die wahrheit: Das Schnurstracken von Zwirndorf

Tage des geheimnisvollen Brauchtums: gezutzelt und entkutzelt, auseinandergedröselt.

Schnurstrackpause: Entzurren und Entzerren macht müde. Bild: ap

Da wo sich Hessen, Thüringen und Niedersachsen mäandernd ineinanderschieben, sodass selbst die Kompassnadel nicht mehr weiterweiß und sich verheddert, liegt das Örtchen Zwirndorf. Dort soll es im 13. Jahrhundert, als drumherum schon alles wüst gefallen war, einmal so stark geregnet haben, dass sich viele Redewendungen über all die Jahre hielten und davon noch heute künden. Nicht, dass es bloß geschnürlt oder Bindfäden gegossen hätte, nein, in dicken Seilschaften hing die Katastrophe tagelang vom fetten Himmel. "Tauwetter " sprachen die Zwirndorfer damals und tun es heute noch, wenns allzu senkrecht und knüppeldick von oben kommt.

Dennoch haben sich die Zwirndorfer in all den Jahrhunderten auch zu helfen gewusst. Denn wenn das Jahr zu Ende geht und sich das Lametta um den Christbaum kräuselt, tun alle Dorfbewohner das am liebsten, was der Senkrechten den Schrecken nimmt: Sie kramen in ihren Schubladen und Schuhschränkchen herum und klauben verknotete Schnürsenkel, Drachenschnüre, Klingeldrähte, Zugseile, Krawatten, Kopfhörerknäuel, Galgenstricke, verknuddelte Telefonkabel und Headphonebündel zusammen und bringen sie im Morgengrauen der ersten Raunacht auf die Große Bleiche, eine so weite und ebene Wiese, dass die Erde, wenn sie wirklich rund wäre, hier vergessen hätte, sich zu krümmen.

Bild: tom

Und während es dort hell und heller wird, finden sich nicht nur die Zwirndorfer ein, sondern auch eitel Grenzvolk aus den umliegenden Ländereien. In der einen Ecke stehen die blinden Hessen und wissen nicht, woraus sie schauen sollen. Am gegenüberliegenden Rain haben sich die Niedersachsen schon so ihre breiten Füße in den Bauch gestanden, dass sie den Hunger in ihren Eingeweiden gar nicht spüren, und die Thüringer wollen zwar mit großen Augen Fünfe gerade sein lassen, wissen aber nicht, wies geht. Nur die von weiter angereisten Anhaltiner, die es sich auf aufblasbaren Hochsitzen gemütlich machen, haben einen Überblick.

Schlag zehn Uhr morgens ist der große Augenblick gekommen, und das Zwirndorfer Schnurstracken kann beginnen. Dann wird unter dem Gejohle fadenscheinigster Argumente all das entzerrt und abgewickelt, entknotet, aufgedröselt, auseinandergezutzelt und entkutzelt und gespannt, bis der ganze Platz von einem Fadenmeer bedeckt ist und einem riesiges Spinnennetz gleicht. Fährt dann ein kalter Wind in dieses Stoffgeflecht, bläht es sich und erinnert schrecklich an die tosenden Meereswogenplanen der Augsburger Puppenkiste. Da schaudert es dann alle auf der Großen Bleiche.

Wenn aber schließlich alle Schnüre und Fäden bis zum äußersten gestrackt und stramm sind, kommt nicht einmal der Wind dazwischen, und dem Bürgermeister Zirndorfs ist es vorbehalten, mit dem lauten Ausruf "Ostrackt is!" dem rätselhaften Dorffest die sprichwörtliche Krone aufzusetzen. Das macht er natürlich nicht wirklich, weil er seit Jahrhunderten eine wollene Bommelmütze tragen muss, in der jede Menge Würste versteckt sind - so genannte "Stracke" -, die er nun hervorholt und an das längste Seil des Platzes hängt. Das wird nach dem Ende des Schnurstrackfestes einer wissenschaftlichen Einrichtung gestiftet, die für die Verlegung der Längen- und Breitengrade auf den Weltmeeren verantwortlich ist. Denn da geht schließlich im Laufe der Jahre ganz schön was kaputt.

Und dann wird es auch schon dunkel auf der Feierwiese. Doch besonders in Neumondnächten steht den Zaungästen der schönste Teil des Festes noch bevor, nämlich das Heimwackeln der Einheimischen. Sie, die nach dem Entzurren und -zerren weitgehend still zwischen und unter ihren Schnüren zugebracht haben, müssen eben irgendwann nach Hause. Und dann kommt die Gefahr mal nicht senkrecht von oben, sondern sie liegt als Fallstrickteppich waagerecht im Finstern. Bei jedem Stolpern und Wehklagen freut sich das Grenzvolk und applaudiert. Und für jeden Zwirndorfer, der es irgendwie aus dem schnurgestrackten Spannbettuch herausgeschafft hat, haben die Besucher eigens noch straff gespannten, hüfthohen Stolperdraht dabei.

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kari

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