In Frankreichs Gefängnissen

Suizidrate steigt um 18 Prozent

In Frankreichs Gefängnissen bringen sich immer mehr Gefangene um. Experten beklagen eine völlige Überbelegung der Zellen, viel zu lange Haftstrafen und eine mangelhafte Betreuung.

Schnürsenkel sind ein beliebtes Mittel zum Freitod im Gefängnis. Bild: photocase/zettberlin

PARIS taz Mit Schnürsenkeln, Betttüchern, Medikamenten oder Feuer - auf jede erdenkliche Art haben sich in diesem Jahr in Frankreich bereits 93 Gefängnisinsassen das Leben genommen, darunter zwei 16jährige. Zahlreiche weitere Gefangene haben es versucht. Hinter Gittern ist das Suizidrisiko sieben Mal höher als in der Freiheit. Nach Angaben der Organisation "Ban publique", ist die Selbsttötungsrate in den ersten zehn Monaten diesen Jahres um 18 Prozent gestiegen. Politiker der oppositionellen Sozialisten verlangen bereits ein Eingreifen des Staatspräsidenten: Nicolas Sarkozy, der mit dem Slogan "Null Toleranz" hartes Durchgreifen gegen Strafffällige versprach und der schon in seinem ersten Amtsjahr pauschale "Mindeststrafsätze" für Wiederholungstäter eingeführt hat, möge sich zum Schutz der Gefangenen einschalten.

Schon im vergangenen Jahrzehnt nahmen sich alljährlich rund 100 Gefangene in Frankreich das Leben. 2003 gab die französische Regierung deswegen eine Studie in Auftrag. Der Lyoner Psychiater Jean-Luc Terra besuchte 25 Gefängnisse, darunter alte und baufällige Einrichtungen sowie "Modellgefängnisse" neuerer Bauzeit, die europäischen Standard haben. Er fand eine extrem unterschiedliche Lage vor. In seinem Bericht empfahl er Fortbildungen für das Gefängnispersonal und eine personalisierte Betreuung von gefährdeten Gefangenen, bei der jeweils ein Wärter für die Betreuung eines suizidären Gefangenen zuständig ist.

Die Juristin Elsa Dujourdy von der Hilfsorganisation "Observatoire international des Prisons" (OIP), die Gefangene berät und regelmäßig Berichte über die kalamitöse Lage in den Gefängnissen veröffentlicht, macht mehrere Faktoren für die hohe Suizidrate verantwortlich: Zum einen die Überbelegung der Gefängnisse, wo mehr als 63.000 auf dem für 50.000 Personen vorgesehenen Platz eingesperrt sind; dann die scharfen Haftstrafen, die in Frankreich für viele Delikte deutlich länger sind als in europäischen Nachbarländern. Und schließlich die Stimmung im Lande, in dem eine Law-and-Order-Logik vorherrscht. Statt für systematische Gefängnisstrafen plädiert OIP für alternative Strafen. "Eigentumsdelikte sollten grundsätzlich mit anderen Sanktionen als Gefängnis geahndet werden", sagt Dujourdy, "beispielsweise Arbeiten im Interesse der Allgemeinheit."

OIP bemängelt auch, daß die medizinische und psychiatrische Betreuung der Gefangenen unzureichend ist. Erschwerend kommt hinzu, dass immer mehr alte Menschen sowie eine steigende Zahl von Jugendlichen in französischen Gefängnissen sitzen. Auch Carlo Di Egidio, Sprecher einer Gewerkschaft von Gefängniswärtern, beklagt Personalmangel. "Allein im Gefängnis von Metz Queuleu, wo 507 Gefangene auf 448 Plätzen inhaftiert sind, bräuchten wir 20 zusätzliche Beschäftigte, um unseren Auftrag ordentlich ausführen zu können", sagt Di Egidio.

Kritik an der Lage in den Gefängnissen kommt auch von internationalen Organisationen. So stellte im Jahr 2005 der damalige Entsandte des Europarates, Álvaro Gil Robles, nach einer mehrtägigen Inspektion in Frankreich fest, ein schlimmeres Gefängnis als "Les Baumettes" in Marseille habe er in Europa nur in Moldavien gesehen. Im Oktober diesen Jahres wurde Frankreich wegen eines Suizids im Gefängnis vom europäischen Menschenrechtsgerichtshof verurteilt. Das Gericht befand Frankreich schuldig, das "Recht auf den Schutz des Lebens" nicht verteidigt zu haben. Es war angerufen worden, nachdem sich ein psychotischer Insasse umgebracht hatte. Trotz mehrerer Suizidversuche war er nicht angemessen betreut worden.

Zur Überfüllung der französischen Gefängnisse tragen mehrere Faktoren bei: Die Zahl der Gefangenen ist seit 1995 um 10.000 Personen gewachsen. Zugleich werden die Gefängnisaufenthalte immer länger. Noch 2003 betrug die durchschnittliche Haftstrafe sieben Monate. Fünf Jahre später ist sie auf achteinhalb Monate gestiegen. Psychiater Terra sagt dazu: "Je länger der Verbleib im Gefängnis dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines Suizids."

Freilich sind die Opfer nicht unbedingt die Gefangenen mit den höchsten Strafen. Im Oktober nahmen sich zwei 16-Jährige binnen kurzer Zeit das Leben. Die Jungen hatten eine Weile dieselbe Zelle in der Abteilung für Minderjährige in Metz geteilt und waren kurz vor ihren Freitoden gegen ihren Willen voneinander getrennt worden. Sie waren wegen Diebstahls und Drogen inhaftiert.

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