Kommentar Hass gegen Homos: Agenten der Weltverschwörung

Die EU verschließt die Augen davor, dass im Osten Rechte Schläger und Kirchenmänner in punkto Homosexualität das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen - langfristig mit Erfolg.

Fliegende Steine, Eier, Flaschen und Tomaten begleiten seit einigen Jahren die Schwulenparaden in Osteuropa. Zuletzt wurden die Homosexuellen an diesem Wochenende in Budapest attackiert, nachdem sich zuvor ähnliche Szenen im tschechischen Brno oder in der bulgarischen Hauptstadt Sofia abgespielt hatten. Diese Ereignisse dürften sich auch in den kommenden Jahren wiederholen.

Nur widerstrebend haben östliche Politiker europäische Richtlinien umgesetzt, die das Strafrecht reformierten und die diskriminierenden Schwulenartikel abgeschafft haben. Für die Homosexuellen war es zwar ein Etappensieg, der ihnen mehr Selbstsicherheit verlieh im Umgang mit der ablehnenden Haltung vieler ihrer Mitbürger. Gleichzeitig organisierten sich aber auch ihre militanten Gegner, deren rechtsextreme Weltanschauung auf grob zusammengezimmerten Feindbildern basiert.

Einige der abstrusen Vorwürfe: Homosexuelle bedrohten den Bestand der Nation, weil sie sich nicht fortpflanzen. Schwule und Lesben seien die Protagonisten der Globalisierung und einer zügellosen, von der Europäischen Union befürworteten Libertinage. Schwule seien verkappte Kinderschänder und HIV-Infektionsherde. Schwule seien die ideologischen Unterwanderer der traditionellen Familie und Ehe und die esoterischen Feinde der christlichen Religion. Schließlich sind Schwule in den Augen militanter osteuropäischer Rechtsextremisten die nützlichen Idioten der Juden, die sich raffiniert einer sexuellen Minderheit bedienen, um die gesunden nationalen Abwehrkräfte zu schwächen und letztendlich die angestrebte jüdische Weltherrschaft zu errichten.

Die Liste der Anschuldigungen ist lang. Und der Applaus für den "Mut" der militanten homophoben Organisationen, diesen demografischen Schädlingen Paroli zu bieten, kommt auch vonseiten einiger Kirchenmänner. Diese werfen zwar nicht mit Steinen, aber sie marschieren im Gleichschritt - so in Bukarest- mit Kruzifixen und Heiligenbildern zusammen mit jenen, die sich die "Lösung der Schwulenfrage" auf ihre Fahne geschrieben haben.

In Sofia, Brünn oder Budapest wird sichtbar, was viele in der EU lieber nicht sehen möchten, weil es die Integrationspolitik allzu sehr stört. Doch zeigt sich eine Hasskultur, die eigentlich das Rad der europäischen Geschichte zurückdrehen will. Und die Rechten in Osteuropa dürften langfristig mit ihrer Ausgrenzungsstrategie Erfolg haben: Sexuelle Minderheiten werden dort wieder in den Untergrund gedrängt.

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