Deutsche Sprinter: "Ja, wir sind zu langsam"

Der Trainer von Tobias Unger, Deutschlands bestem Sprinter, gibt im ungleichen Kampf gegen die weltbesten Athleten auf. Immerhin glaubt er noch an ein dopingfreies Europa.

Ohne Doping kein Anschluss an die Weltspitze für Tobias Unger. Bild: dpa

Mickey Corucle flüchtet sich in Sarkasmus. Die Frage, ob es vorstellbar sei, dass der Doppel-Weltrekordler Usain Bolt wie vor wenigen Tagen angekündigt 2010 auch die 400-Meter-Bestmarke unterbietet, will der Trainer des deutschen Spitzensprinters Tobias Unger nicht ernsthaft diskutieren. "Mithilfe seiner Yamswurzeln wird das wohl möglich sein", sagt Corucle trocken. Diese in der Karibik verbreitete Knolle soll ja nach Angaben von Bolts Vater das Geheimnis der Leistungsfähigkeit des jamaikanischen Wunderläufers sein, der bei den Olympischen Spielen in Peking dreimal Gold gewann und über 100 Meter (9,69 Sekunden) und 200 Meter (19,30) Weltrekord rannte.

Thomas Kremer, 400-Meter-Bundestrainer im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), findet Bolts Ankündigung "interessant". Aufgrund seiner Größe und seines Körperbaus sei Bolt ohnehin eher ein 400-Meter-Läufer als ein Sprinter. "Für uns war seine 100-Meter-Leistung viel eher eine Überraschung", sagt Kremer. Über die Ehrlichkeit Bolts will er nicht spekulieren. Kremer sagt: "Der Junge ist einfach fantastisch, seine Lauftechnik ist einzigartig."

Micky Corucle fügt noch an, beim Gemüsehändler an der Ecke auch ein paar Yamswurzeln bestellt zu haben. Dann fällt jeglicher Sarkasmus von ihm ab, und er sagt mit bitterem Ernst: "Ich werde die Weltleichtathletik künftig ignorieren." Im Zusammenhang mit Usain Bolt sind Corucle zwei Dinge aufgefallen: Bei den Olympischen Spielen 2004 und bei der Leichtathletik-WM 2005 in Helsinki sei Bolt noch "ein Strich in der Landschaft" gewesen, halb so muskulös wie heute. In Athen trat er im Vorlauf gegen Tobias Unger an und schied aus. Der Kornwestheimer kam ins Finale und wurde Siebter - ebenso wie in Helsinki, wo Bolt auf Rang acht hinter ihm landete. In Peking beobachtete Corucle den sichtlich kräftigeren Usain Bolt dann vor dessen Fabelläufen auf dem Aufwärmplatz: Der Jamaikaner habe sich kaum aufgewärmt, er ließ sich nach wenigen kurzen Antritten lediglich ein bisschen die Füße massieren. Corucle wird wieder sarkastisch: "Alle meine Kenntnisse sind gleich null, wenn ich das sehe."

Das Wort "Doping" kommt dem deutschen Trainer nicht über die Lippen. Aber er sagt: "Tobias ist der schnellste deutsche Läufer seit 25 Jahren, ich weiß nicht, wie ich meine Athleten mit legalen Mitteln noch schneller machen soll." Und: "Wenn der internationale Leichtathletik-Verband das nicht stoppen kann, machen wir eben unsere eigene Leichtathletik." Das heißt: "Olympia und Weltmeisterschaften interessieren mich nicht mehr." Er und seine Athleten wollen dort nur noch mit dem olympischen Gedanken "Dabei sein ist alles" antreten. "WM-Jahre werden Regenerationsjahre", sagt Corucle, "ich messe mich nicht mehr mit Athleten, die aus Ländern kommen, die keine nationalen Kontrollsysteme haben."

Bei diesem Plan kommt ihm entgegen, dass der europäische Leichtathletik-Verband (EAA) entschieden hat, künftig alle zwei und nicht wie bisher alle vier Jahre Europameisterschaften zu veranstalten. Zusammen mit den Hallen-Europameisterschaften gibt es jetzt somit jährlich eine EM. "In Europa haben wir eine saubere Leichtathletik", meint Corucle, "nur Weißrussland müsste noch mitmachen."

Warum er in einem Europa der Tour-de-France-Skandale davon überzeugt ist? Weil die Leichtathletik deutlich weniger Geld habe und damit weniger anfällig für flächendeckendes Doping sei, sagt Corucle. Außerdem sei durch die Überführung von sieben russischen Medaillenkandidaten im Vorfeld der Olympischen Spiele deutlich geworden, "dass in Europa fast alle gelernt haben, was richtig ist".

Corucle hofft, viele Athleten und Trainer in Europa zu einem ähnlichen Verhalten animieren und den Weltverband IAAF so zu einem härteren Antidopingkampf zwingen zu können. Wer ihm vorwirft, einfach nur vor der besseren Konkurrenz zu fliehen, bekommt als Antwort: "Ja, es ist eine Tatsache, wir sind zu langsam für die Welt."

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