Sommerfestival auf Kampnagel: Schwer solare Agitation

Klimapolitik im Theater: Der Regenwald stirbt, das Polareis schmilzt, und die CDU will die Atomenergie. Das beschäftigt auch das Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg.

Kunstaktion in der Hamburger Handelskammer: Die Künstlergrufppe "Stan's Cafe" aus Birmingham verteilt zwölf Tonnen Reis auf mehrere Haufen. Bild: dpa

Das Jahr 1878 hätte die Welt verändern können. Der französische Ingenieur Augustin Mouchot präsentierte auf der Pariser Weltausstellung das funktionsfähige Modell einer solarbetriebenen Dampfmaschine. Derweil setzte die zeitgenössische Energiewirtschaftslobby, die Kohleindustrie, gerade zum schönsten Industrialisierungsflow an, befeuert durch den Verbrauch von Umwelt. Zugunsten dieser Lobby und kurzfristiger Effizienz verzichtete nicht nur die französische Regierung darauf, neue Technologien zu fördern, die das natürliche Umgebungspotenzial an Energie regenerativ und langfristig hätten nutzen können. Die Fortsetzung der Geschichte wird als bekannt vorausgesetzt.

In diesem Sommer beginnt die Kulturfabrik Kampnagel damit, auf über 1.000 Quadratmetern Dach Solarpanels anzubringen. Matthias von Hartz, Leiter des ersten Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel, hat diesem im Bereich "Kunst & Theorie" den Schwerpunkt "Klimawandel" aufgeladen.

Dass sich derzeit ausnehmend viele Theater- oder Tanzproduktionen ernsthaft künstlerisch mit dem Thema auseinandersetzen würden, kann man eigentlich nicht behaupten. Eher trifft hier von Hartz theoretisch vorbelasteter Hintergrund auf den spezifisch besonderen Standort in Hamburg. Der postindustrielle Gebäudekomplex inszeniert sich mit sommerlichem Kunstschnee und bot Raum für vier Gesprächsabende, drei künstlerische Produktionen und ein Abendessen mit Experten zum Thema.

Der Klimadiskurs bestimmte in Hamburg das Tagesgeschehen, allerdings eher durch eine zeitgleich operierende Konkurrenzveranstaltung: Während einige der "Klima-Camp 2008"-Aktivisten zu performativen Interventionen in der Abteilung für Ausländerangelegenheiten des Bezirksamts Nord übergegangen waren, suchte man aber auf Kampnagel immer noch ernsthaft nach sinnvollen Handlungsoptionen.

Dabei konnten einem die Thesen von Harald Welzer, Sozialpsychologe und Autor des Buches "Klimakriege" und einer der Vortragenden, allerdings wenig helfen. Dafür wollte man Hermann Scheer glauben, Träger des Alternativen Nobelpreises, dass die Lobbyisten der Energiewirtschaft "Lügner" sind, auch wenn das Lügen in der entsprechenden Fachsprache mittlerweile "Marketingstrategie" heiße und Arbeitsplätze sichere.

Auch die liebe Kunst, apokalyptisch gestimmt, bot wie zu erwarten kein konkretes Lösungspotenzial. Dafür bereitete sie manches Mal Vergnügen: Eva Meyer-Kellers und Sybille Müllers Jugendprojekt "Bauen nach Katastrophen" sollte unbedingt Schule machen, und das im wahrsten Sinne, auch wenn das Abfilmen kleiner, liebevoll vorgestalteter Ess-Landschaftskatastrophen weniger Bildung in Sachen Umwelt- als frühe Medienkompetenz verspricht. Ein künstlerischer Lichtblick war Meg Stuarts unlängst preisgekröntes Stück "Blessed". Hütte, Palme, Schwan: Alles besteht in einem kleinen Inselparadies aus Pappe, die sich dann, dauerberegnet, in nasse Biomasse verwandelt. Kein Platz, kein Schutz, nichts mehr, nirgends.

Beim "Abendessen mit Tischreden" stellte man sich das Menü selbst zusammen: einen Klimaexperten zur Vorspeise und einen zur Hauptspeise. Integriert in Tischkultur und Spezialistentum, erfuhr man von Managing-Director Albrecht von Ruffer beispielsweise, wie man professionell mit Emissionsaktien handelt, um die Klimabilanz auszugleichen, aber leider nicht, wie man den Missbrauch der Aktien durch Investmentbanken verhindert.

Und während man noch essend die Information verarbeitete, dass der sogenannte Biodiesel aus ebensolcher Masse bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch (15.000 Kilometer) Lebensmittel für 28 Menschen verbrennt, stellte sich schon wirklich die Frage, weshalb deutsche Durchschnittsmenschen zunehmend Großraumautos von drei Tonnen benötigen, um ihre 75 Kilogramm Eigengewicht samt (immer leichter und kleiner werdendem) Laptop fortzubewegen.

Insgesamt also: nichts Neues unter der Sonne. Aber das Theater bot Anlass, seinen ebenso diffusen wie verständlichen Halbbewusstseinszustand zwischen wohlstandsbedingt schlechtem Weltgewissen, Handlungsmüdigkeit und tatsächlicher -unfähigkeit neu zu sortieren.

Theaterspektakel wie "Kunst & Theorie zum Klimawandel" werden das Klima bestimmt nicht wandeln, aber in unseren Ökonomien ist die Entscheidung, in welche "Kunst" oder welche Energien man private Gelder und staatliche Subventionen investiert, auch nicht völlig unpolitisch.

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