Ökonom Stiglitz über Kreditkrise: "Wir haben die Lektion nicht gelernt"

Als Reaktion auf die Kreditkrise fordert Nobelpreisträger Stiglitz eine bessere Regulierung des Finanzsystems - durch eine internationale Bankenaufsicht.

"In der nächsten Zeit nur noch rund drei Prozent Wachstum": Börse in Thailand Bild: dpa

taz: Spüren Sie hier beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Angst vor der weltweiten Rezession?

Joseph E. Stiglitz: Viele Leute halten es inzwischen für wahrscheinlich, dass wir einen Abschwung erleben werden. So geht es in den Diskussionen vor allem darum, wie man darauf reagieren sollte.

Meinen auch Sie, dass es eine globale Rezession geben wird?

Ich rechne mit einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den USA, eine Rezession dort ist sehr wahrscheinlich. Die Produktion wird deutlich unter dem liegen, was die US-Wirtschaft leisten könnte. Das hat globale Konsequenzen.

Manche Ihrer Kollegen argumentieren, China und Asien insgesamt könnten die USA als Wachstumslokomotive ersetzen.

China exportiert in großem Stil Waren in die USA. Wenn dieser Absatzmarkt einbricht, bekommen das auch die chinesischen Exporteure zu spüren. Was heißt das für die Weltwirtschaft?

Statt fünf Prozent Wachstum werden wir in der nächsten Zeit insgesamt nur noch rund drei Prozent erwirtschaften. Ich nehme an, dass die Preise für Rohstoffe sinken, was gerade den ärmeren Ländern, die diese Rohstoffe ausführen, Probleme bereiten dürfte.

Nach 1997 und 2001 erleben wir gerade die dritte globale Finanzkrise innerhalb eines Jahrzehnts. Im Anschluss an die vorangegangenen Krisen versprachen Politiker und Ökonomen, das Finanzsystem stabiler zu machen.

Leider ist viel zu wenig passiert. Wir haben unsere Lektion nicht gelernt. Die wichtigste Ursache der gegenwärtigen Turbulenzen ist ein Übermaß an Deregulierung.

Wie hätte man die jetzige Krise durch eine bessere Rahmensetzung verhindern können?

Wir brauchen dringend mehr Transparenz im Banken- und Kreditsektor. Die gegenwärtige Kreditkrise ist auch dadurch entstanden, dass Politik, Bankenaufsicht und Öffentlichkeit über die Risiken der neuen Produkte nicht informiert waren. Vorher gab es den Verkauf von minderwertigen, zu Paketen gebündelten Immobilienkrediten ja nicht. Die wenigsten Experten konnten sich offenbar vorstellen, welche Gefahren diese Strategie beinhaltet.

Auch die Banken, die diese Geschäfte betrieben, haben die Gefahren nicht ernstgenommen?

Das war ihnen egal. Sie wollten Geld verdienen. Sie wollten nicht verstehen, welche Risiken sie eingehen. Und natürlich haben sie kein Interesse an irgendeiner Form von öffentlicher Regulierung. Hier haben wir ein schönes Beispiel dafür, wie die Selbstregulierung der Wirtschaft versagt.

Wie kommen wir zu einer besseren Regulierung des weltweiten Finanzsektors?

Am einfachsten wäre es, die nationale Bankenaufsicht etwa in den USA oder Deutschland zu verbessern. Die Finanzinstitute müssen verpflichtet werden, Informationen über die risikoreichen Geschäfte offenzulegen. Die Politik und die Bankenaufsicht sollten künftig viel argwöhnischer sein, besonders bei unbekannten Finanzprodukten aus dem Ausland.

In Europa gibt es zwar einen gemeinsamen Markt, aber keine gemeinsame Bankenaufsicht, die diese Namen verdient. Müsste eine europäische Bankenaufsicht eingerichtet werden?

Ja, eine Aufsicht sowohl auf nationaler, als auch auf internationaler Ebene ist notwendig. Ebenso gilt dies für das weltweite Finanzsystem. Wir brauchen eine Aufsicht, die den Überblick über die globalen Finanzmärkte hat. Sonst bleiben die Risiken so lange verborgen, bis es zu spät ist.

Das Motto hier in Davos heißt "Zusammenarbeit". Bemerken Sie den Versuch, das internationale Finanzsystem in einer gemeinsamen Anstrengung auf sichere Füße zu stellen?

Nein, bislang verstehen viele Leute nicht richtig, welche Entwicklungen die Krise ausgelöst haben. Und sie sagen: Man darf jetzt nicht überreagieren, sonst macht man die Krise noch schlimmer. Eine bessere Regulierung lehnen sie immer noch ab. Ich sage: Gerade das ist es, was wir brauchen.

INTERVIEW: HANNES KOCH

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