Autor und Soziologe Alexander Mitscherlich: "Nicht direkt gelogen"

Vorsicht vor moralischen Urteilen: ein Gespräch mit dem Historiker Martin Dehli über Alexander Mitscherlich.

taz: Herr Dehli, warum ist Alexander Mitscherlich 2008 noch interessant?

Martin Dehli: Mitscherlich war einer der Intellektuellen, die das Bild der Bundesrepublik von sich selbst stark geprägt hat. Er ist 1982 nach seinem Tod in Vergessenheit geraten - aber er war einer der intellektuellen Gründerväter der Republik. Und auch die 68er haben in ihn als eine Art Gründervater ihrer Bewegung angesehen.

Mitscherlich war vor 1945 mit Ernst Jünger und dem Nationalbolschewisten Ernst Niekisch befreundet, politisch im Dunstkreis der Konservativen Revolution. Hat Mitscherlich das verschwiegen? Oder wollte es in der Bundesrepublik niemand wissen?

Beides ein bisschen. Niemand hat wirklich gefragt. Die Republik brauchte einen wie Mitscherlich, der unerbittlich die NS-Zeit thematisierte. Mitscherlich selbst hat seine Kontakte zu Jünger und Niekisch nicht verschwiegen, aber eine Version entworfen, in der diese Zeit als vorübergehend und eher unwichtig erschien.

Hat er in seiner Biographie "Ein Leben für die Psychoanalyse" gelogen?

Nicht direkt gelogen. Aber er hat behauptet, dass er 1932 seine Dissertation in Geschichte nicht beenden konnte, wegen des heraufziehenden Nazismus. Das stimmte so nicht. Außerdem hat er berichtett, dass er 1937 acht Monate wegen seiner Kontakte zu Niekisch in Haft war. Es waren aber nur drei.

Er hat sich also in Details mehr zum Antinazi stilisiert als es den Fakten entsprach.

Ja, Mitscherlich hat zum Beispiel betont, dass er bei Niekischs Zeitschrift "Widerstand" mitgearbeitet hat. Vielen wussten nicht, dass dieser Widerstand zuerst der verhassten Weimarer Republik und dem Vertrag von Versailles galt - und erst später auch Hitler.

Ein Biograph hat Mitscherlich "einen Antifaschisten der ersten Stunde genannt". Das ist falsch?

Ja, bestimmt.

Aber 1944 weiht Karl Jaspers Mitscherlich in den Plan ein, wie Jaspers jüdische Frau vor den Nazis gerettet werden soll. Das ist doch ein eindeutiger Beweis für antifaschistische Vertrauenswürdigkeit.

Ja, es erscheint uns heute als Widerspruch, erst Ernst Jünger zu bewundern und dann von Jaspers ins Vertrauen gezogen zu werden. Für Mitscherlich war das kein Widerspruch, sondern eine Entwicklung. Er entfernt sich in den frühen 40er Jahren von dem antidemokratischen Denken von Jünger und Niekisch.

Warum tut Mitscherlich sich in der Bundesrepublik schwer, diese Entwicklung präzise nachzuzeichnen? Warum glättet er seine Biographie?

Aus vielen Gründen. Wir versuchen ja alle eine Konsistenz in unserem Leben und Denken zu konstruieren. Umso mehr, wenn es darin Brüche gibt. Ich finde, deswegen sollte man mit moralischen Urteilen vorsichtig sein. Das Interessante an Mitscherlich ist ja gerade, dass er sein Denken dauernd umformt, weiter schreibt, anpasst. Sein bedingungsloses Ja zur Demokratie entwickelt sich langsam, nicht auf einen Schlag.

Mitscherlichs Denken war bis 1945 von einem typisch deutschen Kulturpessimismus geprägt, der auch zur Ideologie der Rechten zählt. Wo sind die Verbindungslinien zwischen dem Mitscherlich, der in den 30ern der Konservativen Revolution nahe steht und dem Linksliberalen der 60er Jahre?

Die Technikkritik ist ein roter Faden, ein weiterer die Diagnose, dass Traditionen verloren gehen.

