Allround-Sportjournalismus: Es lebe das Halbwissen

Mit vielen Randsportarten hatten die Berichterstatter bislang nichts zu tun. Egal. In Rekordzeit sind sie zu Experten herangereift.

Journalisten für die Olympia-Disziplin Kanuslalomfahren? Davon gibt es wohl eher wenige. Bild: dpa

Wir kennen uns aus. Wir sind Experten für 28 Sportarten. Und für olympische Geschichte. Wir wissen alles. Wir wissen natürlich, dass der Wurfhügel beim Baseball Mound heißt und nach den indianischen Begräbnisstätten in Nordamerika benannt ist. Wir wissen seit Kindheitstagen, dass der Elfmeter beim Wasserball ein Fünfmeter ist. Wir wissen, welche Landesfahne bei der Abschlussfeier als letzte eingeholt wird, nämlich die des nächsten Gastgeberlandes. Wir wissen, dass der erfolgreichste Olympiateilnehmer aus den USA stammt und zehn Goldmedaillen gewonnen hat; sein Name: Ray Ewry. Wir wissen, dass es zum ersten Mal im Jahre 1932 ein Olympisches Dorf gegeben hat, in Los Angeles.

Das alles, und noch viel mehr, wissen wir. Olympia ist für uns ein Klacks. Wir wandeln durch die heiligen Hallen, als wäre es ein Spaziergang. An den fünf Olympischen Ringen vollführen wir Turnübungen, die einen Fabian Hambüchen neidisch machen würden. Die Kollegen beneiden uns, die wir zum ersten Mal zu den Spielen gereist sind und schon alles wissen.

Also, um es zuzugeben: Wir kennen uns nicht immer aus: 28 Sportarten sorgen mit ihren Eigenarten und der hohen Termindichte für eine gewisse Unübersichtlichkeit. Es passiert notgedrungen, dass man zum ersten Mal auf einen Kanuslalomfahrer trifft oder auf eine Softballerin und nicht recht weiß, welche Geschichte man über diese Exoten des Sports erzählen soll. Oder man trifft auf einen Teakwon-Do-Sportler - noch so eine obskure Randsportexistenz, die nur einmal in vier Jahren um Aufmerksamkeit buhlt, das aber sehr schlagkräftig. Die Zoologie der Sportlerarten ist eine vertrackte Wissenschaft, auf die sich nur ein paar Säulenheilige der Szene verstehen. Die anderen geben das Beste in der Disziplin Allround-Sportjournalismus. Es gibt Kollegen, die haben zum ersten Mal in ihrem bewegten Leben ein Volleyballspiel live gesehen und schreiben danach im Bus darüber, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen als Baggern und Schmettern.

Dabei ist es ganz einfach, zum Experten zu reifen. Man muss nur acht oder neun Stunden im Hauptpressezentrum sitzen, dann geht die olympische Aura auf einen über, dann wird die mentale Festplatte wie von selbst mit all den Daten und Fakten beladen, die man braucht. Im MPC, wie die Arbeitsstätte der vom olympischen Geist erleuchteten Sportjournalisten heißt, empfangen wir die Weihen des höheren Sports. Baron de Coubertin ersteht vor unseren Augen. Und mir scheint, ein paar Kollegen besitzen bereits eine Aureole olympischen Abglanzes. Wir tragen unsere Akkreditierung wie eine Goldmedaille und abends baden wir in Lorbeer. Wir gehen auf im Kreis der Olympiaschreiber, wir beginnen die Griechen für ihre Geschwätzigkeit und die Engländer für ihre sarkastische Art zu lieben. Wir sind eine Familie. Unser Credo: Es lebe das Halbwissen!

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