Ari Folman über Waltz with Bashir: "Ich bin kein Verschwörungstyp"

Ein Gespräch mit dem israelischen Regisseur Ari Folman über seinen dokumentarischen Animationsfilm "Waltz With Bashir" und den richtigen Weg, eine Geschichte zu erzählen.

Mag deutschen Fußball: Ari Folman. Bild: dpa

taz: Herr Folman, Sie sehen ein bisschen müde aus. Ist es der Jetlag?

Ari Folman: Nein, ich bin zwar erst vor wenigen Stunden von New York nach Berlin geflogen, aber mir geht es gut. Ich bin ja jetzt seit fünf Monaten auf der ganzen Welt mit "Waltz With Bashir" unterwegs. Und was dann etwas ermüdend ist, ist zum Beispiel die Frage: "Warum ist es ein Animationsfilm geworden?" Ich kann sie langsam nicht mehr hören.

Beginnen wir mit einer weniger wichtigen Frage. Warum danken Sie Bob Dylan im Abspann?

Das ist eine wichtige Frage! Dieser Mann und alles, was er geschrieben hat, ist eine Inspiration. Im Grunde denke ich, dass seine ersten sieben Alben, die er in nur sechs Jahren herausbrachte, eine Leistung sind, die ein normales menschliches Wesen nicht hätte erbringen können. Ich höre diese Platten immer noch. Und auch wenn ich nicht religiös bin, glaube ich, das war ein Geschenk Gottes.

Sie lassen in einer Kneipenszene ein Dylan-Poster auftauchen, das allerdings fast komplett von den Protagonisten verdeckt wird.

Es freut mich, dass das Poster endlich jemand entdeckt hat. Zunächst dachte ich auch daran, Dylans "Masters Of War" während des Abspanns laufen zu lassen. Aber den Song dann auch noch zu benutzen, wäre zu viel gewesen. Ich habe gemerkt, dass alles, wovon der Song handelt, schon im Subtext des Films vorhanden war.

Nun lässt sich die Frage nach der Technik…

…Sie meinen, warum Animation?

So ähnlich. Ihr Alter Ego besucht im Film einen Kameraden, um sich mit ihm an die gemeinsame Militärzeit zu erinnern. Er sagt: "Du kannst zeichnen, so viel du willst, Hauptsache, du filmst mich nicht!" Hatte er Angst vor der Lüge oder der Wahrheit der Kamera?

Dieser Satz sollte nur erklären, auf welche Art der Film gemacht worden ist. Eine Zeichnung hat etwas Beschützendes, das sehr scharfe Bild einer HD-Video-Kamera kann das oft nicht leisten.

Also ist Ihre Wahl des Mediums nicht so sehr eine Frage der Form, sondern der Würde, die den Protagonisten gelassen wird?

Vielleicht, ja. Der Mann, der nicht gefilmt wurde, hatte ein Problem damit, sich vor der Kamera zu exponieren. Aber dafür gibt es viele Gründe.

Das geht auch vielen so, die nicht unter traumatischen Kriegserlebnissen leiden.

In der Tat. Aber die meisten von denen, die auf meine Anzeige "Suche Soldaten, die 1982 im Libanon waren" reagierten, wollten vor die Kamera.

Es war sicher von Anfang keine Frage, dass "Waltz With Bashir" ein animierter Film werden würde?

Es gab keine Sekunde, in der ich den Film anders geplant hätte. Es gab für mich keinen anderen Weg, diesen Film zu machen.

Auch weil es kein originales Filmmaterial des Massakers gibt?

Nein, nein, das war nicht der Grund. Es ging mir auch nicht um praktische Aspekte oder darum, die Kosten für den Film niedrig zu halten. Es war einfach der richtige Weg, diese Geschichte zu erzählen. Schließlich geht es um Albträume und Erinnerungen.

Aber gab es auch politische Aspekte bei Ihrer Entscheidung, Zeichnungen statt Bilder zum Zeugen zu machen?

Auf eine philosophische Weise kann ich Sie fragen: Ist eine Person realer, wenn man sie von einer HD-Kamera gefilmt sieht, als wenn man sie malt? Gibt es eine höhere Instanz, die das entscheidet? Hätte ich das Ganze einen "animierten Spielfilm" genannt, wäre es kein Problem gewesen, aber eine "animierte Dokumentation" ist offenbar eine Provokation.

Wenn man nur Standbilder aus Ihrem Film sieht, denkt man an die gemalten Filme von Richard Linklater "A Scanner Darkly" und "Waking Life". Waren das Einflüsse für Sie?

Nein. "A Scanner Darkly" ist ein dummer Film. Mein Team mochte auch "Waking Life" nicht, aber den fand ich gar nicht so schlecht. Die Technik, die Linklater benutzt, ist zu aufdringlich. Man sieht, dass er einen Real-Film einfach übermalen ließ. Sie haben extra eine Software dafür entwickelt und präsentieren nun in erster Linie voller Stolz ihre Technik.

