Unterwegs in den USA: Große Suche in weitem Land

Anders als in der großstädtischen Politikrhetorik dargestellt, sind Amerikaner in den kleinen Orten vor allem eins: voller Zweifel und verunsichert.

Wahlkampfveranstaltung für Barack Obama in Iowa. Bild: Reuters

Cleveland, Ohio. Unter Verbotsschildern "No loitering" - nicht herumlungern - lungern schwarze Jugendliche herum. Die meisten rauchen und halten Bierdosen in der Hand. Viele Spirituosengeschäfte, viele Pfandleihen, viele Möglichkeiten, einen schnellen "Zahltag"-Kredit zu bekommen. Wenns denn einen Zahltag gibt. Viele Kirchen. Baptisten, Adventisten, Presbyterianer. Das erinnert mich an Slums in Afrika: Dort, wo die Hoffnung auf ein besseres Leben im Diesseits erloschen ist, ist die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits besonders groß.

Eine Übernachtung in einem der kleinen Motels entlang der Hauptstraße kostet zwischen 35 und 38 Dollar - ein Spottpreis für eine Hauptstadt in den USA. Allerdings müssen sich die Gäste eine strenge Behandlung gefallen lassen: "Bargeld im Voraus", steht als Willkommensgruß an der Rezeption. Und: "Kein Herumlungern in der Lobby". Und: "Absolut keine Besucher". Beim Hinausgehen grüße ich einen Mann vor dem Eingang. Er schaut mich perplex an, fasst sich aber schnell: "Ham Se mal nen Quarter?"

In unmittelbarer Nähe der "Badlands" in North Dakota übernachte ich auf einer Gästeranch. Die meisten der Besucher kommen dorthin, um auszureiten, andere gehen auf die Jagd. "Es sind alles Städter", sagt Chris spöttisch. Chris und seine Frau Elvira arbeiten seit sieben Monaten auf der Ranch, sie als Köchin, er als "Mann für alles".

Zu seinen Aufgaben gehört es, das erlegte Wild auf die Ranch zu transportieren und es fachgerecht so zu zerlegen, dass die Hobbyjäger es schön portioniert mit nach Hause nehmen können. Wir kommen an der Bar der Gästeranch ins Gespräch. Fast alle Männer tragen Westernhüte mit riesigen Krempen. Die Frauen hängen sich bei ihren Helden ein und lauschen dem Jägerlatein so bewundernd, als hörten sie es zum ersten Mal. Ganz großes Kino.

Chris, Elvira und ich haben einander ein paar Mal angegrinst. Es gibt nichts, was Fremde schneller verbindet, als sich gemeinsam über andere Leute lustig zu machen. Schließlich fragt Chris, was mich denn in diese Gegend verschlagen habe. Ich mag darauf nicht ganz offen antworten.

Wenn ich jetzt ein Interview führe, dann ist das Einverständnis zerstört, das ich so genieße, weil es in einer unvertrauten Umgebung ein seltenes und kostbares Glück ist. Stattdessen wird dadurch eine Gesprächshierarchie hergestellt. Mein mit mir selbst geschlossener Kompromiss, an den ich mich auch auf der weiteren Reise in ähnlichen Situation halte: keine Nachnamen.

Die Antwort, ich wolle drei Monate nur so durchs Land fahren, stellt beide ohnehin völlig zufrieden. Schließlich tun sie schon ihr ganzes Leben lang nichts anderes. Mit einem Wohnwagen, der aus den Siebzigerjahren stammt, mit vier Hunden und mit ebenso vielen Vögeln reisen sie, wohin es sie gerade zieht.

