Geschenktips von taz-Autoren: Spätkauf

Geschenke kurz vor Schluss: Bücher, Bonbonnieren, Taschenwärmer - oder doch lieber ein australischer Ammenhai? Die taz-Kulturredaktion hat sich Gedanken gemacht.

The same procedure as every year. Bild: dpa

BRIGITTE WERNEBURG: Freudig wedelnd

Ein Geschenk, das an Weihnachten verboten ist

Dem Spätkauf sehr ähnlich ist der Spontankauf. Ein solcher führte zu Paul, der erst Dr. Müller heißen sollte, wie ein Physiker und Freund aus früheren Tagen, auf dessen Nobelpreisparty ich mir lange Zeit sicher war, eines Tages zu tanzen. Das kleine Häufchen Hund machte die Idee der ironischen Huldigung akademischer Exzellenz freilich schnell zunichte, wogegen der Vorname des Professors mehr und mehr gewann. Paul also, den dann alle Knut nannten, wegen der schwarzen Knopfaugen und der schwarzen Nase im schneeweißen Fell. Ich hatte weder Futter noch Leine noch irgendeine Idee, was es heißt, für ein Tier verantwortlich zu sein, als ich ihn an einem Sonntag im Frühjahr mit nach Hause nahm. Auch wenn ich mir sicher bin, dass Paul mit diesem aus heiterem Himmel gefällten Entschluss einverstanden ist, der schnell entschlossene Spätkauf verbietet sich bei einem Tier.

Das meint auch das Tierheim Berlin, das in der Weihnachtszeit keine Tiere vergibt. Denn nach den Feiertage sind sie wieder da. Trotzdem kann ein Tier ein wunderbares Geschenk sein. Nur sollte man erst zum Buch statt gleich zum Tier greifen. Zu empfehlen sind Erziehungsratgeber und Sachbücher über Wesen und Eigenart des Tiers wie über die Anforderungen, die seine Haltung bedeutet. Vor Bildbänden dagegen sei gewarnt. Selbst Hunde mit Basedow sehen hier so hinreißend aus, dass man sofort einer Meinung mit Loriot ist, der meint: Sicher, man könne ohne Mops leben - nur lohne es sich nicht. Was soll man erst bei einem Terrier sagen?

ANDREAS FANIZADEH: Pablo raucht

Antonio dal Masetto: "Unten sind ein paar Typen." Rotpunktverlag, 16 Euro

Argentinien 1978, am Vorabend des Endspiels zur Fußball-WM. Pablo ist Journalist. Sein Telefon funktioniert mal und dann auch wieder nicht. Der Strom fällt aus, und was will der Portier im Treppenhaus? Vor dem Mietshaus im Zentrum von Buenos Aires parkieren verdächtige Autos. Pablo fühlt sich von rumstehenden Männern beobachtet. Geheimpolizei?

Ana raucht eine Zigarette nach der anderen, Pablo macht Spaghetti, kauft Wein. Raucht. Eine Razzia im Lokal, Jüngere werden verhaftet. Pablo fühlt sich überwacht. Er treibt durch die große Stadt, streift die Corrientes hinauf, schwingt sich in letzter Sekunde auf das Trittbrett eines vorbeiknatternden Busses. Er traut sich nicht mehr nach Hause, schläft im Hotel. Der Standard einfacher Pensionen ist tief: keine Heizung, Fenster zum Innenhof. Es ist kalt im Juni, im südamerikanischen Winter 1978 in Buenos Aires. Pablo trinkt Kaffee. Und raucht. Ist er auf der Flucht, bildet er sich alles nur ein? Ana raucht, aber bald nicht mehr zusammen mit Pablo. Die Situation wird unkontrollierbar. Ein Auto bremst, Glas splittert. Pablo versteckt sich in einem Hauseingang. Er schaut um die Ecke, aber da ist nichts. Er kauft Zigaretten, fährt Taxi. Wohin?

"Unten sind ein paar Typen" heißt die im Rotpunktverlag erschienene Erzählung des Schriftstellers Antonio dal Masetto. Er schreibt in knapper Prosa über die Zeit der letzten argentinischen Diktatur. Kurze präzise Szenen und Dialoge, der Einzelne in der euphorisierten Masse und mit sich selbst. Literarischer Existenzialismus, Film Noir, eine kleine Geschichte vor großer Kulisse.

