Aus dem taz-magazin: "Gewisser Neid auf Nazikinder"

Erica Fischer, Autorin von "Aimée & Jaguar", hat ein sehr privates Buch über ihre Famliengeschichte geschrieben. Das Trauma des Holocaust lässt auch folgende Generationen nicht los.

Nach "Aimée & Jaguar" erzählt Fischer nun ihre eigene Geschichte. Bild: ap

taz.mag: In den letzten Jahren ist eine ganze Reihe von Büchern erschienen, in denen es um die Auseinandersetzung mit der Familie und deren NS-Vergangenheit geht. Was macht Familiengeschichten derzeit so attraktiv?

Erica Fischer: Die Generation der Achtundsechziger hat sich ausführlicher mit der eigenen Familie beschäftigt als frühere Generationen. Jetzt kommt sie in das Alter, wo man nicht mehr nach vorne blickt, sondern zurück. Mir war wichtig, die Beschädigungen dieser zweiten Generation aufzuzeigen. Ich habe mit großem Interesse Irene Disches Buch "Großmama packt aus" gelesen. Aber es war mir etwas zu kalt. Da bin ich nicht rangekommen - weder an Irene Dische noch an die anderen Familienmitglieder.

Sie sind bekannt geworden als Feministin, als Mitbegründerin der österreichischen Frauenbewegung in den Siebziger- und Achtzigerjahren. "Emanzipation" war damals das Gegenmodell zur patriarchalen Familie. Wenn Sie sich nun mit Ihrem Buch "Himmelstraße" dem Familienthema zuwenden - ist das auch eine Korrektur früherer Positionen?

Was ich damals gedacht und gefühlt und gesagt habe, war richtig. Aber es war nur die halbe Geschichte. Ich musste erst ziemlich alt werden, um mir darüber klar zu werden, dass viele meiner Probleme in der Gesellschaft zwar ins Patriarchat eingebettet sind, aber ursächlich mit meiner eigenen Familie, mit dem Jüdischsein meiner Mutter, mit der Vertreibung, der Emigration und der unfreiwilligen Rückkehr nach Österreich zu tun haben.

Sie suchen jetzt vor allem die Auseinandersetzung mit der Mutter - viel mehr als mit dem Vater.

Die Mutter war eben die Starke in der Familie und die, an der ich mich immer gerieben habe.

Die Gegenfigur zu Ihnen ist Ihr Bruder Paul, der zeitlebens zu Hause blieb, der ohne die Mutter nicht existenzfähig war und der sich nach dem Tod der Mutter umbrachte.

Sein Freitod war der Antrieb, das Buch zu schreiben. Mein Bruder ist in gewisser Weise eine Doppelung von mir, aber auch eine Übersteigerung. Wir waren uns auch äußerlich ähnlich, haben ähnliche Bücher gelesen und uns für ähnliche Dinge interessiert, aber er hat als Junge den Absprung nicht geschafft. In meiner Familie war es ein großes Glück, weiblich aufzuwachsen. Und: Ich habe auch den Männern meine Loslösung zu danken. Ich war ein hübsches Mädchen, und meine diversen Freunde haben mich weggebracht von der Familie. Mein Bruder, der gut aussah und klug war, konnte die Männerrolle nicht spielen. Er war überhaupt nicht in der Lage, initiativ zu werden und Beziehungen anzubahnen. So ist er bei meiner Mutter hängen geblieben.

Die jüdische Tradition, Kultur, Religion hat in Ihrer Familie zunächst keine Rolle gespielt. Wann wurde das für Sie wichtig?

Da füge ich mich ein in einen allgemeinen Trend bei linken, säkularen Juden, die Ende der Achtzigerjahre angefangen haben, sich mit ihren jüdischen Wurzeln auseinanderzusetzen. Ich bin 1988 nach Deutschland ausgewandert, sozusagen. 1988 war der fünfzigste Jahrestag der Reichspogromnacht. Die Medien waren voll mit Berichten über diese Zeit. Da habe ich begonnen, mich ernsthafter damit zu befassen. Wenn ich in Wien geblieben wäre, hätte ich das vielleicht nicht gekonnt. Ich musste Distanz herstellen zu dem Land, zu dem ich immer auch ein problematisches Verhältnis hatte. Eine Zeit lang habe ich versucht, mich den Traditionen anzunähern. Doch das ist mir nicht gelungen. Heute bin ich wieder da angelangt, wo ich schon vorher war. Man kann Tradition und Religion nicht erzwingen, wenn es überhaupt nicht in einem drinsteckt. Das habe ich aufgegeben, und das würde ich auch für dumm halten. Mir sind die Leute, die als Kommunisten aufgewachsen sind und plötzlich religiös werden, ziemlich unheimlich.

Sie schreiben auch über Ihre Großeltern aus Warschau, die in Treblinka ermordet wurden. Welche Rolle spielte die Last der Opferrolle innerhalb der Familie?

