Zweifelhafte Geschichtskampagne: Kulturkampf in Schweden

Der Neonazismus ist in Schweden ein Alltagsphänomen. Doch die konservative Regierung möchte lieber über vergangene kommunistische Regime aufklären.

Die Schulen und mangelnde historische Kenntnisse wurden für die Anfälligkeit der Schüler für neonazistisches Gedankengut gemacht. Bild: dpa

"Die Regierung macht den Geschichtsunterricht an den Schulen zum ideologischen Schlachtfeld." Diesen Vorwurf muss sich jetzt die konservativ-liberale schwedische Regierung in einem von 253 akademischen ForscherInnen unterzeichneten offenen Brief gefallen lassen. Die Regierung in Stockholm hat den Gymnasien nämlich eine Aufklärungskampagne zum Thema "Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch kommunistische Regime" verordnet. Federführend ist eine staatliche Behörde, die auch gleich das umfassende Informationspaket für die SchülerInnen mitliefert.

"In einer Diktatur steht die Geschichtsschreibung immer im Dienste des Staates", zitieren die VerfasserInnen des öffentlichen Protests aus diesem Material und stellen die Frage, welchen Schluss denn SchülerInnen aus der Tatsache ziehen sollen, dass der schwedische Staat ihnen diese spezielle Unterrichtseinheit aufbrummt?

Für die übereifrige Behörde, welche sich mit Geschichtskampagnen befasst, ist allerdings nicht die jetzige Regierung verantwortlich. Unter dem Sozialdemokraten Göran Persson hatte das Parlament 2001 die Gründung des "Forums für lebende Geschichte" ("Forum för levande historia") beschlossen. Ziel war damals eine Aufklärungskampagne über die historischen Verbrechen des Nazismus. Hintergrund war das Erstarken neonazistischer Organisationen sowie eine Serie aufsehenerregender Verbrechen mit rechtsradikalem Hintergrund, die Ermordung von Polizeibeamten und eines Journalisten.

Eklatante Mängel bei den historischen Kenntnissen von Jugendlichen und ein Versagen der Schulen wurden als ein Grund für deren vermeintliche Anfälligkeit für neonazistisches Gedankengut vermutet. Kaum jemand rümpfte deshalb die Nase, als gleich eine Behörde zur Behebung dieses Missstandes gegründet wurde. Das "Forum" überlebte seinen ursprünglichen Auftrag und erschien einer neuen Regierung nun als geeignetes Instrument, zumindest Teilen der rot-rot-grünen Opposition indirekt ihre rückblickend gesehen allzu unkritische historische Nähe zu kommunistischen Regimen unter die Nase zu reiben.

"Sollen die Schülerjahrgänge in Zukunft jeweils einen Geschichtsunterricht bekommen, der von der gerade amtierenden Regierung geprägt ist", fragen nun die 253 KritikerInnen. Und spekulieren schon mal, ob vielleicht eine künftige rot-rot-grüne Regierung die Verbrechen des Kolonialismus oder die historische Verantwortung des Kapitalismus für Hungerkatastrophen zum staatlich verordneten Zusatzpensum machen werde.

Anbieten würde sich vielleicht auch ein Crashkurs für Universitäten: Seit Jahrzehnten lassen sie sich jährlich hunderte StudentInnen und ForscherInnen von der Sasakawa-Foundation finanzieren. Ryoichi Sasakawa ist der Gründer der japanischen Faschistenpartei und Kriegsverbrecher, wie eine Rundfunkdokumentation nun hervorhob. Sasakawa brüstete sich damit, der "reichste Faschist der Welt" zu sein. Offenbar blieb er seinen "Idealen" bis zu seinem Tod treu. Die Stiftung des verstorbenen japanischen Faschisten vergibt auch Stipendien an Studierende in Deutschland und gibt Gelder an UN-Organisationen. REINHARD WOLFF

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de