Natürlich sind sie nicht krankenversichert. Das sagen sie nicht nur, das sieht man auch. Elvira hat nur noch wenige Vorderzähne. Beide trinken zu viel. Auch das sieht man. Was man außerdem sieht und spürt: wie zufrieden, ja glücklich beide sind. Ganz zart, ganz rücksichtsvoll gehen sie miteinander um. Nach zehn Jahren Ehe. Wir sind uns schnell einig, dass Minnesota irgendwie blöd ist. Obwohl: "Du hättest in den Norden fahren müssen!" Über Montana brauche man gar nicht zu reden. Das ist sowieso wunderbar. Kalifornien? Na, wenn ich da unbedingt hinwill, dann nur in den Norden. Alles andere sei nicht zu ertragen.

Wir schwelgen in schönen Erinnerungen und schmecken kommende, herrliche Erlebnisse vor. Chris und Elvira können es erkennbar kaum aushalten, dass ich morgen - schon morgen! - abreise. Abreisen darf. So gerne würden auch sie weiterziehen. Sie sind jedoch nicht unvernünftig, deshalb werden sie den Winter über auf der Gästeranch bleiben. "Aber im Frühjahr, wenn uns der Hafer sticht", sagt Elvira, "dann nehmen wir unseren Wohnwagen und ziehen wieder los." Mit allen vier Hunden. Und mit den Vögeln. Man muss in einer Situation wie meiner aufpassen, sich nicht von der Romantik der Straße einfangen zu lassen. Man muss allerdings auch aufpassen, dass man Glück nicht nur dann als solches akzeptiert, wenn die Form ins eigene Weltbild passt.

Die 31-jährige Justine Murray in Sandpoint, Idaho, kann einem den Glauben an den amerikanischen Traum wiedergeben.

Leicht hat es die alleinerziehende Mutter eines 13-jährigen Sohnes und einer elfjährigen Tochter im Leben nicht gehabt bei ihren Versuchen, ohne Ausbildung sich und die Kinder durchzubringen. Sie stammt aus der Kleinstadt Dixon in Illinois und hat schon viele Jobs gehabt. Justine hat bei einer Tafel für Obdachlose gearbeitet, als Gärtnerin, als Verkäuferin in einem Teegeschäft. "Ich war mal so arm, dass ich kaum genug Geld für das Essen nach Hause brachte. Ganze 9.000 Dollar habe ich in einem ganzen Jahr verdient. Da hatte ich das Gefühl, ich könnte eigentlich auch aufgeben."

Sie hat nicht aufgegeben. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass diese energische, lebenslustige Frau, die wunderbar laut und ansteckend loslachen kann, jemals nicht mehr weiterwusste. Sie nickt: "Ja, ich weiß auch nicht, warum, aber irgendwann hat es einfach klick gemacht. Das Wichtigste ist, an dich selbst zu glauben. Und inzwischen glaube ich an mich." Sie zog nach Sandpoint, weil sie gerne wollte, dass ihre Kinder eine Waldorfschule besuchen, und hier gibt es eine, die vergleichsweise niedrige Gebühren verlangt. Für Justine war sie immer noch zu teuer, wie sich herausstellte, aber in anderer Hinsicht hatte sie Glück: Der Manager des Hotels, in dem sie arbeitet, gab ihr, wie sie sagt, "eine Chance".

Seit zwei Jahren ist sie jetzt dort als Köchin beschäftigt: "Meine finanzielle Situation hat sich so stabilisiert, es ist unglaublich." Kürzlich konnte sie sogar einige Tage Urlaub machen an der Küste von Oregon. 20.000 Dollar verdient sie jetzt im Jahr. Das ist immer noch ungefähr ein Drittel weniger als das Durchschnittseinkommen in Idaho, aber es genügt für die Familie. "Ich bin noch lange nicht am Ende meiner Möglichkeiten. Es gibt so viel, was ich machen kann." Gerade hat sie ein Angebot bekommen, für Partys ein Büfett zu liefern. Ich bin überzeugt, dass es den Gästen schmecken wird. Das selbst gemachte Sushi, das sie mir an diesem Abend vorsetzt, ist hervorragend. Die elfjährige Cora kommt herein. Sie bittet ihre Mutter um Geld, damit sie am nächsten Tag ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin kaufen kann. Justine gibt ihr fünf Dollar. "Es ist schön, dass so etwas kein Problem mehr ist", sagt sie. "Wissen Sie, ich habe das Gefühl, mir selber etwas bewiesen zu haben. Und es geschafft zu haben." Doch, ja, sie sei stolz auf sich.