Man hat in der Familie nicht darüber gesprochen. Es wurde nicht verschwiegen, es war ein Faktum, und das wars. Die Last der Geschichte hat sich nonverbal vermittelt, mir und meinem Bruder. In gewisser Weise habe ich immer die Nazikinder beneidet, weil die sich leichter lösen konnten. Ich kann meiner Mutter ja nicht vorwerfen, dass sie politisch auf der falschen Seite stand. Alles, was meine Eltern gedacht und gesagt haben, finde ich richtig, und ich habe das auch übernommen. Und trotzdem war meine Mutter eine schreckliche Person. Dieser Zwiespalt ist schwierig. Das wollte ich in dem Buch ausdrücken. Ich habe mich bemüht, meiner Mutter gerecht zu werden, ihre Verletzungen zu erkennen und zu erklären, warum sie so wurde, wie sie war. Aber die allerletzte Erklärung habe ich nicht gefunden. Vielleicht war sie schon immer so. Vielleicht war ihr Egoismus genetisch angelegt und wurde durch ihre negativen Erfahrungen nur verstärkt. Geprägt hat mich sicher der Hass meiner Mutter auf Österreich, der Hass auch auf meinen Vater, dass er sie gezwungen hat, nach Österreich zurückzukehren. Gegenüber diesem Österreich gab es immer eine Ambivalenz. Einerseits war ich ein österreichisches Kind, habe den Wiener Dialekt angenommen. Andererseits habe ich aber nicht dazugehört. Ich hatte immer einen englischen Pass, der mir sehr wichtig war. England war das Traumland. Mich gefunden habe ich erst in Deutschland. Hier bin ich neutral. Ich rege mich über manches auf, aber es kommt mir nicht so nahe wie in Österreich. Das hat auch mit der Sprache zu tun. Das Wienerische hat für mich etwa Bedrohliches.

Ist es nicht seltsam, dass Sie nun ausgerechnet in der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin sesshaft geworden sind?

1988 bin ich zunächst nach Köln gegangen mit meinem damaligen Mann. Nach der Scheidung kam ich 1995 nach Berlin. Es ist ja interessant, dass ganz viele Juden aus aller Welt in Berlin hängen bleiben. Ich habe mich sofort hier wohlgefühlt. Von den Gebäuden her gibt es eine gewisse Ähnlichkeit mit Wien. Es ist auf jeden Fall osteuropäisch. Mit diesem westlichen Städtchen Köln kam ich gar nicht zurecht. Insbesondere weil dort so viel zerstört ist. Es war mir auch zu hässlich.

Haben Sie in Berlin mit der Jüdischen Gemeinde zu tun?

Ich bin nicht Mitglied, weil mir die Jüdische Gemeinde viel zu konservativ ist. Zu sehr an die Religion gebunden. Aber ich kenne doch einige Personen im Nahbereich der Gemeinde. Es ist mir wichtig, von Zeit zu Zeit mit jüdischen Menschen zu sprechen. Ich fühle mich einem säkularen, unreligiösen, kulturellen Judentum verpflichtet, das ich wahrscheinlich eher in den USA oder auch in London finden würde als in Deutschland. Die deutschen Jüdischen Gemeinden haben sich noch nicht erholt vom Schock des Holocaust. Ich habe mal einen Film über Juden in New York gesehen, der die ganze Bandbreite der verschiedenen Möglichkeiten gezeigt hat, wie man in New York das Judentum leben kann. Da bin ich während des Films in Tränen ausgebrochen, weil mir plötzlich klar wurde, das wäre der Ort gewesen, wo ich mein Jüdischsein und auch meinen Feminismus und mein linkes Engagement hätte leben können. Hier in Deutschland ist das schwierig. Da gibt es dann auch noch das Problem mit Israel. Wenn man israelkritisch eingestellt ist, wird die Bandbreite der Personen, mit denen man noch zurechtkommt, immer schmaler.

Sie bezeichnen es als eine Konsequenz Ihrer Geschichte, "nicht lieben gelernt" zu haben. Von Ihrer Mutter hatten Sie offenbar keine Zärtlichkeit zu erwarten und sehen darin ein spezifisches Schicksal der zweiten Generation. Könnte man aber nicht auch das Gegenteil vermuten, einen besonders zärtlichen Zusammenhalt?

Ich glaube, es gibt beides. Ich kenne mehrere meiner Generation, die eine ähnlich kalte Familiengeschichte haben. Aber ich kenne auch ältere Juden, die ungeheuer warm wirken und die wahnsinnig an ihrer Familie hängen. Was aber beide Typen verbindet, ist das Anklammern der Eltern an die Kinder. Ich bin, bis ich sechsundzwanzig war, in der Familie geblieben. Die Trennung war ein schwieriger Prozess. Meine Mutter hat mich nie losgelassen. Und auch das Schuldgefühl hat mich nie losgelassen. Ich war keine gute Tochter. Das hat sie mir auch immer wieder gesagt. Es war mir aber nicht möglich, eine gute Tochter zu sein, weil ich, zumindest in meiner Wahrnehmung, so wenig von ihr geliebt wurde. Ob ich tatsächlich nicht "lieben gelernt" habe, das weiß ich nicht. Was ich gelernt habe, ist, die Welt zu lieben. Das ist aber eher der politischen Einstellung meiner Familie geschuldet. Ich bin immer politisch und gesellschaftlich engagiert gewesen. Da empfinde ich mich oft als wesentlich wärmer und liebender als andere Menschen, die nur sich selber sehen. Aber das ist wahrscheinlich eine andere Art von Liebe.

