Neuer Theaterintendant in Leipzig: "Radikale Veränderungen"

Lob der Provinz - oder warum Sebastian Hartmann nun Leipzig interessanter als Berlin findet. Ein Gespräch über Hausphilosophen und wie auf der Bühne Fahrt aufgenommen werden soll.

Prenzlauer Berg ist ihm zu langweilig. Bild: dpa

taz: Sie kommen nach Leipzig und benennen als Erstes das Schauspielhaus in Centraltheater um und die kleine Spielstätte wird zur Skala. Warum dieser Neusprech?

Sebastian Hartmann: Zuerst habe ich mir ein Leitungsteam zusammengestellt und bin auf die Suche nach einem Ensemble gegangen. Dabei entstanden Fragen: Was wollen wir in dieser Stadt? Was soll unser Theater können? Bei der Recherche zur Geschichte des Hauses sind wir auf das Centraltheater gestoßen, das sich als Kasino mit Kleinkunst, Volkskunst und Musical präsentiert hat.

Was ist das Konzept für die neue Skala, die ehemalige Neue Szene?

In den nächsten Jahren stehen radikale Veränderungen bevor. Statt nach Antworten zu suchen, sollten Künstler lernen, Fragen zu formulieren: In welcher Welt lebe ich und zu welchem Teil des Systems gehöre ich? Das Theater muss reaktionsfähig sein. Wir müssen es mit instabilen Fragen in Bewegung bringen. Fragen, keine Antworten. Wenn eine Michelle getötet wird oder vor der Disco hier um die Ecke jemand weggeballert wird oder die russische Armee in Georgien einmarschiert, dann weiß ich nicht, ob ich einfach unkommentiert den "Zerbrochenen Krug" spielen möchte. Die Skala wird kein Repertoire im herkömmlichen Sinne haben. Es wird ein Ort, an dem temporär, sprunghaft und manchmal auch von langer Hand Projekte entstehen. Innerhalb dieses Modells ist es hoffentlich möglich, schneller, dynamischer und unmittelbarer zu reagieren.

Haben Sie dazu die nötige Erfahrung, Ihr Team ist relativ jung, viele unter 30?

Es ist eine andere Generation, die tatsächlich für sich selber lernen muss, wo es hingeht. Ich finde entscheidend, dass junge Menschen am Start sind, die eine Sicht haben, die ich so gar nicht haben kann.

Wozu braucht das neue Schauspiel Leipzig mit Guillaume Paoli einen Hausphilosphen, der eine Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck unterhält?

Wir haben darüber nachgedacht, die Dramaturgie als Begriff abzuschaffen, denn dahinter steht das starre Stadttheatersystem. Für mich ist wichtig, jemanden am Haus zu haben, der nicht vom Theater kommt, aber in Systemen denkt und Welt aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet als ein Künstler. Guillaume Paoli, unser Hausphilosoph, ist so ein Impulsgeber und kritischer Geist. Er begründet die "Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck" und macht die "Parallelproduktionen". In den Leitungssitzungen stellt er ganz andere als die reinen Theaterfragen.

Für der Eröffnungsinszenierung "Matthäuspassion" haben sie mehrere Texte zu einem Theaterabend verschmolzen. Bei "Schock-Strategie. Hamlet" kombiniert Jorinde Dröse Shakespeare mit Naomi Klein. Ist das die Richtung, in die die Reise geht?

Das überlassen wir mal dem Prozess, damit haben wir keine Programmatik formuliert. Es sind ganz einfach zwei Eröffnungspremieren mit zwei sehr unterschiedlichen Kernhaltungen. Die erste, "Matthäuspassion", beschäftigt sich mit der menschlichen Kultur, die dadurch entsteht, wie der Mensch denkt, handelt, glaubt - und den Glauben verliert. Die andere, "Schock-Strategie. Hamlet", beschäftigt sich mit der Welt, mit der Gesellschaft, mit Mechanismen von Konsum, aus denen wir unsere Welt zusammensetzen. Ansonsten kommt auch noch Molière, "Don Juan", "Macbeth", Handkes "Publikumsbeschimpfung".

Sie haben lange an der Volksbühne in Berlin gewirkt, aber in Leipzig studiert. Wie viel Leipzig und wie viel Berlin stecken jetzt in diesem Projekt?

Ich bin in Leipzig geboren, in Berlin aufgewachsen, habe dann in Leipzig studiert, meine erste Inszenierung gemacht und jetzt werde ich hier das erste Mal Intendant. Aber neben der Volksbühne habe ich auch in Hamburg, Wien und Oslo gearbeitet. Das sind Orte, die mich in meinem Leben sicher berührt haben. Natürlich war das Publikum in Berlin anders, weil es da Anfang der 90er-Jahre eine florierende intellektuelle Schicht gab in Prenzlauer Berg. Die gibt es heute nicht mehr. Da ist vom Lebensgefühl her momentan vielleicht sogar der linksalternativ geprägte Leipziger Stadtteil Connewitz spannender.

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