ZDF-Vierteiler "Krieg und Frieden"

Amor bei der Artillerie

Der TV-Vierteiler "Krieg und Frieden" schrumpft Tolstois Jahrhundertroman zum Liebesdrama auf Boulevardtheaterniveau, gespielt von albernen Vorabendserienmimen.

Prinz Andrej, dargestellt von Alessio Boni, in der Schlacht von Austerlitz. Bild: ZDF/Morris Puccio

Ein Mensch, der Hegel nicht kannte, hätte nicht mitreden dürfen." (Leo Tolstoi)

Über die "TV-Variante eines Kinoklassikers", wie die Programmbeilage rtv den "Krieg und Frieden"-Vierteiler nennt, jubelte der Spiegel: "400 Minuten ohne Kitsch, 400 Minuten auf dem sicheren Boden der weltberühmten Vorlage" - nämlich Tolstois vierteiliger Roman "Krieg und Frieden" aus dem in Russland studentenbewegten Jahr 1868.

Der Spiegel-Rezensent hat nicht alle Tassen im Schrank: Wenn diese mit albernen Vorabendserienmimen besetzte Europroduktion überhaupt eine Vorlage hat, dann den ebenfalls vierteiligen Roman "Vor dem Sturm" von Theodor Fontane aus dem dumpfdeutschen Jahr 1878, der auch die antinapoleonischen "Freiheitskriege" thematisiert, aber nicht in Moskau, sondern im Oderbruch spielt.

Genauso brav-bieder zieht sich das von Robert Dornhelm verfilmte TV-Drama dahin: dümmlichstes Liebesgestammel, -intrigen und -taumel lösen sich ab mit Duell-, Fecht- und Sterbeszenen. Und auf Krieg folgt immer Frieden - nachdem eine Erzählerstimme erklärt hat, dass "die Wogen der Geschichte sich geglättet" hätten, also der "Weltgeist zu Pferde" (Hegel über Napoleon) sich wieder hinter die Grenze verzogen hat.

Einzig die Ehrenrettung des russischen Oberbefehlshabers Kotusow hat der Regisseur, der bei seinen Kriegsszenen an den Irakkrieg gedacht haben will, aus Tolstois Roman übernommen, den er ansonsten ironiebereinigt als Liebesdrama auf Kudammbühnen-Niveau inszeniert. Die böse Verführerin trägt Rot - während die reine Verliebte stets in Weiß herumsitzt. "Poesie pur" nennt rtv Clémence Poésys Auftritt als "Natascha". Die langweilig-passive Liebe wird hier gegen die aufregend-aktive Verführung in Stellung gebracht: der einzige Krieg, auf den der Regisseur sich versteht.

Ironiefrei und bieder

Diese TV-Verbumfiedelung eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur könnte ein Auftragswerk der Hannoveraner Familien-, Ehe- und Kitaministerin sein. Sich diesen Wörthersee-Kostümfilm-Mist anzugucken, ist reine Zeitverschwendung.

Liest man Leo Tolstois Roman "Krieg und Frieden" noch einmal, ist man völlig überrascht, wie absolut modern er ist und wie souverän der Autor denkt - auch in seiner eigenwilligen (Kriegs-)Geschichtstheorie, in die das Epos mündet: "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" - so könnte man sie vielleicht mit dem Philosophen Theodor Lessing nennen.

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer, der eine Tolstoi-Lesung auf CD vorbereitet, meint, dass bemerkenswert viele große russische Schriftsteller Artilleristen waren. Diese hatten eine höhere Bildung als Kavallerie- und Infanterie-Offiziere, sie befanden sich auf der Höhe der Kriegstechnik und besaßen "eine größere Übersicht". Tolstoi begab sich 1851 als Artilleriefähnrich an die Kaukasusfront, wo es erstmalig um die Vernichtung der Tschetschenen ging, der Respekt vor diesem Gegner jedoch noch vorhanden war. Tolstoi beschäftigte sich dort mit einer "Theorie des Glücks" und "echtem Mut".

Um den modernen Krieg jenseits allen Partisanentums, das sich in Russland im Kampf gegen die napoleonischen Heere herausgebildet hatte, kennenzulernen, ließ Tolstoi sich zur Donau-Armee versetzen und nahm dann an den Kämpfen um Sewastopol teil. In dieser Zeit schrieb er seine ersten Kriegsreportagen, die sofort großes Aufsehen erregten, weil sie zugleich kriegskritische Sozialreportagen waren. Man kann sie, dazu seine zu Beginn des Krimkrieges verfassten Erzählungen über den Tschetschenienkrieg, als Vorarbeiten zu "Krieg und Frieden" bezeichnen, ebenso die Novelle über "Die Kosaken" von 1862. Mehr als 40 Jahre später kam er 1905 mit seiner Erzählung "Hadschi Murat" auf den Kaukasuskrieg zurück.

Der Schriftsteller Roberto Zapperi hat in der FAZ Tolstois Roman über Napoleons Feldzug von 1812 mit Georges Lefebvres Monografie über Napoleon verglichen, was ihm nach "zu Gunsten" Tolstois ausging. Zapperi erstaunte das Ergebnis "umso mehr, wenn man bedenkt, dass Tolstoi sich vor der stets wachsamen, patriotischen russischen Zensur zu hüten hatte".

Tolstois Darstellung der Zeit der Freiheitskriege gipfelt in der Schilderung der Schlacht bei Borodino, die er laut FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher "aus fünf unterschiedlichen Perspektiven" erzählt. Im Spiegel schreibt der Schriftsteller Daniel Kehlmann: "Wenn ich an den Möglichkeiten der Literatur zu zweifeln beginne, lese ich Tolstois 'Krieg und Frieden'. Es gibt keine stärkere Medizin. Danach kommt es einem vor, als hätte man an Welterfahrung gewonnen Ich kenne keinen anderen Roman, der das vermag."

Die ZDF-Verballhornung des Romans beschert einem dagegen nur einen Weltverlust - von genau 400 Minuten. Schon die amerikanische Verfilmung von King Vidor (1956) und die sowjetische von Sergej Bondartschuk (1967) waren nicht das, "was Tolstoi meinte, als er Andrej an seiner Ruhmgier scheitern und Pierre den russischen Menschen entdecken ließ; aber was macht das schon? Das Kino ist eine Gefühlsmaschine", schrieb der FAZ-Filmkritiker Andreas Kilb.

"Krieg und Frieden", Italien 2007, Teil 1: ZDF, Sonntag, den 6. Januar 2008, 20.15 Uhr, weitere Termine am 9, 13. und 16. Januar

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