JOANNA ITZEK: Handwarm

Zwei Taschenwärmer "Magic Heat", aus dem Outdoor-Laden, 7,95 Euro

Der Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Wärme, oder zumindest nach angenehmer Körpertemperatur. Deshalb lohnt es sich immer, auch auf den letzten Drücker, noch Produkte zu kaufen, die die Temperaturregulierung fördern. Ein völlig unterschätzer Artikel im Kampf gegen die Saukälte ist der Taschenwärmer, dieses kleine Kunststoffkissen, gefüllt mit seltsamen Glibber und einem fragilen Metallplättchen. Das Plättchen knickt man nach Bedarf um, wodurch chemische Prozesse in Gang gesetzt werden, die zur Erwärmung des Glibbers führen. Lautlos und effizient läuft das ab. Die zähe Flüssigkeit erstarrt und heizt die Hände. Man kann sie daraufhin ausgewählten Menschen unter die Wollpullover schieben, die Hände, ohne dass es ein Riesengeschrei gibt. Oder man lässt das Fummeln sein und denkt bloß abstrakt über Liebe und Sex nach. Wärme entspannt einen, manchmal bis in ein Stadium der Gleichgültigkeit hinein. Dieses Kunststoffkissen kann übrigens sehr heiß werden. Und man kann es immer wieder benutzen, indem man es im Kochtopf mit den nötigen Grad Celsius zurück in den semiflüssigen Ausgangszustand befördert.

DIRK KNIPPHALS: Durch die Nacht

"Theme Time Radio" hour with host Bob Dylan auf XM Satellite Radio, 10 Dollar im Abo

Etwa zehn Dollar monatlich kostet ein Abonnement des US-amerikanischen Radiosenders XM Satellite Radio, übers Internet (siehe rechte Spalte) sind die erforderlichen Schritte recht leicht zu bewerkstelligen. Übers Internet oder über eine Satellitenschüssel ist das vor allem in Washington, D.C. und New York hergestellte Pay-Programm (keine Werbung!) denn auch zu empfangen - eine Art HBO für Radiohörer. Hierzulande bekannt und bejubelt wurde der Sender zuletzt vor allem wegen der tatsächlich ja auch tollen "Theme Time"-Radioshow von und mit Bob Dylan - "Its night time in the big city " - Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Merkur darüber unter dem ebenso treffenden wie großartigen Titel "Des alten Knaben Wunderhorn" einen schönen Essay geschrieben. Im taz-Umfeld gingen Raubkopien der einzelnen Sendungen von Hand zu Hand. Ein XM-Abo würde nun nicht nur eine Legalisierung dieser Praxis ermöglichen, sondern auch einen hübschen Distinktionsgewinn: Während die Masse der deutschen Hochkulturkonsumenten die angeblich so kulturlosen USA schmähen, genießt der Kenner ihre wirklich innovativen Kulturprodukte. Am zweiten Weihnachtstag läuft übrigens die 13. Folge der 2. Season von Dylans Radioshow.

CHRISTINA NORD: Exotische Süße

Bonbonniere, 16 Euro

Veilchenblütenblätter. Schon der Name ist reiner Wohlklang. Die Silben zergehen im Mund, und der Mund ist es auch, in dem die kandierte Blüte zergeht. Öffnet man die Bonbonniere, kullern einem kleine, lilafarbene, aus Zufall recht frivol geformte Objekte entgegen. Sie sind matt, doch sobald Licht auf sie fällt, funkeln sie. Ihre Süße ist ungewohnt, nicht zuckrig, eher ein bisschen exotisch. Beim ersten Kontakt mit Lippen und Zunge fühlen sie sich hart an, je länger sie im Mund sind, umso mehr zerfallen sie, bis sich schließlich, wenn kaum noch etwas von ihnen übrig ist, ein winziges, weiches Stück Blütenblatt preisgibt. Der k. u. k. Hofzuckerbäcker Demel in Wien stellt sie her und verkauft sie, und dies nicht nur im Laden am Kohlmarkt, sondern auch im Netz (siehe rechte Spalte). Es gibt außerdem eine katalanische Variante des Veilchenblütenblatts, auch sie ist kandiert, dazu mit Jahrgangsschokolade überzogen und Waldbeerenpulver bestäubt. Der oder die Beschenkte wird nie wieder etwas anderes naschen wollen.

TOBIAS RAPP: Philharmonie

Ein Abonnement für sechs Konzerte: in Berlin 105-297 Euro, in Köln 60-130 Euro

Viele Gründe können einen in die Philharmonie führen. Sich immer nur bei Rockkonzerten oder in Technoclubs eins auf die Mütze geben zu lassen, hat eben auch seine ermüdenden Momente. Die meiste Musik, die in einer Philharmonie gespielt wird, mag aus einer Zeit stammen, als Notenlesen noch zur Grundausstattung bürgerlicher Bildung stammte und Musikbegeisterte die Partituren wie Bücher lasen - tatsächlich funktioniert der Philharmoniebesuch aber auch für das klangorientierte Hören. Dafür muss man allerdings hingehen, denn richtig gut klingt das Orchester nur, wenn man es vor sich hat. Nun ist man nicht überall in einer so glücklichen Lage wie in Berlin, wo man zwischen sieben Orchestern, ihrem unterschiedlichen Klang und ihrer unterschiedlichen programmatischen Ausrichtung wählen kann. Aber ein oder zwei, oft sehr gute Orchester hat fast jede Stadt. Und das Schöne an einem Abonnement ist, dass es einem die leidige Entscheidung abnimmt, welches Konzert es denn nun zu besuchen gilt: Es gibt sechs Termine, die stehen lange genug vorher fest, dass man Zeit genug hat, den Rest des Jahres um sie herum zu planen.

ULRICH GUTMAIR: Sag ja zum Exzess

Kufiya Feigale, zu bestellen über http://antipali.com. Soll 30 Euro kosten

Die jungen Leute von heute ziehen sich nicht nur viel zu enge Hosen an, die am Arsch nicht sitzen. Jetzt ist auch noch das gute alte Palästinensertuch zum heißesten Accessoire der Saison geworden, meist im klassischen Schwarzweiß, aber auch gerne punkmäßig rosa verfärbt. Verkauft wird das Teil inzwischen sogar von großen Modeketten.

Bei den Trägern dieses Textils dürfte es sich weder um Fatah-Anhänger noch um neuautonome Straßenkämpfer, sondern größtenteils um brave Konsumenten handeln. Nichtsdestotrotz bleibt das Palituch hierzulande der modische Ausdruck des linken Antizionismus der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre, auch wenn man von dessen Geschichte noch nie was gehört haben sollte. Ein junger Künstler hat sich dieses Problemkinds der Politmode nun angenommen. Er entfärbt die Originale erst. Dann werden sie neu bedruckt. Das neue Palituchmodell namens Kufiya Feigale ist die Ornament gewordene Affirmation der beliebten Theorie der großen jüdisch-kapitalistisch-bolschewistischen Verschwörung, die für alle Exzesse der modernen Welt verantwortlich zu machen ist. Das neue Muster besteht aus Viagra-Tabletten von Pfizer, Kondomen und Buttplugs, die auf einem Raster angeordnet sind. Dazwischen lugen Ecstasypillen der Marke "Hammer und Sichel" und "Herz" hervor, in jeder Ecke ist ein Davidstern platziert. Feigale ist wahlweise in Hellblau und Schwarz, demnächst wohl auch in Weiß auf Schwarz erhältlich. Die Auflage der handbedruckten Tücher ist limitiert.

KATRIN-BETTINA MÜLLER: Kleine Haie

Schleich-Tiere, 4,60 Euro, in vielen Spielwarenläden

Warum nun gerade ein australischer Ammenhai? Für U., die ihn W. schenken will, ist die Sache ziemlich klar. Sie war ja so dankbar, das Vieh lebend nie gesehen zu haben, als die beiden zusammen einen Tauchurlaub in Australien machten, während W. die ganze Zeit von nichts anderem reden konnte. Er war scharf auf eine Begegnung mit diesem nah am Ufer gründelnden und gut in Schlammfarben getarnten See-Ungeheuer. Dass er jetzt einen Ammenhai zu Weihnachten bekommt, ist also ihrerseits eine Geste der Dankbarkeit gegenüber den Göttern des Schicksal und eine Erinnerung an gemeinsame Abenteuer. Das geschenkte Tier ist 32-mal kleiner als das Original, es ist handbemalt und naturgetreu modelliert. Nicht von U. selbst, aber von ihr entdeckt unter den vielen Tieren der Firma Schleich, deren Serien von Tieren aus der See, dem Wald, vom Bauerhof und aus der Wildnis und selbst von prähistorischen Säugetieren ziemlich umfangreich sind. Darunter eines mit einer persönlichen Geschichte zu finden, die auf den Beschenkten so gut passt, ist natürlich nicht ganz einfach. Vielleicht eine der vielen Kühe als Versprechen: Schatz, nächstes Jahr fahr ich mit dir auf eine Alm.

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