In Louisiana besuche ich wieder einmal einen Gottesdienst, dieses Mal den einer baptistischen Gemeinde in der Kleinstadt Jennings. Zum ersten Mal fällt mir auf: Auch meine gänzlich zufällige Auswahl von Kirchen ändert nichts daran, dass ich stets nur gemeinsam mit anderen weißen Gläubigen bete. Mag sein, dass Schwarze und Weiße inzwischen auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Zur Schule gehen. Sie heiraten ja auch, gelegentlich. Aber offenbar wird selbst dann immer noch getrennt gebetet. Einige Wochen später suche ich in Georgia gezielt eine Kirche auf, die in einem schwarzen Wohnviertel liegt. Aber dort fühle ich mich als Eindringling und als Religionstouristin. Ich verlasse den Gottesdienst, und eine Frau, die am Eingang einige Nachzügler begrüßt, nickt zustimmend und verständnisvoll, als ich auf ihre entsprechende Frage hin erkläre, ich wolle nicht stören. Sie unternimmt keinen Versuch, mich aufzuhalten.

Ein knappes halbes Jahr später wird die Frage danach, was eigentlich in den "schwarzen Kirchen" des Landes los ist, eine große Rolle im Vorwahlkampf spielen, und der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama muss sich von seinem Pastor distanzieren, weil der Ansichten vertritt, die als inakzeptabel radikal gelten. Der Pfarrer im kleinen louisianischen Jennings, in dem ich lande, hat unter seinen Gläubigen keinen Bewerber für das Amt des Präsidenten. Da hat er Glück.

Die Predigt von Jerry Masters gehört nämlich zu den bösartigsten Hetztiraden, denen ich jemals in meinem Leben zuhören musste. Vorgetragen wird sie in einem sanften, mitfühlenden Ton. Die Botschaft ist dennoch unmissverständlich. Wenn jemand Jesus nicht als seinen Retter anerkennt, dann wird er auf ewig in der Hölle schmoren, auf ewig von Gott getrennt sein. Er ist verdammt. Es gebe Leute, so Jerry Masters, die behaupteten, alle Religionen wollten doch im Grunde dasselbe, suchten dasselbe und hätten dasselbe Ziel: "Das ist eine Lüge." Nicht etwa: Das ist ein Irrtum. Oder falsch. Sondern: eine Lüge. Also eine absichtsvoll böse Tat. Ich stelle mir vor, was in Deutschland oder auch in den USA los wäre, wenn ein muslimischer Prediger öffentlich erklärte, alle Christen und Juden kämen in die Hölle, seien verdammt und es sei eine Lüge zu behaupten, auch sie suchten nach Gott.

Wie gut glaube ich "die Amerikaner" zu verstehen, nachdem ich drei Monate ihr Land bereist habe? Je länger ich unterwegs war, desto größer wurden die Fragezeichen. Aber einiges habe ich denn doch verlässlich erfahren: dass sich nämlich die Bevölkerung der kleinen Städte und Dörfer in den Vereinigten Staaten ganz und gar nicht als Weltmacht fühlt, sondern dass sie Angst hat vor der Globalisierung, vor der Verarmung der Mittelschicht, vor dem sozialen Abstieg. Dass viele meinen, die Vereinigten Staaten hätten ihre beste Zeit hinter sich - und Länder wie China und Indien hätten sie vor sich. Dass die Leute genau wissen, wie unbeliebt die USA in weiten Teilen der Welt inzwischen sind, und dass sie diese Entwicklung gerne rückgängig machen würden. Wenn ich nur ein einziges Wort zur Verfügung hätte, um die herrschende Stimmung zu beschreiben, dann müsste ich nicht lange nachdenken: Verunsicherung.

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