Musiker im US-Vorwahlkampf: Tanz den Barack!

Die Obamanie hat nicht zuletzt mit der Repolitisierung des US-HipHop zu tun. Rapper wie Common und Talib Kweli singen für ihn. Bloß 50Cent plädiert für Hillary.

Sind sie die Präsidentenmacher? Will.I.Am und Schauspielerin Johansson. Bild: screenshot youtube

Als Neil Young im Februar auf der Berlinale zu Gast war, sorgte er mit einer ernüchternden Aussage über die politische Strahlkraft von Musik für Aufsehen: "Die Zeit, als Musik die Welt verändern konnte, ist vorbei", hatte der Folkrocker bei der Vorstellung der durchaus politischen Dokumentation seiner "Freedom of Speech"-Tour gesagt.

Die politische Gegenwart in den USA könnte Young indes bald eines Besseren belehren, denn die Mittel der musikalischen Verhandlung politischer Themen haben sich seit Youngs Blütezeit verändert. Der demokratische Senator Barack Obama wird als Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten von einigen Granden der US-Hiphop-Szene unterstützt, die den Wahlkampf mit einer Dynamik begleiten, wie es sie nie zuvor gegeben hat.

Musiker zählen im US-Präsidentschaftswahlkampf neben Schauspielern zu den wichtigsten prominenten Helfern. Der Coolness-Faktor des republikanischen Bewerbers John McCain ist dabei gering. Der fast 80-jährige Pianist Burt Bacharach und der mäßig bekannte John Ondrasik unterstützen ihn, Tom Petty und John Mellencamp untersagten seinen Helfern, ihre Songs auf Wahlkampfveranstaltungen einzuspielen. Hillary Clinton vertraut auf eher gesetztere Künstler wie Tony Bennett, Barbara Streisand und Jon Bon Jovi, aber auch Gangsta Rapper 50 Cent und Produzent Timbaland wollen sie wählen. Die Liste von Obama ist vielfältiger: Neben zahlreichen Rappern haben sich Herbie Hancock, Dave Matthews, Michael Stipe von R.E.M., Bruce Springsteen und Stevie Wonder - ein persönlicher Freund der Clintons - für ihn ausgesprochen. Die Grateful Dead traten erstmals seit vier Jahren auf, um Obama zu fördern. Die Rockband Pearl Jam, früher für den grünen Ralph Nader aktiv, hat die eher peinliche Bill-Haley-Adaption "Rock around Barack" beigesteuert. Ganz auf die Spitze trieben es Obamas Strategen nach dessen Vorwahlsieg in Iowa, als sie Rapper Jay-Z einspielten - mit der Refrainzeile: "I got 99 problems, but the bitch aint one." Grüße an Hillary?

Der prominente und musikalische Beistand der Kandidaten hat in den USA eine lange Tradition, und es mag auch nicht überraschen, dass junge schwarze Künstler einen ebenfalls jungen schwarzen Kandidaten protegieren, der dazu noch unverbraucht und offen erscheint. Die Unterstützung Obamas unterscheidet sich dennoch von der klassischen, von Wahlkampfstrategen kühl inszenierten Erschließung der jungen Wählerklientel: Die Euphorie entspringt der persönlichen Überzeugung seiner Anhänger.

Seit Obama seinen Hut als Bewerber für die Kandidatur in den Ring geworfen hat, ist die musikalische Bewegung mit Hilfe des Internets zu einem weltweit beachteten Massenphänomen angewachsen und folgt damit einem Trend: 77 Prozent der jungen Wähler ziehen bei Debatten der Kandidaten Fragen aus der Bevölkerung denen von Journalisten vor, wie es über die Internetplattform YouTube im Juli vergangenen Jahres umgesetzt wurde.

Folgerichtig platzierte Will.i.am, Frontmann der Rapgruppe Black Eyed Peas, das schlicht inszenierte Video zum Titel "Yes We Can" auf mehreren Plattformen im Internet. Der Song, der unter Teilnahme mehrerer Musiker und Schauspieler - darunter Common, Herbie Hancock, John Legend und Scarlett Johansson - Ausschnitte aus einer Rede des 46-Jährigen musikalisch umsetzt, wurde seit Februar allein auf YouTube mehrere Millionen Mal angeklickt.

Besonders der Chicagoer Rapper Common kann angesichts dieser Entwicklung getrost als Visionär bezeichnet werden. Schon 2004, zu einem Zeitpunkt, an dem Obama noch weitgehend unbekannt war, rappte er auf einem Stück über die politischen Verhältnisse unter Bush: "Why dont we impeach him and elect Obama?" Der kandidierte damals für den US-Senat und hatte anlässlich der offiziellen Nominierung John Kerrys zum Kandidaten der Demokraten gerade mit einer emotionalen Grundsatzrede für Furore gesorgt. Aber dieser junge, politisch unerfahrene Mann als Präsident der Weltmacht USA? Diese Vorstellung bedurfte der Fantasie.

