Sampdoria-Genua-Kapitän Cassano: "Ball nach vorn, den Rest mache ich"

Antonio Cassano, Mannschaftskapitän von Sampdoria Genua, ist der wohl letzte Straßenfußballer, den der alte Kontinent hervorgebracht hat.

Löst sein Versprechen tatsächlich ein: Antonio Cassano. Bild: dpa

Der Verein für Bewegungsspiele aus Stuttgart darf sich freuen. Elf seiner nach Genua reisenden Angestellten dürfen bei der Show des wohl letzten Straßenfußballers vom alten Kontinent heute Abend die besten Plätze einnehmen. Antonio Cassano heißt der Kicker, ist 26 Jahre alt und verfolgt ein berückend einfaches Konzept: "Haut den Ball nach vorn, den Rest besorge ich", pflegt er seinen Mannschaftskameraden zu sagen. Was für ein Satz! Selbst Neunjährige sind heutzutage ja bereits auf Positionen festgelegt, müssen Ketten, Rhomben und Triangel spielen, die zu dem Zeitpunkt, an dem sie ins Verdienstalter kommen, schon längst als die Mode von vorgestern aussortiert sind.

Antonio Cassano wiederholt seinen Kernsatz nicht nur immer wieder, er löst sein Versprechen tatsächlich ein. Oft auf dem Kreidestrich links außen wartend pflückt er die heranfliegende Kugel vom Himmel herunter. Mit der ersten zärtlichen Berührung legt er sich den Ball so vor die Füße, dass der Weg zum Tor frei ist. Dann hetzt er los und macht sich einen Spaß daraus, den Ball ganz sanft im Netz zu versenken oder ihn auf Kopf oder Fuß seiner Mitspieler zu platzieren.

Besser als die elende Rennerei über den Rasen gefällt dem Mann mit der Rückennummer 99 (Referenz an das Jahr, in dem er als 17-Jähriger Inter Mailand mit seinem Debüttor in der Serie A düpierte) die Fummelei auf engstem Raum. Dann streichelt er das luftgefüllte Streitobjekt mit Sohle, Ferse oder Zeh, schiebt es zwischen seinen Füßen hin und her, so dass Stadionbesucher glauben, sie wohnten einem Hütchenspieler bei dessen trickreicher Vorführung bei. Und schließlich schlängelt er sich an ein, zwei, drei hypnotisiert scheinenden Gegenspielern vorbei und lässt einen Billardkick in Richtung Gehäuse los. Klar, des Öfteren mutet er sich zu viel zu und bleibt im gegnerischen Gebein hängen. Er rauft sich dann die Haare, hebt klagend die Arme, sinkt manchmal sogar verzweifelt auf den Rasen. Meist aber findet er schnell das Lachen wieder und freut sich auf einen neuen Tanz mit Ball und Kontrahenten.

Das Leben sieht Cassano ebenso einfach wie das Fußballspiel. "Wenn ich nicht mit dem Talent für den Fußball gesegnet worden wäre, wäre ich wohl ein Dieb geworden. Ich kann doch nichts anderes", sagt er mit Blick auf seine von Armut und Kriminalität umstellte Kindheit. Gleichzeitig möchte er sie nicht missen. "Niemand hat damals auf mich aufgepasst. Es gab keine Regeln. Erst als ich mit dem Fußball begonnen habe, hat man mir gesagt, was ich von früh bis abends zu machen habe." Daran gehalten hat er sich nicht. Legendär sind seine Frauengeschichten in Rom und Madrid. Zum Trainingszentrum Trigoria hatte er sich einen Schlüssel besorgt und römische Schönheiten zum Stelldichein auf Massagebänken oder in den Umkleidekabinen der Nachwuchsmannschaften eingeladen. In seiner Zeit bei Real Madrid hat er das Sex-vor-dem-Spiel-Verbot noch eleganter umgangen. Im Teamhotel mietete er für seine aktuellen Spielgefährtinnen ein Zimmer unter dem seinen.

"17 Jahre lang habe ich als armer Teufel gelebt, 9 als Millionär. Mir fehlen noch 8, um das Verhältnis auszugleichen", rechnete Cassano vor, als er in der letzten Woche seine Autobiografie "Ich sage alles" vorgestellt hat. Spötter meinen, mit diesem Werk hat er die Liga derer erreicht, die mehr Bücher geschrieben als gelesen haben. Cassano schert das nicht. Er gibt zu, dass ihm der Schulabschluss quasi geschenkt wurde. Sechsmal ist er durchgefallen. Irgendwann hatte jemand Erbarmen mit dem Jungen, der Inter Mailand zur Strecke gebracht hatte.

Den trotz seiner 26 Jahre noch immer nicht ganz Erwachsenen zeichnet aus, dass er auch Erbarmen mit anderen kennt. Er hat Exnationalcoach Roberto Donadoni öffentlich seine Sympathie bekundet, als dieser von der Lippi-hörigen Verbandskamarilla rüde aus dem Amt gedrängt wurde. Er zählte Roberto Mancini, seinen Genie-Vorgänger bei der Sampdoria, auch dann noch zu seinen Freunden, als dieser schnöde abserviert wurde, um José Mourinho als Inter-Trainer Platz zu machen. Und am letzten Sonntag schenkte er Walter Zengas Catania erst zwei Treffer ein und tröstete danach den früheren Nationaltorhüter.

Weil Cassano auf dem Rasen weniger mit Schiedsrichtern schimpft als früher und als frisch ernannter Sampdoria-Kapitän sogar schon Hitzköpfe in den eigenen Reihen vor Herausstellungen bewahrt, seine anarchischen Instinkte am Ball aber bewahrt hat, hält die Gazzetta dello Sport ihn inzwischen für "reif für den Louvre". Eine bemerkenswerte Entwicklung für den wegen seiner Ungebildetheit oft Verlachten.

Die Schwaben können sich doppelt freuen. Sie fahren nach Genua und sehen ein Louvre-würdiges Kunstwerk. Wenn sie nicht aufpassen, wird ihnen sogar eine Preziose ins Netz gelegt.

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