Theater der Welt in Halle: Das unheimliche Band

In Halle erkundet die Dramatikerin Yael Ronen mit Schauspielern aus Israel und Berlin in "Dritte Generation", wie die deutsche Geschichte mit dem Nahostkonflikt verbunden ist.

"Wir sind längst keine Opfer mehr, sondern in der dritten Generation zu Tätern geworden", sagt die israelische Regisseurin Yael Ronen. Bild: Gadi Dagon

Am Berliner Holocaustmahnmal ist die Tour erst mal zu Ende, die eine Gruppe von jungen Schauspielern einige Stunden lang den Spuren der Naziverbrechen in der Stadt folgen ließ: Angefangen beim unterirdischen Denkmal, das an die Bücherverbrennung erinnert, bis zu den Fundamenten der Gestapozentrale, die in den 80er-Jahren mit großer Geste wieder ausgegraben wurden, als entdeckte man hier Troja und nicht die jüngere deutsche Geschichte. So gesehen also touristischer Alltag in Berlin, dessen Gedächtniskultur ein nicht unerheblicher Tourismusfaktor ist.

Doch die Gruppe, um die es geht, setzt sich aus Deutschen, aus jüdischen und arabischen Israelis um die dreißig zusammen, die hier nichts weniger versuchen, als das unheimliche Band näher zu beleuchten, das die deutsche Geschichte mit dem Nahostkonflikt verbindet, und sich dafür auch gegenseitig die Geschichten ihrer Großeltern erzählen. Die Ergebnisse der Recherche, die sie in der Woche zuvor bereits durch Israel und in die palästinensischen Autonomiegebiete geführt hat, werden in das Theaterprojekt "Dritte Generation" der israelischen Dramatikerin und Regisseurin Yael Ronen einfließen, das am Sonntag beim Festival Theater der Welt als Work in Progress vorgestellt wird. 2009 soll es an der Berliner Schaubühne uraufgeführt werden.

Die Einunddreißigjährige, die hierzulande mit ihrem Stück "Plonter" ("Verworren") bekannt geworden ist, gehört zu einer Generation von jüdischen und arabischen Israelis, die es leid sind, unter einem Konflikt zu leiden, der längst nicht mehr der ihre ist. Die erkannt haben, dass es gerade das sture, alles rechtfertigende Beharren auf dem eigenen Opferstatus ist, das den Kreislauf der Gewalt auf beiden Seiten immer wieder mit mörderischer blinder Wut anfüttert. 1976 wurde Yael Ronen in Jerusalem geboren. Ihr Vater ist der Regisseur Ilan Ronen, der seit 2004 Künstlerischer Leiter des Israelischen Nationaltheaters Habima ist, ihre Mutter ist Schauspielerin. Der jüngere Bruder Michael hat sich vor ein paar Wochen in Berlin als Regisseur vorgestellt.

Für "Plonter", das 2007 an der Berliner Schaubühne gastierte, hatte Yael Ronen mit einer Gruppe von Schauspielern jüdischer und arabischer Abstammung Szenen aus dem absurden Alltag der kriegsgeschüttelten israelischen Gesellschaft entwickelt. Die Herausforderung der Inszenierung, die 2005 am Cameri-Theater in Tel Aviv entstand, bestand darin, dass hier Araber von Juden und Juden von Arabern gespielt wurden, um die betonierten Selbstbilder und Perspektiven jeweils für den Gegenverkehr freizugeben. Mit beißender Ironie beleuchteten einzelne Szenen auch die Vorurteile, die den Blick sonst ganz vernünftiger säkularer Israelis auf die arabischen Mitbürger verstellen, weshalb sich auch gut gemeinte Freundlichkeiten schnell in rassistische Beleidigungen verwandeln konnten. Mit ähnlichen Mitteln rückt der israelisch-arabische Schriftsteller Sayed Kashua (geboren 1975) in der TV-Soap "Arab Work" dem Selbstbild der israelischen Araber zu Leibe, die zum ersten Mal im israelischen Fernsehen zur Prime Time Leben und Befindlichkeiten des arabischen Teils der Bevölkerung verhandelt, wobei Kashua unterschwellig die Botschaft transportiert: Werdet endlich selbstbewusst! Hört auf, ewig die Opfer zu spielen!

"Wir sind längst keine Opfer mehr, sondern in der dritten Generation zu Tätern geworden", sagt auch Yael Ronen. Der Holocaust werde von der israelischen Politik instrumentalisiert. Deswegen findet sie es wichtig, Manipulationen und Ideologien offizieller Erinnerungspolitik zu durchschauen, sie aber auch von der privaten Geschichte zu trennen. Schließlich dürfe die ideologische Kritik nicht zur Entwertung der persönlichen Erinnerung führen. Und mit diesem Vorhaben steht nun ihr Ensemble vor dem Berliner Holocaustmahnmal, wie es zuvor in der Jerusalemer Gedenkstätte Jad Vaschem gestanden hat, und studiert die Strategien offizieller Gedächtnispolitik.

Für den arabischen Schauspieler Rabie Khoury war Jad Vaschem die erste direkte Konfrontation mit den Verbrechen der Nazis an den Juden. So wie der Schaubühnenschauspieler Karsten Dahlem zum ersten Mal mit dem krassen Alltag in den Palästinensergebieten konfrontiert worden ist. Yael Ronen erzählt vom Erstaunen ihrer Ensemblemitglieder, dass es in Deutschland scheinbar weniger Nazis als Holocaustdenkmäler gibt. Ja, besonders Berlin sei ein Las Vegas der Mahnmale, sagt lachend der in Berlin lebende israelische Künstler Amit Epstein, der das Projekt als Dramaturg betreut.

Allerdings hat die Konfrontation mit dem Holocaust in Jad Vaschem in Rabie Khoury auch ambivalente Gefühle ausgelöst. "Ich fühlte mich emotional missbraucht." Der Holocaust werde in Jad Vaschem inszeniert, als sei er die Gegenwart. Dabei werde konkret im Gazastreifen gestorben. So ist es ihm schwer gefallen, echte Empathie zu entwickeln. Karsten Dahlem haben die Eindrücke, die er von den israelischen Checkpoints ins friedliche Berlin mitgebracht hat, erst mal gegen die eigene Regierung aufgebracht: "Warum lassen die das zu?" - und vermutet historische Schuldgefühle hinter der Passivität deutscher Politik.

Dass Yael Ronen über den nötigen Mut zur Schonungslosigkeit und eine ausreichende Portion schwarzen Humor verfügt, in diesem brisanten Mix aus Emotionen und Ressentiments, Ängsten und Komplexen erhellend herumzustochern, hat sie in früheren Stücken bewiesen. Zudem verlaufen die Frontlinien des Projekts auch durch ihre Familie. Sie selbst lebt mit dem israelisch-arabischen Schauspieler Yousef Sweid zusammen, der in "Plonter" eindrucksvoll einen überforderten israelischen Soldaten spielt. Ihr Bruder Michael ist mit der Dramaturgin Irina Szodruch befreundet, die das Projekt auf der mitproduzierenden Schaubühnenseite betreut. Man kann also gespannt sein.

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