Regisseur Junge über "Die Kinder von Golzow": Gewinner- und Verlierergeschichten

Seit 1961 begleiten die Regisseure Winfried und Barbara Junge die "Die Kinder von Golzow". Der Plan: das DDR-Leben zeigen. 19 Jahre nach der Wende kommt der letzte Teil ins Kino.

Die "Kinder von Golzow" als Erstklässler. Bild: progress verleih

taz: Die Golzow-Saga geht zu Ende. Eigentlich hätten auch die Rolling Stones in der längsten Filmdokumentation der Welt auftauchen müssen?

Winfried Junge: Ja, der Golzower Bernd ist ein großer Stones-Fan und hat nach der Wende einige Konzerte besucht. Diese Musik ist offenbar ein wichtiges Element seiner Biografie, sie bedeutet ihm sehr viel. Wir hätten ihn gern bei den Konzerten gefilmt, aber das war schlicht nicht zu bezahlen. Die Stones denken doch, man will nur ihre Musik nassauern. Überhaupt ist es eine Dokumentation der weitgehend verpassten Gelegenheiten.

Inwiefern?

Winfried Junge: Was hätten wir nicht alles drehen wollen! Von manchen Dingen haben wir nicht oder zu spät erfahren oder wir hatten gerade nicht die Technik oder das Geld. Deshalb lebten wir immer von dem, was gerade so möglich war. Bei der Defa musste man sich nach der Technik anstellen und dann bekam man einen Drehtag. Wenn an dem in Golzow gerade nichts los war, hatten wir eben Pech. Darum gibt es auch so viele Interviews, in denen wir uns erzählen ließen, was noch so passiert ist. Für einen Dokumentaristen ist es schon frustrierend, wenn er so selten die Gelegenheit hat, die Dinge unmittelbar mitzuerleben.

Wie hatten Sie die Defa überhaupt von dem aufwendigen Projekt überzeugen können?

Winfried Junge: Unser Ansatz war, ganz bewusst zu dokumentieren, wie Menschen, die in den Staat DDR hineingeboren wurden, aufwuchsen und ihn mitprägten. So stellte man es sich ja auch offiziell vor, dass im Jahr 2000 der Sozialismus in der DDR aufgebaut sei und wir ins kommunistische Zeitalter übergehen würden. Das Problem war nur, dass im Verlauf unserer Arbeit eine immer größere Diskrepanz auftrat zwischen dem offiziellen Anspruch an den Film und dem, was er zeigte. Man merkte, dass die Ergebnisse der sozialistischen Erziehung ab einem gewissen Punkt nicht mehr dem angestrebten Ideal entsprachen.

Bedeutete das für das Projekt eine größere Gefahr als die materiellen Probleme?

Barbara Junge: Im Jugendweihejahr 1969, als unsere Golzower in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurden, stellten einige Leute fest: So richtige Sozialisten sind es ja nicht. Das Volksbildungsministerium schlug deshalb vor, man könne doch einige gute Lehrer zum Unterricht nach Golzow beordern. Dagegen wehrte sich der Schuldirektor genauso wie wir. Beim vierten Film "Wenn man vierzehn ist" haben wir also einiges schöngeredet.

Wie meinen Sie das?

Barbara Junge: Na ja, der Kommentar kommt eher mit dem Holzhammer, aber die Bilder sind nicht totzukriegen.

Winfried Junge: Wir wollten einfach, dass die Geschichte nach diesem Film nicht beendet würde. Also versuchten wir über den Kommentar Hoffnung zu vermitteln, dass das mit den jungen Sozialisten schon noch werden könne. Das war etwas aufgesetzt. Aber Kommentar ist grundsätzlich, genau wie Musik, ein sekundäres Element im Dokumentarfilm - ohne Beweiskraft. Trotzdem ist er problematisch, weil man damit alles in eine bestimmte Richtung interpretieren kann.

Aus Ihrer eigenen Haltung wollten Sie nie ein Hehl machen?

Winfried Junge: Man muss es schon dem Zuschauer überlassen, sich aufgrund der angebotenen Szene selber ein Urteil zu bilden. Bei unserem Projekt war aber immer auch eine Autorenhaltung gefragt. Heute würde sonst selbst nach zwei Stunden Film keiner mehr verstehen, wie 40 Jahre Leben der Protagonisten über die Bühne gegangen sind. Ich mische mich zugleich als ehemaliger DDR-Bürger ein, um klar zu machen: Wir sind ebenfalls von diesem Land geprägt, auch in der Sicht auf die Dinge.

Im Verlaufe der Zeit hatten sich nicht nur die Porträtierten geändert, sondern auch die Ansichten der Funktionäre über das Projekt. Stand es irgendwann komplett auf der Kippe?