Klingt wertkonservativ.

Sein Denken hat etwas davon, sein Habitus nicht. Er hatte etwas Bohemehaftes, Antibürgerliches, in den 30er und in den 60ern. Das war die Grundlage für seine anfängliche Sympathie für die Studentenbewegung. Zum Wertkonservativen passt auch das spontane Engagement nicht. Sich auch ohne Rücksicht auf eigene Verluste öffentlich zu engagieren, dies ist sein Kennzeichen. Und vielleicht sein größtes Verdienst: unermüdlich Debatten anzustoßen. Das brauchte die Republik nach 1945.

Mitscherlich hat 1946 den Prozess gegen NS-Ärzte verfolgt und darüber das Buch "Medizin ohne Menschlichkeit" geschrieben. Die intensive Befassung mit den Menschenversuchen der Nazis hält Mitscherlich selbst für das Wendepunkt in seinem Denken und Leben, an dem sich seine Sichtweise zentral verschiebt. Stimmt das?

Das Buch selbst kann man kaum überschätzen. Es ist eines der wichtigsten Bücher über Medizin im 20. Jahrhundert, mit dem Mitscherlich sich mit der Ärzteschaft überwirft und bekannt wird. Für sein Denken ist das Buch eher eine Etappe. Es ist kein radikaler Bruch. Die NS-Verbrechen begreift er 1946 noch als Ergebnis einer materialistischen Medizin und ordnet sie in seine Kritik derselben ein. Die Argumente dieser Kritik stammen jedoch aus den 20er Jahren. Mitscherlich wird nicht erst durch den NS- Ärzteprozess zum Kritiker der naturwissenschaftlichen Medizin. Diese Kritik ist viel älter.

"Die Unfähigkeit zu trauern" war sein wichtigstes Buch. Die Hauptthese war: Die Deutschen haben Hitler als Ich-Ideal geliebt, doch anstatt seinen Untergang zu betrauern, haben sie verdrängt, sich in den Wideraufbau gestürzt und die Sieger, vor allem die USA, als neues Über-Ich angenommen. Ist das falsch?

Nicht falsch, aber undifferenziert. Wie sich die Deutschen Hitler gegenüber im konkreten Einzelfall wirklich verhalten haben, kommt in diesem psychologischen Blick kaum vor. Außerdem ist Mitscherlichs Standpunkt in dem Buch unklar und wechselhaft. Mal urteilt er scharf moralisch, dann wie ein Therapeuten Einzelner, dann als Therapeut der Gesellschaft.

Sie schreiben: "Wo Mitscherlichs eigene Biographie hätte zur Sprache kommen müssen, herrscht Schweigen." Ist das nicht zu scharf geurteilt? Er hat doch in der NS-Zeit ja keine Schuld auf sich geladen. Er musste doch nichts verdrängen - oder?

Ob er etwas verdrängt hat, das wage ich nicht zu beurteilen. In seiner Autobiographie geht er ja auf schonungslose Weise der Frage nach, warum er Jünger und Niekisch so nah war. Allerdings blendet er den politischen Kontext dabei aus - trotz dieser wahrhaftigen Selbstbefragung.

Sie schreiben, dass "Die Unfähigkeit zu trauern" eine Waffe war, mit der die Kinder ihre Eltern verurteilen konnten. Stimmt das? Das Buch ist doch gerade mehr als eine bloß moralische Verdammung der Eltern, weil es auch von Wünschen spricht. Da steckt doch die Perspektive drin: Man muss die Eltern erstmal verstehen.

Ist es so gelesen worden? Das bezweifele ich. Das Problematische ist, dass Verurteilungen und dieses einfühlende Verständnis so stark vermischt werden. Die Leser konnten sich aussuchen, was sie davon wollten. Der Titel hat sich außerdem verselbstständigt: Dass die Unfähigkeit zu trauern, Trauer um Hitler meinte, verblasste. Allein der Titel wurde zu einem moralischen Urteil über eine Generation.

INTERVIEW: STEFAN REINECKE

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