Qual der Wahl: Die Unentschlossenen

Immer noch 10 Millionen Amerikaner wissen nicht, wen sie am Dienstag wählen sollen: Obama oder McCain oder Obama oder McCain... Wie kann das sein?

Obama oder McCain? Ihr Gehirn hat heimlich schon längst entschieden. Bild: dpa

Von den schätzungsweise 120 oder 130 Millionen Amerikanern, die am Dienstag an dieser Präsidentschaftswahl teilnehmen werden, bezeichneten sich bis zuletzt rund acht Prozent als "unentschieden". Zehn Millionen wissen also womöglich bis heute nur, dass sie wählen gehen wollen, aber noch nicht, wen sie wählen werden. Nun ist der "Unentschlossene" ja eine Untergruppe des "unabhängigen" Wählers und als solcher eine positiv besetzte Figur. Solche Wähler treffen ihre Entscheidungen selbst, sie sind Individualisten, Charaktere, die ihren Kopf zum Denken benützen. Die Gegenfiguren sind die verbohrten Stammwähler, die einer Partei aus unvernünftigen Gründen wie Gewohnheit oder Anhänglichkeit die Treue halten - Typen also, die Sozialdemokraten wurden, weil Opa schon einer war, und die auch noch SPD wählten, als ihr Rudolf Scharping vorstand.

Aber ist der "unentschlossene" Wähler nicht auch ein gehöriger Dummkopf? Wie schaffen es zehn Millionen Menschen, zwischen Barack Obama und John McCain "unentschieden" zu sein? Man stelle sich eine Stewardess vor, schreibt David Sadaris im New Yorker, die im Flugzeug zum Passagier sagt: "Darf ich Ihnen ein Hühnchen anbieten? Oder hätten Sie lieber einen Teller Scheiße mit Glasscherben?" Würden wir in diesem Fall den "Unentschiedenen" dafür loben, dass er sich ein paar Momente nimmt, um seine Wahl zu überdenken? Jetzt will ich damit gar nicht sagen, dass Barack Obama das Hühnchen ist und John McCain der Teller Scheiße. Aber die beiden Kandidaten repräsentieren derart schroff voneinander unterscheidbare Welt- und Menschenbilder, dass es schon relativ unerklärlich ist, wie jemand nach einem halben Jahr Dauerwahlkampf noch "unentschieden" sein kann.

In jedem Fall ist eine solche "Unentschiedenheit" wohl kein Indiz dafür, dass der Unentschiedene besonders lange, besonders reiflich über seine Entscheidung nachdenkt, sondern eher für kindlichen Unernst. Motto: "Nehm ich Cola oder nehm ich Sprite, nehm ich Obama oder nehm ich McCain? Ich kann mich nicht entscheiden."

Der Schriftsteller Benjamin Kunkel hat in seinem Roman "Unentschlossen" die Entscheidungsunfähigkeit als Charakteristikum einer ganzen Generation bezeichnet, die unglücklich durchs Leben driftet. Seine Romanfigur Dwight Wilmerding ist krankhaft unentschlossen, jede Wahl zwischen diesem oder jenem schiebt er einfach auf. Nie kann er sich entscheiden, was ihn einem derartigen Leidensdruck aussetzt, dass er Abulinix testet, ein Medikament gegen Unentschlossenheit. Chronische Unentschiedenheit ist aus solcher Perspektive Symptom verlängerter Pubertät, von Unreife.

Die Schwierigkeit, in komplexen Systemen überhaupt noch Entscheidungen zu treffen, ist heute zu einem wesentlichen Legitimationsgrund für Machtdifferenzen und Hierarchien geworden. Nicht Erfahrung oder besondere Kompetenz gelten als primäre Gründe für Führungsfunktionen; vielmehr wird die mentale Fähigkeit, überhaupt etwas zu entscheiden, als jene seltene Ressource dargestellt, die den Führer von den Geführten unterscheidet. Manager wollen sich weniger als Menschen mit besonderem Sachverstand sehen, sondern als "Entscheider". Auf der Webseite des Manager-Magazins kann man mit einem simplen Multiple-Choice-Test ermitteln: "Sind Sie ein Top-Entscheider?" Psychotrainer verdienen sich goldene Nasen mit Kursen wie "Coaching für Entscheider". Entscheidungsfähigkeit kann man sogar als Kompetenz-Kompetenz beschreiben, als Kompetenz, die noch den Unkompetenten über alle Kompetenten erhebt. "Im the decider", sagte George W. Bush.

Für pathologisch Unentschiedene wie mich gibt es freilich auch frohe Botschaften aus der Neurowissenschaft. Die meint: Wir sind schon entschieden, wir wissen es nur nicht. Unentschiedene Wähler haben ihre Entscheidung schon getroffen, sind sich dessen nur nicht bewusst, meint Brian Nosek, Psychologieprofessor an der University of Virginia. Studien haben nämlich ergeben, dass die meisten "implizit" McCain zuneigen, explizit aber glauben, Obama würde ihnen besser gefallen. Das erinnert an die bekannte Entdeckung der Gehirnforscher, dass die neuronalen Prozesse, die den Vorgang "aufstehen" steuern, längst anlaufen, wenn ein sitzender Mensch noch gar nicht entschieden ist, sich zu erheben. Daraus haben manche ja bekanntlich den Schluss gezogen, dass es den freien Willen gar nicht gibt, sondern unser Gehirn quasi automatisch für uns entscheidet.

Woraus messerscharf folgt: Wenn McCain gewinnt, dann liegt es nicht an den amerikanischen Wählern, sondern an ihrem Gehirn.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de