Hauptversammlung bei Siemens: Bilanz unter Tränen

Die Schmiergeldkrise dauert an: Auch in der Sparte Medizintechnik sollen bis zu 140 Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen sein.

Siemens guckt in die Röhre. Bild: ap

Doch, Tränen gab es auch, gestern bei der Hauptversammlung von Siemens. Peter von Siemens, Ururenkel von Werner von Siemens, hatte zum letzten Mal als Aufsichtsrat Platz genommen. Der alte Mann ist der letzte Nachkomme an der Spitze des Unternehmens mit diesem legendären Namen. Steif verbeugte sich Peter von Siemens am Donnerstag in der Münchner Olympiahalle vor den Anwesenden und bedankte sich beim heutigen Unternehmenschef Peter Löscher für den Abschied. Haltung versuchte er dabei zu wahren, der Blick war starr nach vorn gerichtet, aber das Wasser stand ihm schließlich doch in den Augen.

Das Weltunternehmen ist halt ein anderer Konzern als das Siemens, das sein Ururgroßvater 1847 gegründet hatte. Vom Technikkonzern ist das Unternehmen im vergangenen Jahr zum Schmiergeldkraken geworden, vergessen darüber beinahe die technischen Meisterleistungen. 1,3 Milliarden Euro Schwarzgeld sind bislang gefunden worden - zwischen 2000 und 2006 zum weltweiten Schmieren der Geschäfte genutzt (siehe Text unten).

Bei der Hauptversammlung wurde erneut deutlich, dass das Aufräumen weiter andauert. "Die Ermittlungen sind auch heute noch nicht abgeschlossen", betonte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Die Ermittlungen hätten gezeigt, dass es sich um "mehr als nur Einzelfälle" handle. Der seit sieben Monaten amtierende Vorstandschef Peter Löscher meinte gar, dass es "noch Jahre" brauchen werde, bis die Krise überwunden sei.

Natürlich hat dieses Thema die Aktionärsversammlung bestimmt. Die schnöden Zahlen wurden kaum weiter diskutiert - trotz oder vielleicht wegen der Topergebnisse. Der Siemens-Nettogewinn hat sich mit 6,5 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr mehr als verachtfacht, Grund ist vor allem der Verkauf der Autosparte VDO. Das operative Ergebnis hat zwischen Oktober und Dezember um 16 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro zugelegt.

Die weitaus meisten der 46 Aktionärsanträge drehten sich um das inzwischen fast ausgetauschte Management unter damaliger Führung von Heinrich von Pierer, später Klaus Kleinfeld. Laut neuesten Berichten hat es nicht nur bei der Kommunikationssparte Com Schmiergeldzahlungen gegeben. Auch bei der Sparte Medizintechnik sollen bis zu 140 Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen sein. Wegen dieser neuen Erkenntnisse hatte der Aufsichtsrat bereits am Montag vorgeschlagen, den Vorstand auf der Hauptversammlung nicht zu entlasten. Das Ergebnis dieses Antrags stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest.

Allerdings war zu erwarten, dass die Mehrheit der Aktionäre dem Vorschlag folgt, einige forderten das auch für die Aufsichtsräte. Offensichtlich ist weiterhin unklar, ob und wer noch Bescheid weiß über die schwarzen Kassen. Einzige Ausnahme bei der Nicht-Entlastung soll übrigens der neue Vorstandschef Peter Löscher sein, der Siemens im letzten halben Jahr weitgehend umgekrempelt hat. Eine neue Managementstruktur mit persönlicher Verantwortung hat er umgesetzt, einen Disziplinarausschuss eingerichtet mit Amnestiemöglichkeit für Kronzeugen - ausgenommen alle Topmanager. Und nicht zuletzt hat er sich auch bei den Arbeitnehmern für die frühere Unterstützung des AUB-Betriebsrats entschuldigt.

Doch manche Aktionäre bezweifeln weiterhin die Wirksamkeit und den Sinn mancher Ermittlungen, die von Rechtsanwälten und Wirtschaftsprüfern durchgeführt werden. "Was genau tun diese Anwälte? Wer gibt ein Regelwerk für die Anwälte?", fragte etwa Hans-Martin Buhlmann vom Verein institutioneller Privatanleger. Und auch an der Unabhängigkeit der bisherigen und erneut vorgeschlagenen regulären Buchprüfer von KPMG zweifelt Buhlmann: "KPMG prüft Siemens 117 Jahre lang. Das ist zu lang!"

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