Neue Pisa-Studie

Sachsen in der Weltspitze

Sachsen hat beim Bundesländervergleich der neuen Pisa-Studie die Nase vorn. Doch die Abhängigkeit von Bildungserfolgen vom Geldbeutel der Eltern bleibt groß.

Starke naturwissenschaftliche Tradition: Chemieunterricht in Frankfurt (Oder). Bild: dpa

BERLIN taz Die neue Pisastudie bringt eine echte Überraschung und zeigt gleichzeitig die alten, bekannten Probleme. Sachsen hat beim Bundesländervergleich von Pisa 2006 in allen drei Fächern die Nase vorn. Die 15-jährigen Sachsen liegen beim Lesen, in Mathe und dem diesmaligen Schwerpunkt der Tests, den Naturwissenschaften, innerhalb Deutschlands an der Spitze. Allerdings ist Sachsen in den Naturwissenschaften zugleich in die Weltspitze vorgedrungen. In einer internationalen Tabelle liegen die Leipziger, Dresdner und Freiberger mit 541 Punkten direkt hinter Finnland (563) und noch vor Kanada (534), Bayern (533) und Japan (531). Das geht aus der Studie Pisa E hervor.

Der Bildungsforscher Klaus Klemm von der Uni Duisburg-Essen führt dies einerseits auf die starke naturwissenschaftliche Tradition zurück, die es in Sachsen und den neuen Bundesländern gibt, andererseits auf die wenig selektive Schulstruktur Sachsens. Dort gibt es neben dem Gymnasium die sogenannten Mittelschule, die Haupt- und Realschulen einschließt. Einen isolierten Hauptschulabschluss machen in Sachsen und noch 10 Prozent der Schüler.

Das zweite wichtige Ergebnis der neuerlichen Pisastudie beschreiben die Forscher in etwa so: Die sozialen Nachteile bestimmter Bevölkerungsgruppen drücken sich immer noch stark aus. "Bei den Fünfzehnjährigen aus den OECD-Staaten Finnland, Japan, Kanada oder Australien zeigen sich noch deutlich geringere Zusammenhänge mit der sozialen Herkunft -- bei gleichzeitig höheren Kompetenzmittelwerten", heißt es im Kapitel über Chancengleichheit, das Max-Planck-Direktor Jürgen Baumert verfasst hat. Auf deutsch: Es geht voran auf diesem Gebiet -- aber viel zu langsam.

"Die Kopplung von sozialer Herkunft mit Kompetenz ist in allen Ländern Deutschlands zu hoch", schreiben die Autoren. "Der Schlüssel zum Erfolg besteht hier nach wie vor in der besonderen Förderung kompetenzschwacher Schülerinnen und Schüler." Nach wie vor hätten in einer Reihe von Ländern mehr als ein Viertel der Jugendlichen aufgrund ihrer Kompetenzen eine sehr ungünstige Prognose für ihre weitere Schul- und Ausbildungskarriere.

Ein Beispiel für die anhaltende soziale Schieflage im Schulsysstem ist auch die Gymnasialbeteiligung. Bei Jugendlichen aus der oberen Dienstklasse liegt sie in den Ländern zwischen 47 Prozent (Bayern) und 63 Prozent (Brandenburg). Hingegen besuchen von den Fünfzehnjährigen aus Familien von ungelernten und angelernten Arbeitern nur zwischen 8 Prozent (Bayern) und 20 Prozent (Thüringen und Sachsen-Anhalt) ein Gymnasium.

Kopfzerbrechen bereiten den Forschen zunehmen die deutschen Pisa-Misserfolge beim Lesen. Nur vier Bundesländer liegen über den Schnitt der OECD-Staaten. Beim Lesen, schreiben die Autoren, besteht nach wie vor der größte Entwicklungsbedarf, gerade auch an den Gymnasien. Nur in einigen Ländern (Sachsen-Anhalt, Bremen, Brandenburg, Sachsen, Saarland) ist es gelungen, die Lesekompetenz seit PISA 2000 nennenswert zu verbessern." Die "sehr langsamen und zögerlichen Fortschritte im Lesen lassen sich nun nicht mehr durch Unkenntnis der Schwächen begründen. Erforderlich werden große und flächendeckende Anstrengungen zur Verbesserung der Lesekompetenz in den Ländern."

Wie eine gerade vorgestellte Vorlesestudie der Stiftung Lesen zeigt, geben Schüler an, dass ihnen 37 Prozent ihrer Eltern nicht vorlesen. Wichtig scheint der Übergang von der Kita zur Grundschule zu sein. Bekommen noch 90 Prozent der Kinder im Vorschulalter vorgelesen, so sinkt dieser Wert nach der Einschulung fast auf die Hälfte ab. Die knapp 900 intensiv befragten Kinder sagten, dass nur 2 Prozent von ihnen in der Kita oder in der Schule häufig vorgelesen wird.

Für die so genannte erweitere Pisastudie, kurz Pisa E, wurden 57.000 Schüler in ganz Deutschland getestet. Beim Leseverständnis stehen ebenfalls Sachsens Jugendliche an der Spitze -- mit 512 Punkten vor Bayern mit 511 Punkten, und weit hinter Korea (556) und Finnland (547). In Mathematik stehen die Sachsen (523) vor Japan und Bayern (522) -- und relativ weit hinter Finnland (548) und Korea (547). So erfreulich es ist, dass diverse Bundesländer weit nach oben gerutscht sind, so bleiben die Pisa-Nachzügler weit abgeschlagen. Hamburg und Bremen stehen in allen Disziplinen weit hinten, außer in Naturwissenschaften, da liegt Bremen allein am Tabellenende. Der Rückstand auf die deutschen Spitzenländer beträgt etwa zwei Lernjahre.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben