kaum mehr als ein Schulterzucken hervor: Von Spielfilm- und Doku-Ausnahmen abgesehen, kennt man kein gut geschriebenes Fernsehen und hat deshalb keinen Begriff davon, was es bedeutet, wenn Autoren für die Bildmedien ausfallen.

Als Thomas Gottschalk 2002 in "Wetten, dass …?" durch besonders schlechte Witze auffiel, regte ZDF-Intendant Markus Schächter die Unterstützung durch Autoren an. Er brauche "keine Witzeschreiber wie Stefan Raab", empörte sich Gottschalk, als rühre dies an seiner Ehre: "Ich lebe von meiner Spontaneität und von meinem Wortwitz." Dass Gottschalk seine Weigerung, sich zu verbessern, als Stärke verstanden wissen wollte, ist symptomatisch für die Gesamtsituation der Unterhaltung: Denn um jenen "Wortwitz" auf konstant hohem Niveau zu produzieren, ist eine kollektive Produktionsweise unabdingbar.

Die besten Entertainer wissen das und sind stolz, die besten Autoren verpflichtet zu haben: Als Jon Stewart sich auf die Moderation der Oscars 2006, Krönung jeder Host-Karriere, vorbereitete, ließ er sich von der Los Angeles Times zusammen mit seinen Autoren David Javerbaum und Ben Karlin porträtieren. Oscar-Moderatoren sind zum Verdammt-gut-Sein verdammt, weil sie sich mit nur einem schwachen Gag vor der ganzen Welt blamieren würden. Ex-Host Chris Rock gab Jon Stewart einen einzigen Tipp: "Nimm einen Reisepass mit, 10.000 Dollar und einen falschen Bart. Und wenn du nach Mexiko flüchten musst, dann flüchtest du!"

Nicht nur die deutschen Shows, auch die Fernsehserien bewegen sich nahe der Irrelevanz: Wenn in diesen Wochen literarisch Interessierte beim Zappen nicht bei Arte, sondern auf RTL hängen bleiben, dann liegt das an der Serie "Dr. House", deren auch sprachlich brillanten Zynismus man in der Gegenwartsliteratur, vor allem der deutschen, lange sucht. Zudem traut man deutschen Produktionen den kühnen Dreh, eine Ärzteserie mit Sherlock-Holmes-Motiven und Genieästhetik zu verknüpfen, längst nicht mehr zu: Das Medium wirkt wie ein für die Literatur verlorenes Terrain. Dabei beweist eine Serie wie "Dr. House", dass hoch intelligentes Fernsehen zum Quotenerfolg werden kann.

Sind es ängstliche TV-Redakteure oder einfallslose Drehbuchautoren? Wer ist schuld am Mangel der Ambition, fürs Fernsehen mehr zu schreiben als Sätze, die Schauspieler aufsagen? Wenn es doch jemand tut, ist das Staunen groß: Olli Dittrich ist als "Dittsche" deshalb so überzeugend, weil er vor jeder Show die Wochenthemen mit Marcus Weimer, Dietmar Burdinski und Albrecht Koch für den Dittsche-Kosmos aufbereitet: Ohne diese auf Drehbuch-Schemata verzichtende und deshalb umso literarischere Autorenarbeit wäre Dittsche nur ein bemitleidenswerter Mann im Bademantel.

Auch in den USA sind es die anarchischsten Shows, die das Autorenprinzip auf die Spitze treiben: Late-Night-Host Conan OBrien sendete einmal nur die Tonspur seiner Show, ließ aber alle beteiligten Personen inklusive Publikum von Skelett-Puppen mit Perücken nachspielen.

In diesem Moment verschwamm die Grenze zwischen Theater und Fernsehen, gelang also das, was Harald Schmidt nicht mehr ernsthaft versucht: Obwohl er in "Schmidteinander" seinen Chefautor Herbert Feuerstein prominent vor die Kamera holte, schwächt er seine Position heute durch zu großes Vertrauen in die Relevanz der eigenen Biografie und seine Schlagfertigkeit. Mit einem Team von Top-Autoren auf amerikanischem Niveau sähe "Schmidt & Pocher" ganz anders aus. Deswegen mag man manchmal gar nicht mehr hingucken: Es wirkt so, als hätte sich Schmidt, einst die Hoffnung des literarischen Fernsehen, von der unliterarischen deutschen Variante des Mediums anstecken lassen.

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