Wolfsburger Gymnasium lehrt Warenkunde: Shopping als Lehrfach

Produkte transportieren Lifestyles und Werte. Sie bestimmen das Bild, das wir und andere von uns haben. Während der Identitätsbildung muss man Schülern helfen, das zu begreifen.

Im Kaufrausch: Menschen in Kölner Fussgängerzone. Bild: dpa

Warenkunde - das war einmal ein aus dem Geist der Aufklärung gespeistes Unterfangen. Es ist mehr als 200 Jahre alt und wurde von einem Göttinger Professor für Weltweisheit, Johann Beckmann, am Ende des 18. Jahrhunderts ins Leben gerufen. In Vorlesungen und Büchern setzte er sich mit der Herstellung von Produkten auseinander und vermittelte Kenntnisse zu den "vornehmsten ausländischen Waaren": Was Händler aus aller Welt mitbrachten, bedurfte einer genauen Untersuchung, um die Kunden vor Fehlkäufen zu schützen, ihnen aber auch Unsicherheiten zu nehmen.

Beckmanns Initiative führen Institutionen wie die Stiftung Warentest weiter. Da sich viele Konsumenten heutzutage jedoch mehr als von exotischen Gütern von zahllosen Produktneuheiten und -varianten überfordert fühlen, bilden vergleichende Analysen mittlerweile die Basis der Tests. Allerdings bleibt die Warenkunde dieser Art hinter dem zurück, was Beckmann und viele andere sich gewünscht hatten. Sie wollten Warenkunde als festen Bestandteil in die Lehrpläne an Schulen aufnehmen, sei es als eigenes Fach oder aber integriert in bereits bestehende Fächer.

Davon ist man weit entfernt - oder auch nicht. So gibt es an einem Gymnasium in Wolfsburg für die Oberstufe seit etwas mehr als einem Jahr das Seminarfach "Shopping". Darin geht es um Werbekampagnen, Schaufenstergestaltung und Markenprodukte, aber auch um Ebay oder Formen der Konsumverweigerung. Trotz dieser breiten Themenpalette ist ein solches Fach aber nicht unumstritten. Vor allem zwei Argumente hört man immer wieder: Sollten nicht zumindest die Schulen - so das eine - von den Interessen der Industrie freigehalten werden, als beinahe letzte Zonen, die der Kommerz noch nicht erobert hat? Im Übrigen sei der Konsum - so das zweite Argument - doch eine banale Angelegenheit, die an Schulen nichts verloren habe.

Dem ersten Argument ist entgegenzuhalten, dass sich die Schulen, gerade weil sie Orte relativer ökonomischer Unabhängigkeit sind, besser als etwa die Medien dazu eignen, kritische Verbraucher auszubilden. So lassen sich - ohne Angst vor Anzeigenboykotts betroffener Unternehmen - Produktionsprozesse rekonstruieren, um zu sehen, wer unter welchen Bedingungen an Herstellung und Vertrieb einer Ware beteiligt ist oder welche ökologischen Belastungen damit verbunden sind. Ziel einer schulisch vermittelten Warenkunde muss also sein, möglichst viele Kriterien zur Beurteilung von Produkten an die Hand zu geben, damit die Schülerinnen und Schüler von vornherein lernen, nicht bloß eindimensionale Kaufentscheidungen zu treffen, bei denen nur der Preis, ein Markenname oder ein Testimonial zählen. Zwar würden bei solchen Untersuchungen nicht alle Produkte gleich gut abschneiden, doch wäre es voreilig, einem Schulfach "Warenkunde" deshalb vorzuhalten, verkappt Werbung zu treiben. Durch die Transparenz, die ein entsprechender Unterricht erzeugt, wüchsen vielmehr die Ansprüche an die Produzenten. Nachlässig oder unverantwortlich hergestellte Waren hätten auf dem Markt endlich geringere Chancen, wäre der Konsum-IQ der Verbraucher besser entwickelt als bisher.

Doch ist die Schule dazu da, zum besseren Einkaufen auszubilden? Müssten dann nicht auch andere lebenspraktische Bereiche wie etwa Haushaltsführung unterrichtet werden? Die Welt des Konsums ist so maßgeblich geworden, dass es unehrlich wäre, so zu tun, als brauche man sich damit nicht auch reflektiert zu beschäftigen. Zwar ist den Kritikern zuzustimmen, dass viele Alltagsprodukte zu trivial sind, um sie auf eine Stufe mit Literatur und Kunst - anderen Gegenständen der Lehrpläne - zu stellen, doch werden Klischees nirgendwo einflussreicher inszeniert als in Design- und Marketingabteilungen. Längst sind Produkte Multiplikatoren von Lifestyles und Werten; vor allem tragen sie dazu bei, dass man in ihrer Benutzung Rollen einübt, die so zur zweiten Natur werden. Also ist es wichtig zu wissen, mit welchen soziologischen oder psychologischen Kategorien, ja auf Basis welcher Menschenbilder die Hersteller ihre Produkte entwickeln. Erst wer die Konsumwelt verstanden hat, weiß auch, zu was für einer Person er oder sie dadurch geworden ist. Gerade in den wichtigen Jahren der Identitätsbildung müsste man daher Schülerinnen und Schülern dabei helfen, zu begreifen, auf was sie sich mit ihren Kaufentscheidungen jeweils einlassen.

Mochten Generationen von Bildungsbürgern von einer ästhetischen Erziehung geträumt haben, so braucht es heute also eine warenästhetische Erziehung. Die gute alte Warenkunde ist um eine zeitgemäße neue Konsumkunde zu ergänzen und an die Schulen zu bringen. Wird das Gymnasium in Wolfsburg vielleicht schon bald Nachahmer finden? WOLFGANG ULLRICH

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de