Jazzer Barry Guy in Schaffhausen: Prekäre freie Improvisationen

In Schaffhausen spielte der Komponist und Gründer des London Jazz Composers Orchestra (LJCO) Barry Guy vor ausverkauftem Haus.

Früher entsandte sie das British Council in weit entfernte Länder. Mit Jazz wollte das Kulturinstitut dem schlechten postkolonialen Image des Empire etwas Positives entgegensetzen, berichtet der 61-jährige Orchesterleiter, Komponist und Bassist Barry Guy. Heute bliebe schöpferischen Künstlern das System staatlicher Kultursubventionen dagegen verschlossen. Der organisatorische Aufwand größerer Formationen sei in der improvisierten Musik besonders hoch, und die Durchführbarkeit habe unter den prekären Umständen stark gelitten und bedeute für solche Projekte sogar das Aus.

Dieses Schicksal erlitt Barry Guys 1970 gegründetes London Jazz Composers Orchestra (LJCO). Zehn Jahre brauchte das Orchester nach seinem letzten Auftritt beim Berliner JazzFest 1998, bis es nun wieder einmal für ein großes Konzert zusammenkam. Zum Auftakt des 19. Schaffhauser Jazzfestivals in der Schweiz spielte das LJCO vor ausverkauftem Haus im Stadttheater. Die meisten der 700 Zuschauer hatten ihre Musik vermutlich noch nie gehört.

Bindeglied zum Publikumsinteresse waren Sponsoren, die ausgewählte Gäste zum Eröffnungskonzert eingeladen hatten. Sie ermöglichten auch, dass das als Werkschau des Schweizer Jazz anerkannte Festival Eventcharakter für die ganze Region bekam. Als weiteres Zugpferd fungiert die Musikerin Irène Schweizer, die mit dem LJCO auftretende Pianistin ist in Schaffhausen geboren. Barry Guy hatte extra ein neues Stück mit dem Titel "Radio Rondo" komponiert, es wurde in Schaffhausen uraufgeführt.

Doch offenbar ließ sich das überwiegend grafisch notierte Werk nicht ganz so umsetzen wie geplant. Schweizer blieb in der gedrängt wirkenden Komposition kaum Platz, um improvisatorische Bögen zu entwickeln. Melodien gingen im unbeabsichtigten Tumult unter.

Die Musiker konnten sich auf der Bühne untereinander kaum hören. Darunter litten besonders die zahlreichen kurzen Duo- und Triosegmente innerhalb von "Radio Rondo". Die gesamte Aufführung war von einer abrupten Dynamik bestimmt.

Ganz anders hingegen das Hauptwerk des Abends, Barry Guys Komposition "Harmos" von 1987, mittlerweile ein Klassiker des avantgardistischen BigBand-Jazz. Es ist eine gewaltige Hymne, in der freie Improvisationen über großorchestrale Melodiebögen geschichtet sind und so eine nahezu hypnotische Wirkung entfalten.

Dem im vergangenen Jahr verstorbenen Posaunisten Paul Rutherford widmete Guy die "Harmos"-Aufführung, ansonsten kamen fast alle, die bei der "Harmos"-Aufnahme vor 20 Jahren bereits mitwirkten, nach Schaffhausen, darunter auch Evan Parker, Phil Wachsmann und Barre Phillips.

"In meiner Musik geht es um den Überlebenskampf, und das muss man auch spüren", kommentiert Guy. "Den größten Teil meines Lebens habe ich nach Lösungen gesucht, wie man diese Auseinandersetzung in einer Partitur ausdrücken kann."

Die Idee des Ausdrucks ist für Guy im Barock und im Free Jazz ähnlich. Der 1947 geborene Engländer hat zahlreiche Aufnahmen mit der Academy of St. Martin in the Fields und Christopher Hogwoods Academy of Ancient Music gemacht. "Was alte Musik angeht, war meine Auftragslage gut, und so konnte ich mir Instrumente kaufen, um Mozart-Sinfonien originalgetreu zu spielen. Zur Jazzfinanzierung habe ich das eine oder andere historische Instrument wieder verkauft, so etwa für die Produktion der CD ,Harmos' ", berichtet Guy.

Für die meisten Kollegen sei experimenteller Jazz ein permanenter Ausnahmezustand, sagt der Musiker; Rutherford etwa verdiente seinen Lebensunterhalt bis kurz vor seinem Tod als Türsteher. Wenn man nach diversen Probentagen und einem Konzert mit 100 Pfund Gage nach Hause kommt, sei das eine Beleidigung. Auch öffentlich-rechtliche Radiosender würden immer weniger Produktionen mit experimentellen Musikern in Auftrag geben, so Guy. Die großen Tage des NDR als Jazzsender, der Guy und seine Ensembles in Hamburg proben und aufnahmen ließ, sind vorbei - für Guy war das eine der Enttäuschungen der letzten Jahre. Wer über keine finanziellen Ressourcen verfügt und wenig Kontakte zu anderen Musikern hat, kann mit Freejazz nicht überleben.

Da traf es sich gut, dass das Zürcher Label Intakt 1983 begann, Barry Guys Werke zu veröffentlichen. Seitdem ist sein Werk dokumentiert, und dadurch wird eine historische Perspektive überhaupt erst möglich - ein Glücksfall für Guy und sein Orchester. Intakt-Betreiber Patrik Landolt schlug vor, eine kleinere Band zu gründen, weil das LJCO keine Finanzhilfen mehr bekam; so entstand das Barry Guy New Orchestra. Von der CD "Harmos" wurden bis heute etwa 3.000 Exemplare verkauft.

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