Kroatischer Korruptionsumpf: Mafia-Mord lässt Regierung straucheln

Nach dem Mord an einer Anwaltstochter mussten zwei Minister gehen. Zehntausende protestieren gegen Korruption und organisierte Kriminalität.

Mord in Zagreb: Der Leichnam von Ivana Hodak wird abtransportiert. Bild: rtr

SARAJEVO taz Zehntausend Kroaten haben Dienstagabend in der Hauptstadt Zagreb demonstriert und ein hartes Durchgreifen des Staates gegen Korruption und organisierte Kriminalität gefordert. "Verhaftet die Mafia - oder tretet ab", titelte am gleichen Tag die Tageszeitung Jutarnji List, die einen Rückfall in die wilden 90er-Jahre fürchtet.

Anlass war der einer Hinrichtung gleichende Mord an der 26-jährigen Ivana Hodak am Montag in Zagreb. Ihr Vater, Zvonomir Hodak, ist der Anwalt des vor einer Woche von Österreich an Kroatien ausgelieferten Exgenerals und -vizeverteidigungsministers Vladimir Zagorec. Dieser wird beschuldigt, während des Krieges 1991-95 Diamanten im Wert von fünf Millionen Dollar entwendet zu haben, die für Waffenkäufe bestimmt waren. Zagorec und sein Anwalt hatten in letzter Zeit angedeutet, über die Zusammenhänge Auskunft geben zu wollen. Angeblich soll Tochter Ivana vor Wochen Generalstaatsanwalt Mladen Baji Namen von Personen genannt haben, die im Krieg von Waffengeschäften profitierten. Es soll sich dabei um zwei Unternehmer und einen General handeln.

Wie weit diese Zusammenhänge nach oben reichen, zeigt der Umstand, dass Premierminister Ivo Sanader gleich nach dem Mord Innenminister Berislav Roncevic, Justizministerin Ana Lovrin und den Polizeichef entlassen hat. Regierung und Behörden würden "alles tun, um das scheußliche Verbrechen" aufzuklären. Wir sind zum unerbittlichen Kampf gegen die Mafia entschlossen", versicherte er. Ob der Mord auch etwas mit einer Liebesgeschichte zu tun hat, ist noch unklar. Über 100 Personen wurden vernommen, darunter auch der neue Freund der Ermordeten, Ljubo Pavasovi-Viskovi. Er vertritt als Anwalt den Mafia-Boss Hrvoje Petrac , der wiederum einer der Hauptbelastungszeugen im Verfahren gegen Exgeneral Zagorec ist.

Die Sache wird noch komplizierter. Denn der Exfreund Ivana Hodaks hat laut Insidern mit ihrem Vater über den Verkauf von Grundstücken und Häusern im Werte von 42 Millionen Euro verhandelt, die Zagorec gehören. Wegen des Liebesdramas hätte der Deal platzen können. Die Ermittlungen bewegen sich schon jetzt in einem Geflecht aus Kriminalität, Liebe und Politik, das Stoff für einen Hollywood-Action-Film böte.

Wie tief die Politik in mafiösen Strukturen verstrickt ist, zeigte schon vor wenigen Wochen der Rücktritt der Vorsitzenden des Parlamentsausschusses zur Untersuchung von Korruption im Erziehungswesen. Uni-Professoren vergaben Diplome gegen Geld oder erleichterten die Prüfungen für zahlende Studenten.

Ivo Sanader ist wegen des Drucks der EU jetzt offenbar endlich bereit, den Kampf gegen die organisierte Kriminalität und die Korruption anzugehen. Andernfalls könnte sein Ziel, Kroatien bis 2011 in die EU zu führen, verfehlt werden. Die Reform des Justizsystems ist eine der wichtigsten Forderungen der EU.

Da viele Mitglieder der Regierungspartei HDZ selbst verwickelt sind, muss er auf unabhängige Sachverständige zurückgreifen, um die Ministerposten neu zu besetzen - so den der Linken nahestehenden früheren kroatischen UN-Botschafter Ivan Simonovic. Der sozialdemokratische Oppositionsführer Zoran Milanovic kritisierte diese Maßnahmen als Stückwerk und forderte die Regierung gestern auf, geschlossen zurückzutreten.

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