Mit welcher Technik sind Sie bei "Waltz With Bashir" vorgegangen?

Wir haben den kompletten Film ganz normal in einem Studio gedreht und so geschnitten, wie er jetzt ist. Die Sätze meiner Interviewpartner, die nicht vor die Kamera wollten, wurden von Schauspielern gesprochen. Dieser komplette Film wurde auch Testvorführungen unterzogen, um seine Dramaturgie zu überprüfen. Aufgrund dieser Vorlage wurde dann der ganze Film gewissermaßen nachgezeichnet.

Wie sehen Sie die gegenwärtige Entwicklung der Bilder, die stark vom Internet geprägt wird?

Filme sollten sich gegenüber diesen anderen Ästhetiken öffnen. All diese klaren Abgrenzungen zwischen Dokumentation und Spielfilm sind eigentlich veraltet. Man kann einfach den technischen Optionen der Bildbearbeitung nicht widerstehen, deshalb muss man mit ihnen spielen. Das Einzige, was Bestand haben wird, ist das Geschichtenerzählen. Man wird seinen Kindern immer Geschichten erzählen. Und die haben immer einen Anfang, ein Ende und etwas dazwischen.

Und die Frage, ob man einen Film zeichnet oder dreht, ist nur eine des Geschmacks des Geschichtenerzählers?

Mir persönlich geht es ums Entdecken. Ich respektiere Leute, die ihr ganzes Leben lang das Gleiche machen können, wie Woody Allen zum Beispiel. Ich habe in New York gerade seinen neuen Film "Vicky Barcelona" gesehen - der ist so frisch, da wirkt nichts abgenutzt. Aber so jemand bin ich nicht. Ich muss versuchen, neue Dinge auszuprobieren.

Vertrauen Sie noch Fotos und Filmen in den Zeitungen oder Fernsehnachrichten?

Ja, im Grunde schon. Ich bin nicht so ein Verschwörungstyp, der denkt, dass das alles gelogen ist. Aber ich bringe mich auch nicht ständig auf den neuesten Stand der Nachrichten. Das Einzige, was ich mir regelmäßig ansehe, sind Sportnachrichten. Ich weiß über den deutschen Fußball besser Bescheid als über israelische Politik.

Wirklich? Kennen Sie den TSG Hoffenheim?

Selbstverständlich. Die Entwicklung von Hoffenheim ist faszinierend.

Ist "Waltz With Bashir" aber nicht doch ein politischer Film?

Nein. Er ist ein Antikriegsfilm, aber vor allem ist er ein sehr persönlicher Film über Erinnerungen und Unterdrückung. Wenn Sie jemanden suchen, der besessen von Politik ist, gehen sie in die USA. Ich komme da gerade her, und die sind da zurzeit total besessen von Politik. Das finde ich gut, die wollen wirklich etwas ändern.

Das klingt so, als würden Sie selbst nicht an positive Veränderungen glauben?

Doch, doch. Aber wenn man erst mal damit anfängt, etwas Politisches verändern zu wollen, bekommt man nicht genug davon. Ich weiß nicht, ob das nur eine Ausrede war, aber alle Leute, die ich in New York treffen wollte, hatten keine Zeit. Sie waren irgendwo in Florida unterwegs, um für Obama die Werbetrommel zu rühren.

Haben Sie Anfang der 80er-Jahre, als Sie Wehrdienst leisteten, Sinn im Krieg gesehen?

Ja. Ich war ein ganz normaler Junge. Der Militärdienst ist eben ein selbstverständlicher Teil unserer Erziehung.

Auch in Deutschland sind selbst frühere Pazifisten der Grünen längst der Meinung, dass Krieg ein legitimes letztes Mittel der Politik sei.

Das denke ich nicht. Meistens heißt es dann: "Aber war der Krieg gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg nicht notwendig?" Okay, ja! Aber gibt es gegenwärtig irgendeinen Krieg, von dem man sagen könnte: Alles wurde getan, um ihn zu verhindern? Nein! Überall gibt es das gleiche Problem, wie bei uns in Israel. Nur die Politiker sind wirklich an Kriegen interessiert. Sie wollen ihre Macht behalten.

War "Waltz With Bashir" eine Art Therapie für Sie?

Er war viel mehr als das. Das Herumreisen, um Menschen zu treffen, sie über das, was ich getan habe und was sie getan haben, zu befragen; das dann im Studio zu wiederholen und zu schneiden, war viel mehr als eine Psychotherapie. Eine Therapie ist für mich eher so etwas wie Masturbation - sie funktioniert nicht. Ich habe es oft in meinem Leben probiert, aber ich glaube nicht an Psychotherapie.

Woran glauben Sie?

An die Liebe und daran, viele Kinder zu machen. Es ist wirklich unglaublich, eine große Familie zu haben.

INTERVIEW: RALF KRÄMER

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