Nach Hillary Clintons Scheitern

Ein Waterloo für den US-Feminismus?

Auch nach dem Scheitern Hillary Clintons ist man sich uneinig über Nutzen und Nachteil für die Frauenbewegung. Eine Frage des Politikstils oder bloß eine Generationenfrage?

Die Enttäuschung vieler feministischer Hillary-Anhänger über deren Niederlage richtete sich gegen die eigene Partei. Obamas Nominierung wurde als sexistisch dargestellt. Bild: rtr

Vier Tage dauerte es, bis sich Hillary Clinton dazu durchgerungen hatte, ihre Vorwahlniederlage gegen Barack Obama öffentlich einzugestehen. Bis sie am 7. Juni in die Säulenhalle des nationalen Baumuseums in Washington trat und das Wort ergriff, hatte sie den richtigen "Spin" für ihre Niederlage gefunden: Beinahe ein Drittel ihrer 30-minütigen Rede war dem Triumph gewidmet, den ihr guter zweiter Platz vermeintlich für die amerikanische Frauenbewegung bedeutet.

Amerikas Feministinnen waren sich allerdings gar nicht so sicher, dass die Kampagne ihrer zeitweiligen Vorkämpferin ein so klares Zeichen des Fortschritts dargestellt hatte. Nicht wenige verfielen angesichts von Clintons Schlappe in eine tiefe Depression. Insbesondere unter älteren Amerikanerinnen, den Feministinnen der sogenannten "zweiten Welle" in den 60er- und 70er-Jahren befürchtete man, dass dies die vielleicht letzte Gelegenheit zu ihren Lebzeiten gewesen war, eine Frau hinter dem Schreibtisch des Oval Office zu sehen.

Schlimmer noch, sie mussten feststellen, dass Clinton während ihrer Kampagne in einem Ausmaß Sexismus begegnet war, wie man ihn in den USA nicht mehr für möglich hielt. Da waren etwa Bemerkungen von Fernsehjournalisten wie die des NBC-Netzwerk Moderators Chris Matthews, der den demokratischen Erstrundenkandidaten Chris Dodd fragte, ob er nicht "Probleme damit habe, mit einer Frau zu debattieren". Da waren die endlosen Diskussionen über die Garderobe und den Schmuck von Clinton und über ihren Ausschnitt. Und da war der republikanische Wahlkampfberater von John McCain, Alex Castellanos, der Clinton auf CNN unkommentiert als "white bitch" bezeichnen durfte.

Die Enttäuschung vieler feministischer Hillary-Anhänger richtete sich jedoch auch gegen die eigene Partei. Die Nominierung von Obama selbst wurde als sexistisch dargestellt. Es wuchs schnell eine Trotz-Bewegung, die Frauen dazu aufforderte, im November für John McCain zu stimmen. Websites wie "Puma" (Party Unity My Ass - Ich scheiße auf Parteigeschlossenheit) schossen aus dem Boden. Eine Verschwörungstheorie der enttäuschten Demokratinnen wollte es, dass die Parteibosse aus sexistischen Motiven die Stimmen der Staaten Michigan und Florida, in denen Clinton gewonnen hatte, unterschlugen. Die Staaten hatten ihre Delegiertensitze verloren, weil sie gegen Parteiregeln verstießen, als sie ihre Wahltermine zu früh anberaumt hatten.

Zu Beginn ihres Wahlkampfes, erinnert sich Michelle Goldberg in der New Republic, hatte Clinton es noch sorgfältig vermieden, als feministische Kandidatin aufzutreten. Je mehr ihr die Felle davonschwammen, desto mehr buhlte sie jedoch um die Frauenstimmen, indem sie sich sowohl als Opfer sexistischer Angriffe darstellte als auch als Vorkämpferin für Frauenrechte.

Die Strategie funktionierte allerdings nicht. Amerikas Frauen standen bei weitem nicht geschlossen hinter ihr. Während Obama auf fast 90 % der schwarzen Wähler bauen konnte, wählten nur knapp 50 % der amerikanischen Frauen Clinton. Das Ergebnis offenbarte eine tiefe Zerrissenheit der amerikanischen Frauenbewegung: Die Frauen der "zweiten Welle", die heute 50 bis 65 Jahre alt sind, stimmten zumeist für Hillary, nicht zuletzt, weil für sie das Erreichen von führenden Positionen in der Gesellschaft noch immer oberstes politisches Ziel ist. "Für Frauen auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karriere wäre die Präsidentschaft von Clinton ein grandioser Endsieg gewesen", sagte Frances Kiessling, Vorsitzende der "Vereinigung von Katholikinnen für die Abtreibung", gegenüber der New Republic. Die "Millennialistinnen" im Alter zwischen 18 und 30 standen hingegen geschlossen hinter Obama.

Je mehr die Alt-Feministinnen sich mit der zunehmend in Bedrängnis geratenden Hillary solidarisierten, desto mehr wuchs auch ein Zorn auf ihre Obama-Töchter. Dahlia Lithwick, eine 33 Jahre alte Kolumnistin für das Web-Magazin Slate, schrieb: "Sie haben das Gefühl, dass sie uns die Fackel gereicht haben und wir nur darauf pinkeln."

Die Jung-Feministin Jessica Valenti, Gründerin des Frauen-Blogs Feministing.com, sieht den Zwist hingegen sogar als Chance: "Jetzt, da unsere Differenzen auf dem Tisch liegen, haben wir die einmalige Chance, gemeinsam für eine noch bessere Frauenbewegung zu kämpfen." Die 68erin Linda Hirshman hingegen warnte davor, dass der amerikanische Feminismus sich von den wirklichen Frauenthemen entferne und in einer breiteren Bewegung für sozialen Wandel aufgehe: "Diesen Fehler haben wir in den Sechzigerjahren schon einmal gemacht."

Immerhin findet Hirshman den Tonfall von Valenti und anderen der jungen Generation "erfrischend aufsässig - ähnlich wie wir in den frühen Tagen unserer Bewegung". Es gibt also zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass der amerikanische Feminismus nach Hillarys Waterloo wieder zu einer gemeinsamen Sprache findet.

SEBASTIAN MOLL

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