Neuer Präsident des Goethe Instituts: Der polyzentrische Kulturmanager

Ein Netzwerker, der kulturell mit leichtem Gepäck unterwegs sein kann: Klaus-Dieter Lehmann ist der neue Präsident des Goethe-Instituts.

Will Deutschland mit der Welt vernetzen: Klaus-Dieter Lehmann Bild: dpa

Kürzlich ließ sich in Weimar mal wieder ein leider allzu verbeiteter Typus des Kulturpolitikers bei der Arbeit beobachten. Mitte vergangener Woche wurden die Goethe-Medaillen verliehen, ein offizieller Orden der Bundesrepublik Deutschland, den das Goethe-Institut vergibt. Begrüßungsworte, Musikprogramm, Mittagessen. Und zwischendurch fällt dieser Typus immer wieder mit wolkigen Umschreibungen der Bedeutung von Kultur, Kunst und Bildung auf.

Klaus-Dieter Lehmann hat sich bei diesem Anlass zurückgehalten. Noch schwang seine Vorgängerin Jutta Limbach das Zepter, erst von heute an fungiert Lehmann als Präsident bei Goethe. Aber dass er einen anderen Typus des Kulturpolitikers und Kulturmaganers verkörpert, ließ sich auch in Weimar erkennen.

Zwar beherrscht auch er die Kunst der unverbindlichen Ansprache aus dem Stehgreif. Und auch von dem gelegentlich furchterregend präsent wirkenden 68-Jährigen sind floskelhafte Überhöhungen seiner kulturpolitischen Arbeit überliefert; in einem von seinem Vorvorgänger Hilmar Hoffmann herausgegebenen Sammelband schrieb Lehmann etwa von der "Stärke Deutschlands als Kulturnation". Aber man würde bei ihm nie auf die Idee kommen, dass er bei alledem nicht konkrete Konzepte und Projekte im Kopf hätte.

Im Gegensatz zu vielen Vertretern seiner kulturpolitisch agierenden Zunft hat Klaus-Dieter Lehmann den Ruf eines Pragmatikers und eines Gestalters (also nicht eines Bewahrers!). Diesen Ruf hat er sich im Laufe eines Arbeitslebens erworben, das sich im nachhinein vor allem durch drei konkrete Vorhaben charakterisieren lässt. Als Generaldirektor der Deutschen Bibliothek im Frankfurt a.M. sorgte er für die Anpassung ans digitale Zeitalter. Sprich: Er hat den strukturkonservativen Bibliothekaren den Computer nahe gebracht. Nach der Wiedervereinigung machte er sich daran, diese Bibliothek mit ihrem Ost-Pendant in Leipzig zu verschmelzen.

Bis Ende Februar dieses Jahres war Lehmann dann Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wieder so ein großer Tanker (2.000 Mitarbeiter), für den Rahmen, Sinn und Aufgaben gestaltet werden mussten. Mit Lehmanns Ägide ist vor allem die Restaurierung der Berliner Museumsinsel verbunden. Dass dieses international bedeutsame Ensemble nun die alte Mitte des neuen Berlin besetzt, ist etwas, worauf Lehmann erkennbar stolz ist. Damit ist, wie im Hintergrundgespräch in Weimar deutlich wird, kein Kulturkonservatismus verbunden. Vielmehr hat damit für ihn die kulturelle Tradition Deutschlands einen angemessenen Platz in einem als vielfältig gedachten gegenwärtigen kulturellen Angebot erhalten. Dabei legt Lehmann im Gespräch wert auf die Feststellung, dass aus dieser kulturellen Erbschaft Totalitarismus und Nationalsozialismus nicht herauszustreichen sind. Er ist kein Mann des Schlussstrichs.

Dass er nun auch für seine Präsidentschaft beim Goethe-Institut ein konkretes Projekt habe, auf die alles zuläuft, bestreitet Lehmann im Gespräch: "Das ist schon so ein Elder-Statesment-Job." Am Strukturwandel der vergangenen Jahre, den auch das Goethe-Institut durchmachen musste, war er allerdings bereits hinter den Kulissen stark beteiligt. Zentrale verkleinern, dezentrale Organisation stärken, Reflexionsprozesse anschieben, Rahmenbedingungen schaffen, Planungssicherheit herstellen - das ist seine Welt. Auf einen inhaltlich gefüllten Kulturbegriff lässt er sich dafür nicht festlegen. Bei der Schlossrekonstruiererei in Berlin hat er das Humboldt-Forum ins Gespräch gebracht: eine Sammlung außereuropäischer Kulturen, die gar nicht erst den Verdacht aufkommen lässt, hier solle eine revanchistische Nationalkultur wieder hergestellt werden. Wenn es darum geht, interessante deutsche Traditionen zu benennen, fällt ihm aber auch viel Preußisches, Wilhelm von Humboldt etwa, ein. Und da er um die gegenwärtige Bedeutung von moderner Kunst und Popkultur weiß, will er sich auch da keine Blöße geben.

Es gibt gewisse Ähnlichkeiten des Typus Lehmann mit Angela Merkel. Wie die Kanzlerin ist er studierter Naturwissenschaftler und kann Strukturwandelsprozesse wie in einem Experiment kühl darauf hin beobachten, welche funktionieren und welche nicht. Und wie die Kanzlerin mit politisch leichtem Gepäck unterwegs sein kann, so kann Lehmann, falls erforderlich, mit kulturell leichtem Gepäck unterwegs sein: bloß nicht auf Vorhaben festlegen lassen, die nicht umsetzbar sind!

Wenn auch kein konkretes Projekt, so scheint er doch eine konkrete Idee vom Goethe-Institut aber parat zu haben: ein großes, offenes Netzwerk von Debatten generierenden und aufgreifenden Einrichtungen. Als erster großer Block unter seine Ägide debattiert das Goethe-Institut auf einem Kongress Ende April in Berlin über den Begriff der Nationalkultur. Lehmann hängt im Gespräch auch diesen Begriff tief. Es sei halt wichtig, darüber nachzudenken, was das denn für eine Kultur sei, die das Institut als deutsche weltweit vertreten soll.

Die Wendung von der "Stärke Deutschlands" in dem Sammelband-Aufsatz hatte übrigens einen direkten Hintergrund. Lehmann benutzte sie als Bekenntnis zum deutschen Kulturföderalismus - die Stärke der Kultur in Deutschland ist für ihn mit einem "polyzentrischen Kulturkonzept" verbunden. Es besteht Anlass zu vermuten, dass Lehmann so ein Kulturkonzept nun unter internationalen Bedingungen voranbringen möchte.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de