Coppolas "Jugend ohne Jugend": Archaisches Rumoren

Was der Blitzschlag verjüngen sollte, wirkt am Ende doch sehr, sehr alt: "Jugend ohne Jugend", der neue Film von Francis Ford Coppola, ist eine bildungsschwangere Tour de Force.

Auf einer Bergstraße trifft Matei Veronika, die ihm wie eine Wiedergeburt seiner Jugendliebe erscheint. Bild: sony

Kriegswolken hängen über Rumänien an Ostern 1938. Der alte Professor, der durch die Straßen von Bukarest tapst, sollte davon nicht mehr betroffen sein. Er hat das Leben hinter sich, seine Forschungsvorhaben waren enorm, das Gefühl von Vergeblichkeit ist es auch. Dominic Matei möchte seinem Leben ein Ende machen an diesem Tag, doch es kommt anders: Er wird von einem Blitz getroffen, die elektrische Entladung erweist sich als Jungbrunnen oder auch als Zeitsprung entsprechend einer literarischen Relativitätstheorie.

In Mircea Eliades Erzählung "Jugend ohne Jugend" ist die Welt- und Kulturgeschichte ganz in das Bewusstsein einiger Protagonisten gefaltet, in denen es gewaltig und archaisch rumort. Und Francis Ford Coppola, der sich ausgerechnet dieses wenig bekannte Erzählwerk eines rumänisch-amerikanischen Religionswissenschaftlers zur Verfilmung vorgenommen hat, ist von diesem Rumoren sichtlich fasziniert. Zwar soll das alles ganz traumleicht aussehen zu Beginn, als in Bukarest die letzten Bürger eines untergehenden Europa nach Orientierung suchen. Was danach aber mit Dominic Matei geschieht, ist schlicht eine Tour de Force der bildungsschwangeren Art.

Vorerst bleibt die Sache noch weitgehend zeitgeschichtlich. Der Professor wacht in seinem Krankenbett auf, nun in sichtlich besserem Zustand und einige Jahrzehnte jünger, sodass der Schauspieler Tim Roth für diese Szenen nicht aufwendig geschminkt werden musste. Ganz Rumänien interessiert sich für das Naturwunder, das aus einem Gelehrten einen Supergelehrten gemacht hat. Matei lernt im Handumdrehen Chinesisch, sein altes Projekt - die Suche nach der allerersten Menschheitssprache, dem Uridiom - gewinnt neue Perspektiven. Sein Arzt, Professor Stanciulescu (Bruno Ganz), hält Matei über die politische Situation auf dem Laufenden. Die Nazis, die eine Weile die politische Situation bestimmen, setzen eine erotische Agentin auf Matei an. Auch sie wollen das Geheimnis der Überwindung der Zeit erfahren. Doch Matei selbst weiß im Grunde gar nicht so recht, wie ihm geschieht.

Francis Ford Coppola macht die kühnen Sprünge der Erzählung einfach mit: Schon bald ist der Krieg vorbei, Matei ist nun in der Schweiz und trifft dort auf einer Bergstraße eine schöne, junge, blonde Frau, die ihm wie eine Wiedergeburt seiner Jugendliebe erscheint.

Mit Veronica (Alexandra Maria Lara in einer von drei Rollen in diesem Film) erlebt Matei in einem Ferienhotel auf der Felseninsel Malta die leidenschaftlichsten und tiefgründigsten Stunden seines ganz auf den Horizont der Menschheitsgeschichte offenen Lebens. Denn aus Veronica spricht nicht einfach seine eigene Jugend, es ist die Kindheit der Gattung, die sich vernehmen lässt.

Zuerst ist es nur Sanskrit, eine Sprache, die einem Matei keine Schwierigkeiten bereitet. Dann aber werden die Dialekte und Inkarnationen, zu deren Sprachorgan die zarte Veronica wird, immer dunkler und älter, zugleich werden die Hervorbringungen immer anstrengender, sodass kurz vor dem Erreichen der Ursprache das Leben von Veronica auf dem Spiel steht. Professor Matei muss also zwischen seiner Liebe und seiner Forscherpassion entscheiden.

Mircea Eliade war selbst ein alter Mann, als er "Jugend ohne Jugend" schrieb. Die Erzählung enthält auch viele Bezüge auf den dunklen Kern seiner eigenen Biografie: Die Verbindungen mit den rumänischen Faschisten, die erst nach Eliades Tod und seiner eindrucksvollen akademischen Karriere in den USA genauer bekannt gemacht wurden. Francis Ford Coppola hat sich nach eigenen Aussagen vor allem von der Figur des alten Polyhistors Matei faszinieren lassen, die politischen Zwischentöne bleiben in seiner Verfilmung weitgehend äußerlich: "Jugend ohne Jugend" wirkt wie so viele andere Rekonstruktionen der Zeit vor dem großen Krieg in den meisten Szenen kulissenhaft, und auch die Nachkriegswelt erscheint eher wie einer Illustrierten entnommen, als dass sie auf unsere Gegenwart hinführen würde.

Coppola überlässt sich vollkommen ungehemmt der Eigenzeit der Erzählung mit ihren unentwegten Doppelgänger- und Schattenmotiven, und im Rückblick dieses über weite Strecken kitschigen, manchmal unbehaglichen Spätwerks erscheint auch seine ganze (Anti-)Hollywood-Karriere in einem etwas anderen, man könnte sagen: fantastischeren Licht. Von "Apocalypse Now!" bis "Jugend ohne Jugend" führt ein Weg, man muss nur die Hauptfigur wechseln: Coppola ist nun ganz in das Innere des brütenden Colonel Kurtz gewechselt, der archetypischen Figur, die an der Zivilisation irre geworden ist. In diesem Kopf hat nun alles Platz, sogar "Jugend ohne Jugend", ein Film, der selbst, durch den Blitzschlag, wie geistig umnachtet wirkt.

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