Winfried Junge: Nach dem Film "Lebensläufe", der 1980/81 herauskam, gab es den ersten richtig großen Todpunkt. Der Filmminister war der Meinung, dass die jungen Golzower mit 24 Jahren ja nun unter uns angekommen seien. Ich wollte aber auch ihre nächsten Konflikte als 30-Jährige beobachten. Darauf bekam ich die Antwort, dann solle ich das beim Fernsehen versuchen. Als wir beim DDR-Fernsehen anfragten, hieß es: Unter euren Golzowern sind ja ein paar Fortschrittliche und die können wir auch zeigen, aber nur die.

Mussten Sie auf der Suche nach Lobbyisten Kompromisse machen, um das Projekt fortzuführen?

Winfried Junge: Manche Leute haben sich mit den Filmen nicht sehr wohl gefühlt, obwohl die DDR mit ihnen im Ausland durchaus glänzen konnte. Sie liefen ja auf internationalen Festivals und genossen einen guten Ruf. Das Projekt am Leben zu erhalten, wurde jedenfalls immer schwieriger - bis wir 1986 so weit waren und uns wirklich nach ganz oben wandten. Als wir Egon Krenz einen Film zum 50. Jahrestag der DDR 1999 versprachen, bekamen wir jährlich unsere Mittel zum Weiterdrehen. Mit dem letzten Geld haben wir den Untergang der DDR filmen können.

Damit haben Sie sich nicht nur zeitlich weit vom Ausgangspunkt ihrer Dokumentation entfernt, sondern auch von Ihrer ursprünglichen Intention. War die Wende aus Filmemachersicht trotzdem ein Glücksfall für die Dokumentation?

Barbara Junge: Jein. Wir haben auch vor der Wende ohne Zensur gedreht und konnten die Golzower alles fragen. Es interessierte niemanden, was wir in den Büchsen hatten. Das Jahr 1999, auf das wir zuproduzierten, war ja noch weit hin. Wir drehten in der Hoffnung auf eine reformierte DDR, in der man sich zu Fehlern bekennt und sie nicht bloß zeigt, wenn sie schon überwunden sind. Die Wende bedeutete für die Golzower wie für alle DDR-Bürger einen enormen Umsturz im Leben. Mit dem sind nicht alle fertig geworden. Wir haben Gewinner- und Verlierergeschichten.

Abgesehen von der möglichen Tragik für den Einzelnen. Machen nicht solche Geschichten, die die gesellschaftliche Transformation anhand persönlicher Umbrüche dokumentieren, die Dokumentation letztlich so einmalig?

Winfried Junge: Das sagen alle, was es für ein Glücksfall ist, dass die DDR nicht mehr existiert und man nun miterlebt, wie das Leben wirklich läuft und welche Konflikte sich einstellen. Schließlich sei das Vorherige doch ein bisschen durch die Interpretation bei Veröffentlichung übertüncht worden. Aber es ist schon eine Geschichte, die uns nicht so ganz passt. Es wäre uns schon lieber gewesen, es hätte mit einer besseren DDR geklappt, in der wir das Projekt weitergeführt hätten. Sicher ist nach der Wende manches besser geworden, andererseits gab es nun eine starke Zensur durch die Finanzen, wodurch wir weniger drehen konnten als zuvor.

Die "Kinder von Golzow" ist eine ostdeutsche Heimatsaga, an der im Ausland ungebrochenes Interesse besteht. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Barbara Junge: Spielfilme wie "Good bye, Lenin" oder "Das Leben der Anderen", die die DDR-Geschichte auf eine bestimmte Art und Weise zeigten, sind in zahlreichen Ländern gelaufen. Jetzt interessiert viele Leute dort: Wie ist das Leben der Anderen, die wir darstellen, eigentlich verlaufen? Wie haben Millionen Menschen ihren normalen Alltag in diesem Land gelebt? Wir zeigen weder das Leben von Widerstandskämpfern, zu denen in der Nachwendezeit manche DDR-Bürger mutierten, noch das von Stasileuten. Wir zeigen Menschen, die sich eingerichtet hatten in den Grenzen, die die DDR ihnen gezogen hat, und die trotzdem in ihrem Rahmen zufrieden waren.

"Die Kinder von Golzow" sollen helfen, das schiefe DDR-Bild geradezurücken?

Barbara Junge: Vielleicht ist es so, dass wir auch versuchen, der DDR - mit all ihren Mängeln und Tücken - Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es gab eine ganze Menge Probleme von der fehlenden Freiheit bis zur Mangelwirtschaft. Aber wenn wir heute hören, was die Leute am meisten vermissen, ist es dieses menschliche Miteinander. Diese Gesellschaft hier ist kälter geworden.

Winfried Junge: Unsere Chronik gehört leider nicht zu den Filmen, die von der Bundeszentrale für politische Bildung im Hinblick auf die Diskussion der DDR-Geschichte empfohlen werden. Aber angesichts von 90 Ausstrahlungen unter anderem in der ARD, in Österreich, der Schweiz oder Frankreich, habe ich doch das Gefühl, dass unser Blick auf die DDR wahrgenommen wird. Was wollen wir mehr.

INTERVIEW: GUNNAR LEUE

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