Sie schreiben: "Als Kind waren die Fotos der Leichen aus den Konzentrationslagern die einzigen nackten Menschen, die wir zu Gesicht bekamen. Ich konnte mich der erotischen Anziehung, die sie damals auf mich ausübten, nicht erwehren." Ist das das Trauma, von dem an das Erotische gewissermaßen falsch geworden ist?

Ich weiß es nicht. In meiner Jugend war das Erotische auf jeden Fall angstbesetzt, und die meisten Beziehungen, die ich hatte, sind auch nicht gelungen. Ich hatte Angst vor Männern. Das habe ich auf das Patriarchat zurückgeführt. Doch je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr glaube ich, dass das nicht stimmt. Woher diese Angst kam, kann ich nicht sagen. Ich glaube, dass Angst generell sowohl das Leben meines Bruders als auch mein eigenes bestimmt hat. Aber nur ich war in der Lage, die Angst zu überwinden, indem ich offensiv durch meine Arbeit und mein politisches Engagement nach außen gegangen bin. Er hat mit der Angst sein Leben lang gelebt und war dadurch überhaupt nicht lebensfähig. Diese Angst haben wir von den Eltern mitbekommen. Man weiß ja, dass Ängste sich über Generationen fortpflanzen. Auch die dritte Generation lebt noch mit der Angst, die durch den Holocaust ausgelöst wurde.

Was bedeutet der Titel "Himmelstraße"?

So hieß in Treblinka die mit Stacheldraht abgegrenzte Gasse von der Rampe ins Gas. Mein ursprünglicher Titel war "Hoffnungslose Umarmung". Das ist ein Zitat meines Bruders. Er fühlte sich von dem zu Großen hoffnungslos umarmt. Das hat der Verlag aber als zu negativ empfunden. Wobei "Himmelstraße" jetzt noch viel negativer ist, nur dass man das nicht weiß. Das gefällt mir dann doch ganz gut, weil man eigentlich eine positive Assoziation hat, aber dann kommt schon im ersten Drittel die wirkliche Bedeutung der Himmelstraße zum Vorschein.

Nach dem Tod des Bruders wird Ihnen bewusst, die letzte Überlebende Ihrer Familie zu sein. Haben Sie das Buch auch deshalb geschrieben?

Vielleicht. Es war mir wichtig, über meinen Bruder zu schreiben, wobei er wahrscheinlich wütend wäre, wenn er es lesen könnte. Er hat sich immer gegen jede Interpretation von außen gewehrt, sich aber selbst nie erklärt. Dass ich die Letzte sein werde, habe ich mir schon lange gedacht. Die Lebensumstände dieser Familie haben auch ein großes Gefühl von Einsamkeit erzeugt. Insofern komme ich mit dieser Kälte, die Letzte zu sein, ganz gut zurecht. Die Einsamkeit hat nichts mit den realen Bedingungen zu tun. Ich bin hier umgeben von Freunden. Es ist mir zu viel. Ich könnte jeden Abend jemand anders treffen, und trotzdem geht das Gefühl von Einsamkeit nicht weg. Damit habe ich mich abgefunden. Das Buch nimmt mir vielleicht etwas von dieser Einsamkeit, indem ich mich zu einer öffentlichen Person mache. Es wird mir immer wieder gesagt, ich sei so mutig und schreibe so viel über mich. Aber das empfinde ich gar nicht so. Es ist ein Versuch, dieser Einsamkeit zu entgehen.

Könnte man denn über die eigene Familie auch schreiben, ohne sich selbst so preiszugeben, wie Sie das tun?

Irene Dische hat das gemacht. Es geht schon auch anders. Aber ich finde, wenn man schreibt, soll man ehrlich sein. Das hat auch etwas mit meinem Feminismus zu tun, dieser berühmte Satz: Das Private ist politisch. Alles, was Menschen erleben in ihrem Privatbereich, hat auch mit den gesellschaftlichen Umständen zu tun.

Sie sprachen von der Umklammerung der Familie, dann von der Einsamkeit. Aber die ist dann doch wohl eher ein Gewinn?

In der Umklammerung zu bleiben hätte nicht von der Einsamkeit befreit. Einen einsameren Menschen als meinen Bruder kann man sich gar nicht denken. Er hatte nur einen einzigen Menschen: meine Mutter. Und er hat das Gespräch mit anderen Menschen eher gescheut. Zumindest mit mir hat er sich nur sehr wenig auseinandergesetzt. Ich ziehe meine Einsamkeit auf jeden Fall der Einsamkeit meines Bruders vor. Ich habe überlebt und konnte dieses Buch schreiben. Jemand, der es gelesen hat, sagte mir: Das Buch ist unendlich traurig. Das einzig Positive daran ist, dass es geschrieben wurde.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de