die wahrheit: Tauchfahrt in die Fußballsuppe

Bei der "Blutwurstgrätsche" wird über die wahre Geschichte des Fußballs gesprochen.

Unsere Zeit, die vor sich hin gurgelnde Gegenwart, gibt einem ja Anlass genug, schon nach dem Aufwachen derart grandios gestimmt zu sein, dass man die Abwicklung der Existenzpflichten mal wieder einen Tag lang lieber bleiben lassen möchte. Da hilft im Grunde nur noch der Nottrunk, dem man sich geflissentlich nicht anheimgibt, oder die durchlauchtige Depression.

Aber dann passieren manchmal seltsam schöne Dinge, an Abenden etwa, an denen man in der Frankfurter Apfelweinwirtschaft "Klabunt" mit Kollegen stundenlang öffentlich über Fußball babbelt - in Begleitung allerfeinster Stargäste. "Blutwurstgrätsche" heißt die unregelmäßig einberufene und im Auftrag der Robert-Hoyzer-Stiftung runtergerobbte Veranstaltung. Bislang waren unter anderem Rudi Brückner, Horst Tomayer, Dragoslav Stepanovic und Nia Künzer zu Gast, und neulich beehrte die "Blutwurstgrätsche" Weltmeister Thomas Berthold, der Hanau-Frankfurter Bub, der als technisch hochbeschlagener, gleichwohl allzeit splitterholzunerbittlicher Verteidiger an drei WM-Endrunden teilnahm, in 332 Bundesligapartien immerhin 22 Tore schoss und ungezählte Rekorde im Einstreichen von Roten Karten aufstellte.

Seinen berühmtesten, ja eindrucksvollsten Platzverweis fuhr er im WM-Viertelfinale gegen Mexiko am 21. Juni 1986 in Monterrey ein, als er seinen widerspenstigen Widersacher nach einem Laufduell mit der Manschette, die seinen wahrscheinlich vom Bierkrugstemmen lädierten rechten Arm zierte, im Fallen niederstreckte. Berthold kommentierte die Szene in der "Blutwurstgrätsche" ausgelassen selbstironisch und heiter. Der ehemals zum arroganten Stinkstiefel par excellence erkorene Weltklassemanndecker, der bei der Eintracht, bei Hellas Verona, beim AS Rom, bei Bayern München und beim VfB Stuttgart diente, ist ein Erzähl- und Unterhaltungsnaturtalent, das sich nicht scheut, aus dem Bauchladen des Spitzenspielerlebens zu schnacken.

Im Jahr 1990 habe man, erzählte Berthold, den WM-Titel ohne eine einzige Taktikbesprechung gewonnen. Beckenbauer habe gewusst oder einfach behauptet, dass man unschlagbar sei - und fertig. 1994 hingegen, unter seinem Nachfolger Berti Vogts, sei bereits während der desaströsen Vorbereitung klar gewesen, dass die USA-Reise frühzeitig enden würde. Einen unfähigeren Trainer als Vogts, so Berthold, habe er vorher nicht und danach nicht mehr erlebt.

Die offizielle Darstellung der Weltmeisterschaft 1986 bedürfte gleichfalls erheblicher Ergänzungen. Denn dazumal lief scheinbar wirklich alles wunderbar aus dem Ruder. Nachdem sich Beckenbauer für Toni Schumacher als Nummer eins im Tor entschieden hatte, habe Uli Stein, versicherte Berthold, vor versammelter Mannschaft verkündet, ab sofort Urlaub zu machen - und anschließend auf der Bank hingebungsvoll sonnengebadet und nach Herzenslust geraucht, ohne dass Beckenbauer eingeschritten sei. Der Kaiser besaß schlichtweg keinen Mumm dazu.

Das hoffnungslose Unterfangen, den Laden zu disziplinieren, oblag dem Assistenten Vogts. Dem tanzten allerdings sogar die braven Förster-Brüder auf der Nase herum, und im Anschluss an das völlig überraschend gegen Frankreich gewonnene Halbfinale seien im Bus auf der Fahrt vom Stadion ins Hotel 300 Flaschen Bier geleert und durch die Fenster auf die Straße befördert worden. Das Endspiel, so Berthold, habe man denn auch einzig und allein wegen der nie endenden Sauferei vergeigt.

Am dollsten trieb es, berichtete Berthold, Hans-Peter Briegel. Um den unerträglichen Vogts zu demütigen, hatte der Pfälzer Brecher zum Beispiel eine Riesenpfanne anfertigen lassen, in der er sich spätabends 50 (!) Spiegeleier aufs Zimmer bringen ließ, wo eine Kartenrunde tagte, die bis zum Morgengrauen ihre Blätter drosch. Als der Korschenbroicher Berti mal wieder versuchte, die Einhaltung der Ernährungsregeln und des Zapfenstreichs zu kontrollieren, und an die Tür von Briegels Gemach klopfte, öffnete der Athlet mit der Statur eines Zehnkämpfers, schaute auf den Gnom herab und bellte ihn an: "Was willst du hier? Ich hab ein Superblatt! Lass dich hier nie wieder blicken!"

Ich freue mich mittlerweile auf jede neue "Blutwurstgrätsche", denn da sind Schnurren zu hören, die zeigen, dass die Geheim- oder Realgeschichte des deutschen Fußballs noch geschrieben werden müsste. Merkwürdigerweise hat aber just an der wahren Historie des Fußballs der vom Boulevardschleim verschlammte Medienapparat nicht das geringste Interesse - obwohl Tratsch und Klatsch prinzipiell in seinen Zuständigkeitsbereich fielen.

"Es ist doch immer dieselbe Suppe, die hier rumschwimmt", sagte Thomas Berthold neulich in einem Interview mit dem Magazin 11 Freunde, gefragt, was er von der hiesigen Fußballjournaille halte. Und weil man als Freund des Fußballs diese Suppe permanent auslöffeln muss, ereilt einen nebst der morgendlichen auch noch die abendliche Schwermut, kauernd vor der Stammkneipenglotze, aus der das nichtige Moderatoren-, Experten- und Kommentatorengesabber herausschwappt, bis sich die Seele der Sintflut des Schwachsinns hingibt.

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