Dass nun ausgerechnet Rapper die popkulturelle Vorreiterrolle im Wahlkampf einnehmen, Vertreter einer musikalischen Gattung, die wegen der überstrapazierten Verbildlichung von Sex und Gewalt oft undifferenziert bewertet wird, ist nicht ohne Brisanz. Nicht nur in den USA äußern sich Politiker traditionell gerne kritisch über die Inhalte der Rapmusik, deren Protagonisten oft für die Verrohung der Jugendlichen herhalten müssen. Nach dem Amoklauf zweier Schüler an der Columbine High School in Littleton 1999 wurde etwa Eminems gewalttätigen Texten Einfluss auf die Mörder unterstellt.

Gleichwohl ist es schlüssig, dass sich Rapper als Sprachrohr des politischen Wandels etabliert haben: Schon die Entstehung des Hiphops war ein politischer Vorgang. Städtische Erneuerungsprogramme in den US-Metropolen - allen voran New York - hatten in den 60er und 70er Jahren zu Umsiedlungen geführt, die mit ansteigender Arbeitslosigkeit unter Niedriglohnbeschäftigten einherging und eine Ghettoisierung der unteren Einkommensklassen auslöste. Als Ausweg aus dem sozialen Sog kreierten Jugendliche durch Hiphop neue kulturelle Ausdrucksformen als Alternative zur Kriminalität.

Seitdem hat sich der Musikstil Rap zu einem globalen Milliardengeschäft entwickelt, die Akteure sind zu Vorbildern und Meinungsmachern der Jugend aufgestiegen. Der Journalist und Autor Bakari Kitwana vergleicht in seinem Buch "The Hip Hop Generation" die Morde an den Rappern 2Pac und Notorious B.I.G. 1996 und 1997 in der Wahrnehmung afroamerikanischer Jugendlicher mit denen an John F. Kennedy und Martin Luther King für die Vorgängergeneration. Wer also wäre als Sprachrohr zur Mobilisierung junger Wähler glaubhafter?

Längst sind andere Rapper Common gefolgt. Talib Kweli, der in Brooklyn vor Jahren einen benachbarten Buchladen vor dem Konkurs gerettet und sich seit jeher gegen das Image des politischen Rappers gewehrt hat, erklärt in einem Forum seine Unterstützung für Obama. Dessen frühere Tätigkeit als Anwalt für Bürgerrechte verleihe ihm einen einzigartigen Blickwinkel: "Ich höre immer von seiner mangelnden Erfahrung, aber seine Erfahrung ist es, mit der ich mich am meisten identifiziere."

Common, Kweli, The Roots, Q-Tip - sie alle sind Künstler, die in ihren Texten ohnehin politische und soziale Inhalte verhandeln. Kommerzielle Schwergewichte wie Eminem, der vor vier Jahren noch das Bush-kritische "Mosh" ("Strap him with an AK-47, let him go fight his own war, let him impress daddy that way") geschrieben hatte, halten sich bislang raus. Im Gegenteil schloss etwa Snoop Dogg seine Wahlbeteiligung kategorisch aus, während Gangsta Rapper 50 Cent öffentlich gar Hillary Clinton favorisiert.

Obama wird das sicherlich ganz recht sein. Trotz seiner Nähe zum Hiphop hat er sich mehrfach kritisch zu sexistischen und gewaltverherrlichenden Inhalten geäußert. Seiner Meinung über die positive Wirkung dieser Kultur tut das keinen Abbruch: Er streicht ihre integrativen Facetten heraus und zierte als erster Politiker das Cover des Hiphop-Magazins Vibe.

Jeff Chang, Autor des Buches "Cant Stop Wont Stop: A History of the Hip-Hop Generation", sagt, die junge Generation sei nicht unpolitisch, ihr hätte bislang nur ein Kandidat gefehlt, an den sie glauben konnte: "Obama bietet sich selbst an, so wie er ist. Und genau dafür steht Hiphop!"

Rund 60 Prozent der Wähler unter 30 Jahren haben bei den demokratischen Vorwahlen für Obama gestimmt. Ein Faustpfand, das es zu erhalten gilt - einer Studie der Universität Maryland zufolge werden die 18- bis 29-Jährigen bei den Wahlen im November rund 25 Prozent der Wählerschaft ausmachen.

Barack Obamas Wahlkampfleiter nehmen die Woge deshalb dankbar auf. Für den Fall seiner Nominierung hat der Kandidat bereits angekündigt, auch Rapper aktiv in seinen Wahlkampf einzubinden. Nach inhaltlich mageren Jahren, in denen sich diamantenbesetzter und oberflächlicher Hochglanz-Rap etabliert hat, ist mit Obamas Kandidatur ein neuer politischer Geist aufgeflammt, der an die Kraft der kulturellen Ursprünge erinnert.

Sollte Obama dennoch scheitern, egal ob an Clinton oder McCain, hätte er immerhin den Wahlkampf mit dem meisten Groove hingelegt. Zieht er jedoch als demokratischer Kandidat in den US-Wahlkampf und gewinnt schließlich im November die Präsidentschaft, hätte sich die lyrische Elite der amerikanischen Rap-Szene als politischer Meinungsmacher etabliert. Dann hätte Musik in gewisser Weise doch die Welt verändert. Neil Young würde sich freuen, wenn es so käme.

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